Japanreise
Herbst 1999
Reisebericht (3/4)

Im Herbst 1999 habe ich Japan ein viertes Mal für drei Wochen besucht.

K-500 Shinkansen

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12. Tag, Yufuin (Montag, 26.10.)

Das Frühstück haben wir am Vorabend für 9:00 Uhr (die spätest mögliche Zeit) vereinbart und gerade als wir uns 9:03 Uhr aufmachen wollen, steht Frau Nakamura im Zimmer und fragt, ob wir das Frühstück vergessen hätten? Unklar darüber, ob wir uns über die Pünktlichkeit der Japaner wundern oder uns für unsere eigene Unpünktlichkeit schämen sollen, folgen wir ihr brav im Gänsemarsch in den Speisesaal. Dort bestellen wir uns ein Continental-Breakfast, welches in der Tat sehr gut ist - selbst der Kaffee ist fast geniessbar!

Später machen wir einen ausgedehnten Spaziergang durch die «Höllen» genannten heissen Quellen. Abgesehen von den unzähligen Röhren, welche das Wasser in die Hotels bringen, ist der Park sehr schön und neben vulkanischen Aktivitäten gibt es auch schöne Bäume, Blumen und Vögel zu bewundern. Froh sind wir allerdings, dass man es heute mit den Traditionen nicht mehr allzugenau nimmt: Früher wurden in Unzen nämlich Christen bei lebendigem Leibe gekocht - wir wurden glücklicherweise nur noch bekocht (wenn Sie mir den Kalauer durchgehen lassen).

Leider naht die Abreise und wir setzen uns noch kurz für einen Tee in die Lobby und bewundern ein letztes Mal den schönen Garten. Als der Abschied naht, kommt Frau Nakamura um sich zu verabschieden. Erst schiesst sie noch ein letztes Bild von uns beiden und bringt uns anschliessend zum auf uns wartenden Bus. Dieser ist zwar klein, 18 Leute hätten aber ohne Probleme Platz und wir staunen einmal mehr über den Aufwand, der hier betrieben wird: Als ob Bus mit Fahrer nicht genügen würde, kommt noch eine Mitarbeiterin als Begleitung mit und, nachdem wir im Busterminal angekommen sind, trägt sie uns noch unser weniges Gepäck bis ins Gebäude. Als wir in den Bus steigen weiss ich eines schon gewiss: Es würde nicht mein letzter Aufenthalt in Unzen gewesen sein.

Ohne Staus oder sonstige Probleme geht die Fahrt zügig zurück nach Isahaya, von wo aus wir in den Zug nach Tosu umsteigen. In Tosu steigen wir nocheinmal um, diesmal in den Zug, der uns nach Yufuin, einem weiteren Badeort in Kyushu bringen wird. Nach der Fahrt durch die Berge rund um den Mt. Aso, dem grössten Vulkan Japans, treffen wir in Yufuin, einem der drei grössten Badeorte Japans ein. Das Wetter hat sich leider verschlechtert und der dauernde leichte Regen hat sich zwischenzeitlich in einen ergiebigen Dauerregen verwandelt. Entsprechend ist die Stimmung etwas gedrückt, als uns das Taxi im Hotel ablädt. Nach dem Einchecken beschliessen wir, nur noch faul rumzusitzen und auf das Abendessen zu warten - im Dauerregen macht Sightseeing einfach keinen Spass. Ich kann mich wenigstens noch meinem Hobby, dem Baden hingeben und tatsächlich ist das Bad nicht nur schön, sondern auch dank der vielen japanischen Touristen, welche von Bad zu Bad gehen und alle ausprobieren, sehr interessant: Für ständig wechselnde Gesprächspartner ist gesorgt.

Als es Zeit ist, gehen wir mit gemischten Gefühlen zum Speisesaal. Entgegen unseren Erwartungen wurde das Abendessen in diesem Ryokan nicht im Zimmer serviert und beim Check-In hatte die Angestellte leicht nebulös von «Bierhalle» und «Buffet» erzählt. Als wir dort sind, trifft uns der Schlag! Die Wirklichkeit übertrifft die Vorahnungen bei weitem. Da sind wir nun, in einem der ältesten und nobelsten Badeorte Japans und unser Speisesaal ist ein «echt» bayrischer Bierkeller mit allem was dazugehört: Ummmpfff-Pa-Paaaa, Ummmpfff-Pa-Paaaa Musik (ab Band, Japaner in Krachledernen haben sie uns zum Glück erspart), Saalschmuck in Blau-Weiss und, um das ganze noch abzurunden, Japanerinnen im Dirndl! Leider hat niemand unsere Gesichter in diesem Moment fotographiert: Das Bild wäre sicher ein Highlight dieser Seite geworden. 

Der Not gehorchend nehmen wir das ganze von der humoristischen Seite und entsprechend stelle ich mir am Buffet (Gott, wie ich die hasse) das wohl seltsamste Abendessen zusammen, das ich je gegegessen habe: Auf dem Teller finden sich letztlich nicht nur Sushi und Pizza sondern auch ein bisschen Pasta, Ragout und ein chinesisches Dim-Sun - letzteres ist an dem Abend noch das einzige, was einigermassen gut ist. Auch das Hausbier, welches sie hier in einer Showbrauerei zusammenbrauen, haut einen nicht gerade aus den Socken und ist bestimmt auch kein Grund hierherzureisen. Aber Bier ist Bier und an diesem Abend können wir davon reichlich gebrauchen. Beim Rausgehen werde ich noch gefragt, ob es uns gefallen hätte - ich ziehe es vor, überhaupt kein Japanisch mehr zu verstehen. Immer noch leicht verstört hüpfe ich noch einmal kurz ins Bad, wo ich geistig nach Japan zurückkehre und aus Dirndl wieder Kimonos und aus Schweinshaxen wieder Sushi wird...

13. Tag, Miyajima (Dienstag, 27.10.)

Wenig motiviert machen wir uns auf, im Bierkeller Frühstück essen zu gehen. Da allerdings am Vorabend keiner von uns beiden allzuviel gegessen hat, bleibt uns kaum eine Alternative. Die Dirndl haben die Serviererinnen am Morgen nicht angezogen und auch die grässliche Musik läuft nicht mehr - zum Ausgleich sitzt hinter dem Flügel ein schmalziger Richard Claidermann Verschnitt und verhunzt in diversen Potpourries in etwa alles, was in diesem Jahrhundert an Populärmusik geschrieben worden ist und sich irgendwie am Klavier wiedergeben lässt - zur Verteidigung von Japan muss allerdings gesagt sein, dass diese Unsitte auch in Hotels unserer Breiten verbreitet ist, wenn auch eher zum Abend- denn zum Morgenessen. Begleitet von Klassikern wie «I did it my way», «Yesterday» oder auch «Heartbreak Hotel» essen wir unmotiviert das durchaus erträgliche Frühstück und stellen fest, dass sich der «Virtuose» hinter dem Klavier auch besseres vorstellen könnte, als hier für die Gäste zu spielen - vermutlich bleibt ihm aber bei seinem Talent gar nichts anderes übrig.

Nach dem Frühstück trennen sich unsere Wege: Mich zieht es wieder ins Bad und Markus, Regen hin oder her, will sich noch die Sehenswürdigkeiten Yufuins ansehen gehen, zumindest diejenigen, welche sich in unmittelbarer Hotelnähe befinden. Als wir später im Zug Yufuin verlassen, stellen wir beide fest, dass wir auf diesen Tag ganz gut hätten verzichten können. Aber dazu hat in erster Linie das unglücklich gewählte Hotel und das wirklich schlechte Wetter beigetragen - letzteres bessert sich übrigens merklich und der Regen hat ganz aufgehört. Offenbar war Yufuin unser schlechter Tag und mit dem Verlassen des Ortes lassen wir auch das schlechte Wetter hinter uns. Eines Tages werde ich wohl nach Yufuin zurückkehren, da ich davon ausgehe, dass der Ort an sich ganz interessant wäre. Aber ich werde auf jeden Fall ein anderes Ryokan aufsuchen...

Bald kommen wir in Oita an, von wo wir nur noch ein paar Minuten mit dem Nahverkehrszug von Beppu entfernt sind. In Beppu kann ich Markus noch schnell die wirklich unvergessliche Bahnhofsansage - Beppüüü, Beppüüüühhh - vorführen, welche jeden Reisenden auf dem Gleis begrüsst und rasch ein paar Fressalien kaufen, bevor der Sonic eintrifft. Der Sonic ist ein weiterer sehr spezieller Zug, welcher in Kyushu für Abwechslung beim Reisen sorgt. Modern und knallbunt eingerichtet, sind Mickey Mouse Ohren, welche als Kopfstützen dienen, sein hervorstechendstes Merkmal. Ansonsten basiert der Zug auf dem gleichen Rollmaterial wie der Tsubame und dem Kamome, welcher erst im nächsten Jahr in Betrieb gehen würde. Ich finde dies eine hervorragende Idee, erlaubt sie es doch, verschiedene Züge zu nur unwesentlich höheren Kosten zu betreiben.

Ein K-500 Shinkansen, welcher gerade in Kokura einfährt.

In Kokura angekommen schaut Markus mir belustigt zu, wie ich nervöser und nervöser werde: Die erste Shinkansen-Fahrt nach immerhin 13 Tagen in Japan steht bevor. Schon bald steht der K-500, welcher uns nach Hiroshima bringen wird, auf dem Gleis und ich steige mit der Freude eines kleinen Schulbuben ein. Da es Markus erste Fahrt mit dem Shinkansen ist, ist auch er sehr beeindruckt: Die Fahrt ab Kokura (oder auch Hakata) ist eigentlich erheblich spektakulärer als ab Tokyo - wo wohl die meisten zum ersten Mal den Shinkansen besteigen, da an diesem Ende der Sanyo-Strecke nach nur ein paar Minuten die 300 km/h Marke erreicht wird und die Geschwindigkeit sogar an der Druckveränderung, welche sich in den Ohren bemerkbar macht, spürbar wird (im Zug herrscht aufgrund des Bernoullie-Effekts ein Unterdruck).

Schneller als mir lieb ist, treffen wir in Hiroshima ein, wo wir auf den Vorortszug nach Miyajima umsteigen. Nach einer guten halben Stunde steigen wir in Miyajima-guchi aus und durchqueren den Ort, um die Fähre zu besteigen. Dabei kommen uns mit schöner Regelmässigkeit Frauen in prächtigen Kimonos entgegen. Auch als die Fähre eintrifft, laufen Dutzende davon an uns vorbei, bevor wir selber die Fähre besteigen. In der Zwischenzeit ist es Abend geworden und die Sonne nähert sich langsam dem Horizont und taucht die herrliche Szenerie bereits in ein magisches Licht. In Miyajima fallen uns auch wieder die vielen Frauen in Kimonos auf - am Abend lassen wir uns dann im Hotel belehren, dass an diesem Tage eine grosse Teezeremonie im Tempel von Miyajima stattgefunden hat, welche wir leider verpasst haben. Schnell geben wir unser Gepäck dem Fahrer des Iwaso-Ryokans, welcher beim Hafen auf uns wartet, ab und erklären ihm, dass wir in einer guten Stunde zu Fuss ins Hotel kommen würden.

Ein spektakulärer Sonnenuntergang in Miyajima.

Und es sollte sich lohnen: Als wir beim Itsukushima-jinja Schrein angekommen sind, haben wir noch ein paar Minuten, den Tori zu betrachten, bevor die Sonne spektakulär über dem zweitberühmtesten Wahrzeichen Japans untergeht. Ein Schauspiel, welches wir wohl so schnell nicht wieder vergessen werden und einer der Höhepunkte unserer Reise ist. Danach schlendern wir gemütlich zurück zum Hotel und checken erst einmal ein. Nach dem obligatorischen Willkommenstee und einem kurzen Abstecher ins Bad meinerseits, wird im Zimmer auch schon das Essen aufgefahren. Einmal mehr geben wir uns den Genüssen eines lukullischen Mahles hin. Die Küche enttäuscht einmal mehr nicht und alle Erinnerungen an Bierhallen oder ähnliches sind im Nu getilgt.

Danach steht der nächste Höhepunkt auf dem Programm: In der Yukata geht es wiederum zum Meer um uns den nächtlichen Itsukushima-jinja Schrein und den Tori ansehen zu gehen. Alle Gebäude sind dabei sehr schön beleuchtet und der Kontrast verhilft dem Rot zu einem ungeahnten Intensität. Da es auf der Insel selber nicht allzuviele Hotels gibt, erscheinen einem die paar Touristen schon fast verloren zwischen den Laternen, welche die Uferpromenade säumen - die Stimmung ist einiges friedlicher als am Tag, wenn Horden von Touristen die Insel «überfallen» und in einen gewaltigen Rummelplatz verwandeln. Daher ist eine Übernachtung auf Miyajima sehr zu empfehlen.

Eine Pagode in Miyajima.

Auf dem Heimweg stelle ich einmal mehr den einzigen Nachteil Miyajimas fest: Ein Nachtleben existiert ebensowenig wie eine geöffnete Schenke. Also gehen wir zum Hotel zurück und machen uns daran, den Kühlschrank, in dem einige grosse Biere stehen, zu leeren. Irgendwann gehen diese aus und ich muss mindestens 3 Meter laufen, um Nachschub aus dem Automaten im Gang zu organisieren. So beenden wir bei fröhlichem Umtrunk diesen Abend und schlafen schliesslich innert Sekunden im gemütlichen Futon ein.

14. Tag, Kyoto (Mittwoch, 28.10.)

Als wir uns früh aus den Futons schälen, machen wir uns für einen langen Tag bereit. Nach dem gemeinsamen Frühstück und meinem letzten Besuch im Bad, machen wir uns zu ein bisschen Sightseeing in Miyajima auf und fahren bald mit der Bahn auf den Berg Misen. Zurück gehts zu Fuss, was eine sehr angenehme, gut eine Stunde in Anspruch nehmende kleine Wanderung ist. Zwar müssen wir des öftern kleinere Kletterpartien über Bäume machen - der Taifun «Bart» (in Japan etwas unprosaisch «Taifun #18» genannt) war nicht lange vor unseren Ferien über Japan hinweggefegt und die Spuren sind noch längst nicht alle beseitigt - aber der Weg ist gut ausgebaut und gegen Mittag sind wir wieder zurück in Miyajima. Wandern gibt aber Hunger und so essen wir in einer einfachen, kleinen Beiz zu Mittag.

Danach geht es per Fähre und Zug zurück nach Hiroshima, wo wir uns noch den Friedenspark anschauen gehen. An diesem Tag ist sehr viel los und die Busse, welche Schüler herankarren und anschliessend wieder abholen sind noch zahlreicher als sowieso schon. Da die Busse grösserer Gruppen durchnummeriert sind, kann man abschätzen, wie gross eine Gruppe in Japan tatsächlich sein kann: Der Rekord an diesem Tag war die Nummer 18 auf einem Bus! Die Lehrer, welche diesen Klassenausflug organisieren müssen, verdienen ohne Zweifel meine Bewunderung und mein Mitleid. Bald stellen wir fest, dass die Sache für uns Touristen einen ziemlichen Haken hat: Viele der Schüler haben Kartons dabei, auf denen sie Unterschriften von zufälligen Passanten sammeln. Dummerweise ist die Auswahl nicht gar so zufällig und als Exot ist man ein primäres Ziel... Ich weiss nicht, wie oft ich und Markus an diesem Tag einen kleinen Satz und unsere Namen geschrieben haben, aber manchmal kommen uns ernsthafte Zweifel, ob wir mehr als 5 Meter pro Stunde schaffen. Aber irgendwann schaffen wir es doch, den Park zu durchqueren und alle Sehenswürdigkeiten zumindest kurz zu betrachten - zwar schmerzen die Handgelenke aber wir sind um eine, wohl nur in Japan mögliche Erfahrung reicher.

Friedenspark in Hiroshima. 

Danach laufen wir einen Teil der Strecke zum Bahnhof durch das eindunkelnde Hiroshima und sehen uns noch ein paar Läden an. Am erstaunlichsten ist wohl der «Tokyuu Hands»: Diese Läden sind eine etwas schwierig zu beschreibende Mischung aus Baumarkt, Sharper Image und Papeterie. Der Clou ist aber die erste Etage, in der zu 100% überflüssiger Krimskrams und Skurrilitäten geführt werden - ein Blick lohnt sich auf jeden Fall. Bald einmal geht es zurück zum Bahnhof, wo wir einen weiteren Nozomi besteigen, der uns zu unserem nächsten Ziel bringt. 

In Kyoto angekommen, haben wir nicht mehr wirklich viel Zeit: An diesem Abend haben wir mit einem anderen Kollegen aus dem Japanischkurs, der zur gleichen Zeit mit einer Reisegruppe durch Japan tourt, abgemacht. Also begeben wir uns zum Taxistand und suchen uns ein Taxi aus: Es gibt Einstiegstellen für drei Kategorien von Taxis. Das Angebot reicht von den kleinen für ¥550, über die mittleren für ¥650 bis zu den grossen ab ¥800 - da uns eine elegante Dame im Kimono den Mercedes 500 SL wegschnappt, bescheiden wir uns mit einem mittleren Wagen, welcher uns ins Hotel fährt. 

Nach dem kurzen Einchecken und ein paar Minuten Verschnaufpause gehen wir in die Halle, in der André bereits wartet. Da er schon ein paar Tage in Kyoto weilt, überlassen wir ihm die Restaurantwahl und auf dem langen Fussweg in die Stadt (ein Taxi wollte er nicht, es seien ja nur ein paar Ecken) schwärmt er von der «Foodstrasse», in der ein tolles Restaurant nach dem anderen ist. Da es bereits nach 21:00 Uhr ist, schauen wir ab und zu verstohlen auf die Uhr und fragen uns, ob dort überhaupt noch irgendetwas offen haben wird.

So irren wir über eine Stunde durch die Stadt, wobei André mit dem Spruch «die Foodstrasse ist um die nächste Ecke» Durchhalteparolen verbreitet. Wir sehen zwar die halbe Stadt inkl. dem Redlightbezirk (wobei wir lauthals Spekulationen darüber anstellen, was André, der wenig amüsiert ist, wohl in den Tagen zuvor genau in Kyoto unternommen hat), viele Restaurants tauchen dabei aber nicht auf. Schlimmer noch ist, dass die wenigen an denen wir immer wieder vorbei kommen nach und nach schliessen. Irgendwann müssen ich und Markus dann doch ein Machtwort sprechen und gegen 23:00 zerren wir ihn in die nächstbeste Sushibar - aber die sollte sich noch als Glücksfall erweisen. Das fängt damit an, dass sie überhaupt noch geöffnet ist. Drin werden wir nett begrüsst und bestens betreut. Unser Set ist schnell verschlungen (Wanderungen machen hungrig) und schon bald sind Markus und ich in unserem Element und bestellen Runde um Runde - sowohl Sushi als auch Sake. André ist kein grosser Sushifreund und schaut uns im wesentlichen fassungslos zu, wie viele Portionen Sushi im Magen eines hungrigen Mitteleuropäers verschwinden können. Der Sushikoch dagegen hat seine helle Freude an uns und beim Abschied bemüht sich sogar der Manager des Restaurants, uns zu verabschieden.

Auf dem Heimweg verabschieden wir uns vor dem Hotel von André und begeben uns satt und zufrieden zurück zu unserer Nobelherberge. Mit einem Abstecher in die Hotelbar (in der Zwischenzeit hatte ich aus Markus schon fast einen Säufer gemacht: Da sieht man einmal wieder, dass es schädlich ist, schlechten Umgang zu pflegen) beschliessen wir diesen ereignisreichen Tag.

15., 16. Tag, Kyoto (Donnerstag, 29.10. - Samstag, 30.10.)

Von diesen zwei Tagen gibt es von mir weitgehend nichts zu berichten. Markus ist jeden Tag fleissig von Kulturgut zu Kulturgut unterwegs (von denen es in Kyoto mehr als genug gibt), während ich mich weitgehend der Erholung verschrieben habe. Ich schlafe jeden Morgen aus und bleibe bis zum frühen Nachmittag im Bett liegen. Ich besuche des öfteren das Internet Café Aspirin, in dem sich bei Mailen und Surfen und einem Getränk problemlos ein paar gemütliche Stunden verbringen lassen. Danach geht es meist noch ein bisschen zum Shopping.

Am Abend treffen wir uns irgendwann wieder im Hotel und gehen zusammen essen. Neben dem unvermeidlichen Sushi gehen wir auch in ein Aalrestaurant. Aal ist eine weitere japanische Spezialität und wird entsprechend an jeder Ecke angeboten. Man kann ihn mit verschiedenen Beilagen wie (natürlich) Reis, aber auch auf einer Suppe essen. Weiter gibt es Aal auch in jedem Sushi Restaurant - wie bei uns, in Japan schmeckt er aber natürlich viel besser.

Aber wie gesagt, von diesen drei Tagen gibt es wirklich nichts zu berichten ausser dass Markus Kyoto ausgezeichnet gefällt und ich mich bestens erhole und erstmals seit Okinawa wieder topfit bin.

17. Tag, Kyoto (Sonntag, 31.10.)

An diesem Morgen bin ich ausnahmsweise derjenige, welcher früh aufsteht und bald schon aus dem Zimmer schleicht: An diesem Sonntag ist das letzte Formel 1 Rennen der Saison und ich bin im Besitz einer Eintrittskarte. Also breche ich zu nachttrunkener Zeit auf und lasse mich im Taxi durchs noch weitgehend verlassene Kyoto zum Bahnhof fahren. Nach einem kurzen Schwätzchen mit dem Fahrer sind wir dort und er lädt mich an dem Shinkansentracks des Bahnhofs aus. Der Bahnhof ist zwar riesig, der Zugang zum Shinkansen ist aber sehr praktisch und nach weniger als einer Minute steht man bereits auf dem richtigen Gleis. Bei mir dauert es ein kleines Bisschen länger, da ich noch in der Bäckerei vorbeischaue und mir Frühstück kaufe.

Dieser Serie 300 Shinkansen, welcher neuerdings auch auf Hikari Kürsen eingesetzt wird, wird mich bald nach Nagoya befördern.

Auf dem Gleis kann ich noch ein bisschen das morgentliche Treiben beobachten, während über Kyoto die Sonne langsam aber sicher aufgeht. Bald steht mein Zug, ein Hikari Richtung Tokyo da und schon bin ich unterwegs nach Nagoya, der drittgrössten Stadt Japans und meiner ersten Umsteigestation. Bei Kaffee und diversem Gebäck lasse ich die Landschaft an mir vorbeisausen und schon bald muss ich umsteigen. In Nagoya bleibt kaum Zeit um irgendetwas zu betrachten und schon geht es mit der normalen Bahn weiter. Hier merke ich langsam, dass ich im richtigen Zug sitze, da sowohl Formel 1 Fans als auch ganze Gruppen, welche in den Uniformen diverser Sponsoren stecken, zusteigen. Die gemütliche Fahrt, bei der man natürlich mehr sieht als im Shinkansen, bringt mich in knapp zwei Stunden nach Shiroko, wo ich schon ganz gespannt bin, wie es von dort weiter an die Rennstrecke geht.

Zuerst eine Bemerkung für all diejenigen, welche noch nie an einem Formel 1 Rennen waren: In aller Regel ist die Anfahrt eine Katastrophe, liegen Rennstrecken doch fast ausnahmslos in der Pampa und weisen eine dementsprechende Infrastruktur auf. Meist ist für die letzten paar Kilometer mit mehreren Stunden zu rechnen und Verhältnisse wie bei den indischen Eisenbahnen sind durchaus üblich.

Aber auch hier enttäuschen die Japaner nicht: Im Ort selber ist alles perfekt durchorganisiert und man wird von Dutzenden von Polizisten zu den Bussen geschleust. Unterwegs kauft man noch bei einem der unzähligen Ständen, welche die Strasse säumen eine Fahrkarte. Anstehen ist daher komplett überflüssig und schon nach ein paar Minuten sitzt man im Bus und fährt Richtung Rennstrecke, bei der man nur 15 Minuten später bereits eintrifft.

Die Rennstrecke von Suzuka selber ist die bisher zuschauerfreundlichste die ich kenne: An der eigentlichen Strecke liegt das «Suzuka Circuit Land». Dieses ist ein recht grosser Vergnügungspark, in welchem nicht nur das wohl jedem Formel 1 Fan bekannte Riesenrad steht, sondern auch sonst Dutzende von Attraktionen, Shops und Restaurants sind. Am Renntag ist selbstverständlich die Hölle los und alle Sponsoren haben zusätzliche Verkaufsstände aufgestellt und bieten auf ihren Bühnen Events - ich verstehe zwar kaum ein Wort, aber da diese ausnahmslos von jungen Damen in sehr kurzen und noch engeren Kleidchen, eine hübscher als die andere, moderiert werden, lasse ich sie mir dennoch nicht entgehen. Nachdem ich mich genügend versichert habe, dass der Motorrennsport nach wie vor eine Männerbastion ist, gehe ich noch ein bisschen shoppen. 

Der unvergessene Ayrton Senna in einem McLarren-Honda.

Hatte ich an anderen Rennstrecken bisher kein Glück, ein Sennamützchen zu kaufen, ist dies hier kein Problem: Der unvergessene Ayrton Senna war und ist in Japan sehr beliebt und so gibt es hier einen ganzen Laden, welcher nur Senna-Devotionalien verkauft. Bei all den Bildern aus der Karriere meines früheren Idols werde ich besinnlich und sentimental und denke zurück an die Zeit, als er auf McLarren-Honda Weltmeister war. Seit sein Leben am 1. Mai 1994 auf der Rennstrecke von Imola in der Tamburello geendet hat, war für mich die Formel 1 nie mehr dasselbe. Aber spätestens beim Klingeln der Kasse, als ich meine «Nacional» Mütze (einer seiner Sponsoren) bezahle, werde ich wieder zurück in die Gegenwart gerissen und ich stürze mich wieder ins Getümmel.

Bald gehe ich Richtung Tribüne um mir meinen bezahlten und nummerierten Platz zu erkämpfen: Doch auch dies ist in Japan kein wirkliches Problem, da sich die Leute tatsächlich an die Platznummern halten. Da die Karten offensichtlich in ganzen Paketen ins Ausland verkauft werden, sitzen um mich herum Deutsche und Engländer. Dies ist mir aber durchaus recht, kann ich mich während des Rennens doch mit Gleichgesinnten über das Geschehen unterhalten.  Obwohl das Rennen eigentlich eines der spannendsten der Saison ist - noch kann Eddie Irvine die Titelverteidigung durch Mika Häkkinen vereiteln - bin ich froh, wenigstens fachsimpeln zu können: Das eigentliche Rennen ist ein Start-Zielsieg von Mika Häkkinen und vergleichsweise langweilig. Somit bleibt reichlich Zeit, während des Rennens Getränke und sehr gute Yakisoba zu organisieren. Wenigstens sitze ich nur rund 20 Meter von der Ziellinie und gehöre damit zu den ersten, welche dem Finnen zu seinem zweiten Titel applaudieren können.

Mika Häkkinen, ein paar Hundertstelsekunden nach dem Sieg der Weltmeisterschaft 1999.

Als die Siegerehrung, welche fast genau gegenüber meines Platzes stattfindet, vorbei ist, mache ich micht gemütlich auf den Heimweg - zusammen mit rund 150 000 anderen. Aber ich verlasse mich auf das Organisationstalent der Japaner und - sollte dies versagen - kann ich auch ohne Probleme in die Stadt zurücklaufen, was eine gute Stunde in Anspruch nehmen würde. Aber der Bus ist gemütlicher und als ich zum «basu-noriba» komme, gibt es dort zwei Schlangen: Eine vor einem Fahrkartenschalter, über dem auf einem riesigen Schild «Nagoya» steht - dort will ich zwar letzlich hin aber nicht direkt mit dem Bus - und eine vor den Bussen nach Shiroko. Also reihe ich mich in die zweite ein und stosse Meter um Meter Richtung Bus vor. Als ich fast dort angekommen bin, merke ich - zusammen mit ein paar Japanern - dass man doch vorgängig eine Fahrkarte kaufen sollte und so muss ich wohl oder übel zurück und nach dem Schalter suchen. Da es der einzige ist, stelle ich mich beim Schalter «Nagoya» an - in der Zwischenzeit ist die Schlage natürlich locker 4x länger als vorher. Nach einer Ewigkeit bin ich dran und tatsächlich, auf einem Schildchen in der Grösse eines Bierdeckels steht auch Shiroko - danke! Ausnahmsweise wäre ich ohne Japanischkenntnisse besser dran gewesen...

Wie man für den Bus ansteht weiss ich ja und noch reicht die Zeit: Mein Zug fährt erst in 1½ Stunden. Aber ich stelle fest, dass die Schlange immer zäher voran geht und langsam werde ich doch ein bisschen nervös. Noch wäre Zeit, zu Fuss loszulaufen - aber es würde mich doch zu sehr ärgern, eine gute Stunde für nichts und wieder nichts anzustehen. Also verlasse ich mich auf mein Glück - und dieses verlässt mich wiederum prompt. Zwar geht es nicht mehr allzulange und ich stehe im Bus, aber nach 200m steht dieser, und steht, und steht... An der ersten Kreuzung Richtung Shiroko ist der Verkehr komplett zum Erliegen gekommen und für die ersten 500 Meter unserer Fahrt benötigen wir rund eine Stunde - beeindruckend!

Am Bahnhof angekommen bin ich natürlich 10 Minuten zu spät und mein Zug - wie immer pünktlich - ist längst abgefahren. Dies bestätigt mir auch einer der JR Beamten und er meint nur, ich solle einfach «tsugi no densha» (den nächsten Zug) nehmen - wenigstens muss ich mein Ticket nicht umtauschen. Stehend geht es bald Richtung Nagoya los und dort  (mein Hikari, für welchen ich eine Reservation habe, ist natürlich auch weg) gehe ich erst mal Richtung Stadt um etwas zu essen - jetzt habe ich ja alle Zeit dieser Welt. Ich schau mir noch kurz das beeindruckende Bahnhofsgebäude (das höchste Japans) an und entscheide mich für ein italienisches Restaurant (welches natürlich durch und durch japanisch ist) und eine Portion Ikura-Spaghetti.

Danach gehts zurück nach Kyoto. Erst löse ich eine neue Reservation (etwas was nur Augenblicke in Anspruch nimmt) und dank des dichten Fahrplans sitze ich nur Minuten später im Shinkansen nach Kyoto. Dort angekommen, hat Markus soeben sein japanisches Abendessen, welches er sich als Roomservice hat kommen lassen, abgeschlossen (welches er nur empfehlen kann) und wir haben beide nicht mehr wirklich Lust gross was zu unternehmen. So gehen wir noch auf einen Gute-Nacht Trunk in die Hotelbar, wo ich ihm meine Abenteuer in Suzuka erzählen kann.

Weiter geht es mit Teil 4

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Alain G. Barthe, 2001