Japanreise
Herbst 1999
Reisebericht (4/4)

Im Herbst 1999 habe ich Japan ein viertes Mal für drei Wochen besucht.

K-500 Shinkansen

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18. Tag, Kyoto (Montag, 1.11.)

Auch an diesem Tag unternehme ich so gut wie nichts (und setze mich damit der Gefahr aus, als Kulturbanause zu gelten) während Markus von Tempel zu Tempel, von denen es in Kyoto wahrhaftig genug gibt, pilgert. Zuerst suche ich erneut das Internet Café «Aspirin» auf. Dort erwartet mich eine erfreuliche Überraschung: Vor der Abreise hatte ich einer japanischen Bekannten, welche ich im Frühjahr bereits kennengelernt hatte, geschrieben, ob wir uns nicht zu einem Abendessen treffen möchten. Da bisher aber keine Antwort eingetrudelt war, hatte ich dies schon längst abgeschrieben. Um so mehr freut es mich, als ich in meiner Mailbox nicht nur eine Antwort, sogar eine Zusage habe. Also schreibe ich zurück und - so schwer es mir auch fällt, alles andere wäre aber sehr unhöflich gewesen - teile ich ihr auch mit, dass ich noch einen Kollegen dabei habe und mache für den nächsten Abend ab.

Nach ein bisschen «läddele» (wie wir Schweizer dem Shopping zu sagen pflegen) kehre ich ins Hotel zurück und suche den Badeklub auf. Dieser ist zwar sehr teuer und bei weitem nicht so schön, wie ein rotemburo in einem richtigen Badeort, er hat aber zwei grosse Vorteile: Zum einen gibt es ein Schwimmbecken, in dem man ein paar Runden drehen kann (und da es ein kurzes Becken ist, werden es tatsächlich recht viele). Weiter ist das Publikum recht interessant: Da sich nur reiche Geschäftsleute (und Informatiker auf Urlaub) solche Klubs leisten können, ist die Dichte von gut Englisch sprechenden hier besonders gross. Das funktioniert auch heute wieder und in der Entspann-Lounge setzen ich und ein Geschäftsherr unsere im Bad begonnene Unterhaltung lange fort. Irgendwann kommen wir auf das Thema Sushi zu sprechen und er bestätigt mir nicht nur, dass das Sushi in Keio-Plaza eines der besten Japans ist, er gibt mir auch Tipps, wo in Kyoto ich hingehen soll. Zuerst empfiehlt er eine Bar, in der der Toro nicht nur unschlagbar günstig sondern auch gut sei. Leider ist diese am anderen Ende der Stadt und ich will weder mir noch Markus diese Weltreise antun. Aber das ist auch nicht nötig: Er empfielt uns, in eine kleine Sushibar um die Ecke zu gehen (vielleicht 20 Meter vom Hotel). Nach dem Bad schaue ich dort noch rasch vorbei und erkundige mich über die Öffnungszeiten, welche glücklicherweise vergleichsweise lang sind.

Auch wenn diese Aufnahme aus Miyajima stammt, könnte sie genausogut in Kyoto entstanden sein.

Als ich wenig später Markus, der soeben von einem weiteren Kulturtripp zurückkommt, in der Lobby treffe, ist er von diesem Vorschlag auch sehr angetan und so gehen wir in diese Bar. Da wir unjapanisch spät dran sind, sind neben dem Personal nur noch zwei weitere Gäste anwesend. Zwar hat die Bar aussen ein kleines Schild in Englisch, Ausländer scheinen aber dennoch nicht ein- und auszugehen und der Chef ist zwar sehr freundlich aber dennoch, wie so oft, etwas reserviert. Wir haben ihn aber schnell davon überzeugt, dass wir nicht unser erstes Sushi essen und er keine Perlen vor die Säue wirft. Das wir - Wunder über Wunder - sogar Japanisch sprechen trägt ebenfalls sehr zur schnell lockerer werdenden Atmosphäre bei - es ist nicht unüblich, dass das Auftauchen von Ausländern erst für einen milden Schock sorgt, dieser lässt aber in aller Regel in wenigen Minuten nach, insbesondere wenn es den Fremden schmeckt.

Als wir unseren stärksten Hunger gestillt haben und der Chef ein bisschen entspannen kann, fängt er mit den beiden Gästen, offensichtlich Stammkunden, japanische Lieder zu singen an. Als er merkt, dass uns das durchaus gefällt, bietet er uns einen Sake an. Damit ist das Eis gebrochen und die grosse Fragestunde kann beginnen: Wir sind fortan der Mittelpunkt des Lokals und wir fangen an, uns gegenseitig Runde um Runde Sake zu spendieren. Bald erfahren wir, dass dies ein Familienunternehmen ist, und die Dame, welche sogar Englisch spricht, die Tochter des Chefs ist und zusammen mit ihrem Mann (das bleibt allerdings eine Vermutung, gehört er doch eindeutig zu den scheueren Zeitgenossen) den Laden schmeisst. Einer der Gäste ist ein waschechter Kimonomacher und als der Alkoholpegel schon ziemlich hoch ist, holt er, sehr zum Verdruss der Chefin, auf schon sehr unsicher wirkenden Füssen ein Familienbild der Eigentümer von der Wand: Auf diesem zeigt er uns sie im Kimono, den natürlich er gescheidert hatte. Mit jedem Sake stelle ich fest, dass der Tochter die Sauforgie des Vaters ganz und gar nicht zusagt und ich frage sie immer wieder, ob wir wohl besser gehen sollten. Das verneint sie natürlich heftig und ich vermute, dass es eine ganz und gar dumme Frage ist: Was soll sie einem Gast schon anderes sagen?

Langsam aber sicher machen sich bei den Japanern ernsthaftere Ausfallerscheinungen bemerkbar und der erste der Gäste verlässt das Lokal heftig torkelnd und nicht ohne Unterstützung der einzigen nüchternen Personen im Lokal. Aber wir lassen uns nicht stören und das Wort «kampai» (Prost) fällt noch oft an diesem Abend. Irgendwann ist es für den Kimonomacher ebenfalls zuviel und er muss bereits herausgetragen werden. Wir beschliessen, dass wir wohl schon genug Schaden angerichtet haben und bezahlen die in der Zwischenzeit astronomische Rechnung und verabschieden uns überschwenglich. Draussen erwarten wir eigentlich den Kimonomacher beim Schlafen zu stören, aber er ist auf wundersame Art verschwunden und die Art und Weise, wie er nach Hause gekommen ist, wird wohl immer ein Rätsel bleiben - ein paar Minuten früher war er auf jeden Fall kaum mehr ansprechbar. Auf dem Rückweg zum Hotel besprechen wir noch, welch grausiges Schicksal den Chef am nächsten Morgen erwarten würde - die Körpersprache und der Gesichtsausdruck seiner Tochter hat auf jeden Fall keinen Zweifel an deren Missfallen gelassen und lässt wenig Gutes ahnen. 

Eines hat der Abend aber deutlich gezeigt: Japaner vertragen Alkohol wirklich sehr schlecht. Während unsere Trinkkameraden an einer mittleren Alkoholvergiftung zu leiden schienen, geht es uns eigentlich noch sehr gut und so finden wir uns schon bald in der Hotelbar wieder, wo wir uns noch den einen oder anderen Drink genehmigen.

19. Tag, Osaka (Dienstag, 2.11.)

An diesem Morgen haben sich die Ohrenschmerzen, welche Markus schon seit einigen Tagen geplagt haben, verschlimmert und er beschliesst, einen Arzt aufzusuchen. Während dieser Zeit übernehme ich das Auschecken und aufgeben der Koffer nach Osaka (eine Kleinigkeit) und den Versand zweier Pakete nach Hause. Dies stellt sich aber schnell als Riesenproblem heraus. Nicht nur haben die beiden jüngeren Angestellten, welche das übernehmen müssen, wenig bis gar keine Erfahrung darin, Pakete in die Schweiz zu senden. Schlimmer noch ist, dass die Verifikation meiner Kreditkarte über eine halbe Stunde dauert. Da ich mir die Ferien nicht vermiesen wollte, frage ich gar nicht erst, wieviel es eigentlich kosten sollte (es blieb mir auch kaum was anderes übrig als die Pakete so oder so aufzugeben, da ich wirklich keine Lust hatte, diese nach Osaka zu schleppen). In der Schweiz musste ich allerdings bald herausfinden, dass das Porto proportional zur Wartezeit war und in meiner persönlichen Portohitparade einsam Platz 1 belegt - dafür wurden die Pakete bereits am übernächsten Tag in der Schweiz abgeliefert...

Danach warte ich bei Kaffee und Kuchen auf Markus, der wenig später mit beruhigendem Bescheid eintrifft. Weniger begeistert war er allerdings vom Arzt: Japan hat ein dem englischen nicht unähnliches, öffentliches Gesundheitssystem und ist vom Luxus schweizerischer Privatarztpraxen meilenweit entfernt. Er macht sich auch grösste Sorgen über die Qualität - eine Sorge die ich mit Hinweisen auf die ausgezeichnete Gesundheitsstatistik Japans - u.a. die höchste Lebenserwartung der Welt - zu zerstreuen suche. Wenig später fahren wir mit dem Taxi zum Bahnhof von Kyoto, einen Weg den ich ja in der Zwischenzeit gut kenne.

Eine der neusten Errungenschaften der JR, der Serie 700 Shinkansen mit seinem typischen Entenschnabel.

Wir haben für die 12 Minuten Zugfahrt nach Osaka keine Reservation, nur ein Ticket gelöst (zur Not kann man ja stehen) und gehen aufs Gleis um den erstbesten Hikari nach Osaka zu schnappen. Dort angekommen ertönen gerade die Warnsirenen, dass ein Zug am Abfahren ist. Und da es ein Hikari ist und der sogar in unsere Richtung geht, hüpfen wir auf meinen Vorschlag hin noch rasch rein. Als wir so durch den Zug laufen und die Wagen ohne Reservation suchen, höre ich beiläufig die Stationen, an welchen der Hikari bis zu seinem Ziel Tokyo noch bedient. Irgendwie komme ich nicht umhin festzustellen, dass Osaka dabei wenig Erwähnung findet. Also rufe ich mir eine Eisenbahnkarte von Japan in Erinnerung und lasse sie vor meinem geistigen Auge Revue passieren. Als die Durchsage wiederholt wird, habe ich Gewissheit, dass wir im falschen Zug sind. Nicht nur habe ich dieses Jahr zum ersten Mal in meinem Leben einen Zug verpasst - ich schaffe noch eine weitere Premiere: Ich bin im kreuzfalschen Zug! Es fällt mir nicht leicht, dies Markus einzugestehen und meine gestammelte Feststellung, dass es immer zwei brauche, um in den falschen Zug zu steigen, hilft mir über mein Elend und seinen Spott auch nicht wirklich hinweg.

Wenigstens trifft mich nicht noch der Spott des Schaffners, der vermutlich von einem Ausländer eh nichts anderes erwartet, und er erklärt uns des langen und des breiten, dass wir an der nächsten Station, Nagoya, umsteigen und zurückfahren sollen. Ich fühle mich behandelt wie ein Kind, bin aber wohl nicht in der Situation den Beleidigten herauszuhängen und hoffe nur, dass die ganze peinliche Situation so rasch als möglich hinter mir ist. Er ist aber sehr freundlich und unser Lapsus hat noch nicht einmal finanzielle Folgen. In Nagoya angekommen, kann ich Markus noch rasch das Bahnhofsgebäude zeigen (somit hatte die Fahrt doch etwa gutes, der Bahnhof ist wirklich beeindruckend) und wir steigen auf den Vorschlag von Markus in den bereitstehenden Kodama und warten nicht auf den empfohlenen Hikari. Da ich noch nie in einem Kodama, dem langsamsten aller Shinkansens, unterwegs war, lasse ich mich schnell überzeugen. Der Kodama hält wirklich an jeder «Hundsverlochete» (Nagoya-Post, Nagoya-Industrie, Nagoya-Säge etc.) und bleibt auch immer mindestens 5 Minuten stehen - das ist wohl nötig, weil er die Hikaris und Nozomis überholen lassen muss. So wird aus der Fahrt zurück, welche im Hikari immerhin 50 Minuten in Anspruch nahm, eine fast 2-stündige Fahrt. Aber irgendwann kommen wir schliesslich doch noch in Osaka an, wenn auch rund 3 Stunden später als geplant.

Aber das erspart uns wenigsten, uns grosse Gedanken über das Programm zu machen. Da wir eine Verabredung haben, müssen wir uns schon fast beeilen. Nach dem Einchecken im «Nankai South Tower Hotel» gehe ich noch in den exzellenten Badeklub des Hotels um mich frisch zu machen und mich ein bisschen zu entspannen. Bald darauf bin ich in der Hotelbar, wo wir abgemacht haben.

Da wir alle pünklich sind, bleibt noch ein bisschen Zeit, uns einen Drink zu genehmigen und die Grenzen der Kommunikation sowohl auf Japanisch als auch auf Englisch auszutesten: Wir ergänzen uns hervorragend, Markus und ich sind beim Japanisch schnell mal am Ende, unseren beiden Begleiterinnen geht es beim Englisch ebenso. Aber bei einem, für Aussenstehende wohl arg skurril wirkenden japanisch-englischem Mischmasch geht es eigentlich ohne grössere Probleme. Bald brechen wir zum Restaurant auf und ich bin schon sehr gespannt, was genau auf dem Programm stehen würde.

Die Spezialität des Restaurants ist Tempura zum Selberbasteln. In der Mitte des Tisches ist ein versenkter Topf mit heissem Öl und auf einer riesigen Platte liegen die Zutaten feinsäuberlich aufgespiesst bereit. Man braucht sie nur noch zu nehmen, in einen grossen Bierkrug mit Teig zu tauchen und ins Öl zu stecken. Eine wirklich gute Idee: Neben der Tatsache, dass es durchaus unterhaltsam ist, hat es noch die Vorteile, dass die Tempura wirklich frisch sind und man die Zutaten (Shrimps, Gemüse und Pilze) im Rohzustand sieht. Dazu noch ein Tipp aus eigener schmerzhafter Erfahrung: Es empfiehlt sich ganz und gar nicht, die Tempura sofort in den Mund zu stecken sondern sie erst eine Weile auf dem bereitliegenden Papier abkühlen zu lassen. Vermutlich ist das jedem vernunftbegabten Menschen klar - mir war das aber einmal mehr nicht so klar...

Als Vorspeise gibt es unter anderem Sashimi und auch nach den Tempura gibt es noch allerlei zu essen, so etwa «chawanmushi», einer Eierspeise, welche in einer Tasse («chawan» heisst Tasse während «mushi» Dampf bedeutet und darauf hinweist, dass das ganze im Dampf gegart wird) serviert wird und zusätzlich Fisch, Meeresfrüchte und diverse Gemüse enthält oder «chazuke». Chazuke ist eine für uns wohl eher erstaunliche (Markus und ich haben erst etwas ungläubig aus der Wäsche geschaut) Mischung aus Reis und Tee. Über eine Schüssel Reis streut man ein Gewürz oder eine kleine Einlage (in unserem Fall kleine Kügelchen, eine Art Suppenbeilage) und giesst grünen Tee darüber, fertig! Schmeckt ganz ausgezeichnet und ist übrigens eine sehr findige Art, Reisreste wiederzuverwerten. Zum Schluss gibt es das japanische Standarddessert: Früchte und Ice-Cream.

Nach diesem sehr guten Abendessen kugeln wir uns wieder zurück zum Hotel (wie in aller Welt schaffen es die Japaner bloss, bei der ganzen Esserei schlank zu bleiben?) und machen noch einen Abstecher in die Skylounge «Arc-en-Ciel» im obersten Stockwerk des Nankai South Towers. Allerdings lohnt es das Anstehen nicht wirklich: Die Bar ist riesig und wenn man wie wir ohne Reservation auftaucht und irgendwo in der Mitte einen Tisch erhält, sieht man von Osaka nicht wirklich viel. Die Drinks sind zwar mickerig und horrend teuer, sie sind aber zumindest professionell gemacht und schmecken gut. Aber aus Rücksicht auf die Brieftasche empfiehlt es sich nicht, einen allzugrossen Durst an den Tag zu legen. So lassen wir bei Livemusik und ein paar Drinks den sehr angenehmen Abend ausklingen.

Nachdem wir unsere Begleiterinnen verabschiedet haben und sie wohlbehalten auf dem Rückweg nach Hause sind, beschliesse ich, den Abend, der leider schon wieder der zweitletzte ist, noch ein bisschen in die Länge zu ziehen. Dummerweise erhält man in Hotels immer nur einen Schlüssel und im Nankai South Tower ist es noch schlimmer: Ohne Schlüssel lässt sich das Zimmer überhaupt nicht benutzen, da er in eine spezielle Schale gelegt werden muss, um Beleuchtung und Fernseher zu aktivieren. Aber eine Lösung ist schnell gefunden: mein Taschenmesser (das ich als echter Schweizer natürlich dabei habe) genügt auch und hat einmal mehr seine Nützlichkeit bewiesen. Damit ist dieses Problem gelöst und ich kann noch einmal «uf d'gass» und mir ein bisschen die aktuellen Spiele in den Spielsalons anschauen. Wirklich viel neues gibt es hier nicht zu berichten und so bin ich recht bald wieder zurück im Hotel und leg mich ebenfalls schlafen.

20. Tag, Osaka (Mittwoch, 3.11.)

Der letzte volle Tag in Japan ist immer der gleiche Stress: Neben den kleinen Geschenken, welche man den Lieben zuhause fast mitbringen muss, gibt es noch das eine oder andere, was man für sich selber gerne kaufen möchte.

So mache ich mich am Morgen schon bald Richtung meiner ersten Station auf: Umeda. Zuerst werfe ich einen Blick in den Bücherladen Kinokuniya rein. Da ich aber schon in Kyoto tüchtig eingekauft hatte, finde ich hier nichts mehr von Interesse und bummle noch ein bisschen in Umeda rum und schaue in den einen oder anderen Anime- und Mangaladen rein. Aber auch hier werde ich nicht fündig und bald bin ich Richtung «Den-Den-City», dem Einkaufsparadies für alle Arten von Elektronik in Osaka, unterwegs.

Als ich auf einen Videoladen zulaufe, bleibt mir fast das Herz stehen: Schon von weitem entdecke ich die lebensgrossen Pappfiguren der beiden Heldinnen Miyuki und Natsumi aus «You're under Arrest», meinem absoluten Lieblingsanime, welche das Erscheinen ihres neuen und ersten richtigen Films ankündigen. Ich prüfe kurz das Erscheinungsdatum - der 28. 10. - und begebe mich frohgemut in den Laden. Leicht nervös suche ich in den Regalen nach dem richtigen Film, was aufgrund des für mich vollständig undurchsichtigen Ablagesystems (alphabetisch geht ja schlecht) eine ganze Weile dauert. Als ich es endlich gefunden habe, kann ich den Film dennoch nicht finden. Also frage ich nach und nach einigem Hin- und Her verstehe ich endlich, warum ich den Film nicht finden kann: Nicht der 28.10. ist der Erscheinungstag, es ist der 28.11.! Da war wohl der Wunsch der Vater des Gedankens...

Beim Herausgehen überlege ich noch, ob ich einen Versuch starten soll, dem Händler wenigstens eines seiner vielen Plakate abzuschwatzen. Aber aufgrund von zu erwartenden Transport- und Sprachschwierigkeiten lasse ich diesen Gedanken bald wieder fallen - es wäre wohl auch schwierig, so etwas vor dem Erscheinen eines Titels zu kaufen. Leicht frustriert gehe ich ins Hotel zurück, wo ich mich ein bisschen entspanne und dann alleine wieder Richtung Abendessen entschwinde. Mit Markus hatte ich abgemacht, dass ich heute Yakitori essen gehen würde. Da Markus für Innereien ganz und gar nicht zu bewegen ist, haben wir uns entschlossen, getrennte Wege zu gehen.

Bald ist eine Yakitori Bar gefunden und mit ein bisschen Sesselrücken ist auch ein Platz für mich schnell gefunden. Mit einer Bierbestellung lenke ich kurzzeitig von der Tatsache ab, dass ich nicht die geringste Ahnung habe, was ich eigentlich bestellen soll. Einfach Yakitori kann man in einer solchen Bar natürlich nicht bestellen, da sie davon mindestens ein gutes Dutzend Variationen auf Lager haben. Also sitze ich ein bisschen ratlos rum und versuche dann dem Koch mitzuteilen, dass er mir «einfach irgendwelche» Yakitori bringen soll. Nach einigem zähem Japanisch-Englischem Hin- und Her, welches wohl eher die übrigen Gäste belustigt als mich meinem Ziel schnell näher bringt, klappts dann doch irgendwie, dass er mir eine kleine Auswahl von Spiesschen serviert.

Aber zum Glück gehts nicht lang, bevor ich mit zwei meiner Nachbaren, japanischen Geschäftsleuten auf dem Feierabendumtrunk, ins Gespräch komme. Nicht nur helfen sie mir, verschiedenste Sachen auszuprobieren, bald muss ich über alles Mögliche und Unmögliche Red und Antwort stehen. Die Gesprächsführung ist dabei sehr interessant: Der eine scheint zwar sehr gut Englisch zu sprechen, will es aber offensichtlich nicht, während der andere kein einziges Wort in irgendeiner Sprache ausser Japanisch spricht, aber das Gespräch führt. Nur wenn wir wirklich nicht mehr weiterkommen, wirft sein wortkarger Kollege in akzentfreiem Englisch (!) das entscheidende Wort in die Runde und schon kann das Gespräch weitergehen. Unter anderem kriege ich die vollständige Speisekarte erklärt - nur zu dumm, kommt mir erst später in den Sinn, mir die Worte aufzuschreiben. Zu ärgerlich: Hätte ich mir nur 20% merken können, könnte ich bereits als absoluter Yakitorispezialist gelten!

Der Besuch in einem Yakitori-ya ist zwar nicht die einfachste Art und Weise zu einem Abendessen zu kommen und mag nicht jedermanns Sache sein (wobei normale Yakitori oder Tsukune genannte Fleischkügelchen zwar fast jedem schmecken aber auf die Dauer doch etwas langweilig sind), aber es macht einen Riesenspass. Die Stimmung ist nach Feierabend sehr gut, da alle ausgelassen einen trinken und dazu ein paar Snacks verputzen (die meisten werden wohl anschliessend zuhause noch ein Abendessen kriegen). Aufgrund der fehlenden Auslagen scheinen sich weniger Touristen in solche Läden zu wagen: Sushibars haben fast ausnahmslos kleine englische Karten, Yakitoriläden scheinen da deutlich weniger gut für Ausländer eingerichtet zu sein. Entsprechend ist man, mehr als sowieso schon, ein ziemlicher Exot. 

21. Tag, Abflug Osaka (Donnerstag, 4.11.)

Da wir bereits um 9:55 im Flughafen sein müssen, gibt es an diesem Tag nichts mehr zu tun als aufzustehen, zu packen und auszuchecken. Wenigstens bleibt es mir erspart, mit unserer nationalen Fluglinie zurückzukehren und wir fliegen stattdessen mit einer Boeing 747-400 der Japan Airlines (Flugnummer JL425) über Paris nach Hause. Der Flug bis Paris ist völlig ereignislos und selbst das Essen ist meiner Meinung nach nicht allzuschlecht.

Nach über 12 Stunden landen wir in der Nähe des Flughafens Paris Charles-de-Gaulle. Ich schätze mal, dass wir irgendwo in Belgien gelandet sind: Anders lässt es sich nicht erklären, dass wir noch rund 15 Minuten über irgendwelche Rollbahnen fahren mussten bis wir endlich den Flughafen sehen. Vermutlich sollte damit mal die Grösse Frankreichs in Architekur ausgedrückt werden, herausgekommen ist allerdings nur ein fürchterlich ineffizienter Flughafen. Vor unserem Abflug in der Schweiz hatte uns unser Reiseveranstalter eingeprägt, dass wir unbedingt den Weiterflug nach Zürich in Paris rückbestätigen sollten. Da wir nichts besseres zu tun haben, treten wir eine kleine Odyssee an, bei der wir ohne erkennbaren Grund von Schalter zu Schalter weiterverwiesen werden. Am letzten mustert die Angestellte unsere bereits in Osaka-Kansai ausgestellte Bordkarte und meint, dass alles ok sei. Als Markus nachfragt, ob wir dafür all diese Umstände auf uns genommen hätten, stellt sie uns halt neue Bordkarten aus - für die gleichen Sitze die wir ja sowieso schon hatten. Vermutlich ist das ganze Teil eines staatlichen Arbeitsbeschaffungsprogramms.

Ich habe aber noch ein ganz anderes Programm: Seit wir gelandet sind suche ich nach einer Raucherecke - leider völlig ohne Erfolg. Bald muss ich feststellen, dass Rauchen nur in den beiden Restaurants erlaubt ist (wie geschäftstüchtig!), die aber weder einen guten Eindruck hinterlassen noch Plätze bieten. Also begebe ich mich zu einem der zahlreichen Aschenbecher, die gross mit «Rauchen verboten!» angeschrieben sind und zünde mir einen Glimmstengel an. Es geht nicht lange und zu meinem grossen Schreck kommen zwei Polizisten auf mich zu. Die Sorge ist aber völlig unbegründet: Ich bin nicht mehr in Japan sondern in Frankreich: Die beiden zünden sich ebenfalls eine Zigarette an und rauchen diese genüsslich. Auch als ich einfach mein Gepäck liegen lasse und mich ein bisschen im Kiosk umsehen will, muss ich mich von Markus darauf aufmerksam machen lassen, dass wir nicht mehr in Japan sind und ich wohl besser mein Gepäck im Auge behalten soll...

Irgendwann geht es dann endlich weiter und wir verbringen einen eher ungemütlichen Weiterflug nach Zürich: Kurz nach unserer Landung in Paris hatte sich ein ziemlich übles Gewitter gebildet und entsprechend schüttet es beim Start aus allen Kübeln und an Bord der Boeing der Air France werden wir ständig durchgeschüttelt. Aber wir überstehen auch noch dieses letzte Stück Reise und landen rund eine Stunde später endlich in Zürich, wo wir bereits in Empfang genommen werden. Nach einem kurzen Abschied bin ich schon mit meiner Schwester im Zug Richtung Bern unterwegs. 

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Alain G. Barthe, 2001