Japanreise
Herbst 1999
Reisebericht (2/4)

Im Herbst 1999 habe ich Japan ein viertes Mal für drei Wochen besucht.

K-500 Shinkansen

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6. Tag, Okinawa (Dienstag, 20.10.)

Auch wenn man eine gewisse Verantwortung trägt, scheint mir der Job, den ganzen Tag am Strand zu sitzen, nicht der schlechteste zu sein.

Nach dem Frühstück gehen wir zum hoteleigenen Strand und liegen in die Sonne. Es ist ein wunderbarer Tag: Am Himmel sind nur am Horizont ein paar kleine Wölkchen zu entdecken, selbst die am Himmel vorbeiziehenden AWACS Flugzeuge der US Airforce, welche von Naha aus starten, spenden keinen Schatten. Ich lege immerhin noch soviel sportlichen Ergeiz an den Tag, dass ich ein bisschen im Meer schwimmen gehe, ansonsten liegen wir nur faul am Strand und geniessen das Leben. Ab und wann müssen wir uns gegenseitig ein bisschen motivieren, dass einer aufsteht und zum 200 Meter entfernten Strandshop läuft um Getränke oder Eis zu organisieren. Auch all die Freizeitaktivitäten, welche das Hotel zu eher symbolischen Preisen (ein paar hundert Yen) anbietet (wie etwa Wasserski, Jetski, Segeln etc.) lassen uns völlig kalt.

Die Schulklasse hat es da schon anstrengender: Erst müssen sie, schön in Reih und Glied am Strand sitzend, über eine Stunde lang Anweisungen von ihren Lehrern über sich ergehen lassen, bevor sie mit Schwimmwesten ein Drachenboot Rennen über rund 100 Meter durchführen - vermutlich waren dies alles Sicherheitsanweisungen. Denn eines steht fest: Die Japaner sind Ordnungs- und Sicherheitsfanatiker. Der Strand, welcher sogar Öffnungzeiten hat (von morgens um 9:00 bis abends um 18:00), wird ständig von zwar gelangweilten aber doch immer aufmerksamen «Lifeguards» überwacht. Im Meer ist der Schwimmbereich klar abgetrennt und wer sich diesen Abschrankungen nur nähert wird mit Trillerpfeife und Megaphon eines besseren belehrt. Was uns eher ein bisschen nervt, ist für Eltern sicher eine schöne Sache: Man kann die Kinder weitgehend unbeaufsichtig an den Strand lassen und ist dennoch immer sicher, dass nichts passiert. Der japanische Ordnungswahn hat aber natürlich auch seine positiven Seiten: Der Strand ist absolut sauber und selbst die Aschenbecher werden alle Stunden geleert.

Aus unerfindlichen Gründen habe ich am Morgen vergessen, meine Beine mit Sonnenschutz einzustreichen. Als ich den Irrtum bemerke, ist es schon zu spät: Der wolkenlose Himmel und die im Süden recht starke Sonne haben ihr Werk bereits vollendet und mir schwant Schlimmes. Aber das ist kein Grund Trübsal zu blasen und wir geniessen den herrlichen Tag bis zum letzten Augenblick und kehren am Abend ins Hotel zurück um von unserem Zimmer aus einen imposanten Sonnenuntergang zu geniessen. Um zu verhindern, dass ich wie im Frühjahr am letzten Tag bis morgens um 3:00 Karten schreiben muss, schreibe ich bis zum Abendessen ein rundes Dutzend davon und schon bald sind wir wieder am Sushi essen. Nach ein paar obligaten Drinks gehen wir schlafen und als ich die Decke über meine Füsse ziehe, merke ich, dass mich mein Gefühl am Nachmittag nicht getäuscht hatte: Ein Sonnenbrand, welcher sich gewaschen hat, kündigt sich an.

7. Tag, Fukuoka (Mittwoch, 21.10.)

Weil es so schön war, tun wir an diesem Tag genau das gleiche wie am Vortag: Nämlich gar nichts, ausser auf der faulen Haut zu liegen. Da es noch heisser als am Vortag ist, verziehen wir uns unter die Palmen, welche am oberen Ende des Strandes zu finden sind, bei meinem Sonnenbrand schon das äusserste, was ich meinen Beinen zumuten kann. Obwohl wir dieses Leben, welches aus Dösen und Lesen besteht, noch ewig geniessen könnten, müssen wir uns am Nachmittag wieder auf die Socken machen und bald sitzen wir schon wieder im Taxi, welches uns zurück zum Flughafen von Naha bringt.

Da wir wiederum recht früh dort sind, bleibt uns viel Zeit den sehr schönen, modernen Flughafen genauer zu betrachten. Unter anderem gibt es in der Haupthalle sogar einen (natürlich blitzblanken) Parkettboden! Auch ein paar Souvenirs sind schnell gekauft und selbstverständlich vergessen wir diesmal nicht, uns mit reichlich Fressalien einzudecken, welche wir auf dem kurzen Rückflug von nur 1½ Stunden verputzen. Zwar ist das mitgebrachte Essen nicht warm, besser als das meiste, was Airlines so zu bieten haben, schmeckt es aber allemal.

Es ist bereits Nacht, als wir Fukuoka anfliegen und die beleuchtete Skyline dieser doch immerhin achtgrössten Stadt Japans mit über 1.2 Millionen Einwohnern betrachten können. Fukuoka bzw. Hakata, welche früher zwei verschiedene Städte waren, heute jedoch politisch eine Einheit bilden, ist die Endstation des Sanyo-Shinkansen, welcher von Osaka her den südlichen Teil des Landes abdeckt und liegt bereits auf der südlichen Insel Kyushu, welche wir in den nächsten Tagen bereisen werden.

Bis wir im Hotel eingetroffen sind, dem «Hakata Tokyu Hotel» (einen Schuppen, welchen ich ganz und gar nicht empfehlen kann), ist bereits nach 21:00 Uhr und wir brechen umgehend Richtung Stadtzentrum auf, da es um diese Zeit unter Umständen sehr schwierig werden kann, ein Lokal zu finden. Diese Sorge ist aber ganz und gar unbegründet: Im Gegensatz etwa zu Tokyo ist in Fukuoka auch nach 22:00 Uhr jede Menge los und die meisten Lokale haben noch geöffnet. Irgendwie können wir uns aber für nichts entscheiden und uns fehlt auch der richtige Hunger, haben wir doch zwei Stunden früher im Flugzeug gegessen. Wärend Markus zum Hotel zurückgeht, toure ich noch ein bisschen durch die Spielsalons - wo ich mich unter anderem köstlich über sturzbetrunkene «salary-men» (also Angestellte) amüsiere, die unbedingt mit mir «Dance Dance Revolution» spielen wollen - und esse noch an einem Stand ein paar «tako-yaki», köstliche Teigkugeln, welche mit Oktopus («tako» eben) gefüllt sind und in runden Formen gebraten (daher das «yaki») werden.

8. Tag, Ibusuki (Donnerstag, 22.10.)

Wir sind beide nicht sonderlich traurig, das Hotel am nächsten Morgen zu verlassen - einzig die Tatsache, dass wir in Nagasaki ebenfalls ein Hotel der Tokyu-Kette gebucht haben, macht uns ein bisschen Sorgen. Aber noch ist es nicht soweit und wir brechen zum Bahnhof Hakata auf (obwohl die beiden Städte politisch schon länger eine Einheit bilden, wird auf den Unterschied Wert gelegt: Der Flughafen ist in Fukuoka, der Bahnhof eben in Hakata). Zuerst müssen wir unsere vouchers gegen den Kyushu Railpass eintauschen (was keine grosse Sache ist und schnell erledigt ist) und können uns bei dieser Gelegenheit noch gerade die Verbindungen nach Ibusuki heraussuchen lassen.

Eine runde Stunde später (Markus war wie immer übervorsichtig) besteigen wir den Tsubame, den Schnellzug, welcher die westliche Hauptachse rund um Kyushu bedient (im Osten ist es der Sonic und der Kamome schliesslich fährt nach Nagasaki). Der Tsubame sieht von aussen ein bisschen altmodisch aus, dies liegt aber nicht daran, dass er tatsächlich alt wäre sondern daran, dass auch in Japan das Retrodesign recht beliebt ist. Innen ist der Tsubame ein sehr bequemer, moderner Zug, welcher alle Annehmlichkeiten aufzuweisen hat, welche in Japan zum Zugfahren dazugehören. Besonders gefällt mir der Speisewagen, welcher nicht nur sehr schön eingerichtet ist (es ist eine Stehbar), sondern in dem auch das Rauchen erlaubt ist - aus Rücksicht auf Markus sitzen wir in einem Nichtraucherabteil und so bin ich fast permanenter Gast im Speisewagen.

Die Fahrt ist äusserst angenehm und interessant: Wir geniessen es beide, zum Fenster herauszuschauen und die Landschaft an uns vorbeiziehen zu lassen. Die meisten Felder sind bereits abgeerntet und oft sind auch schon die Abfälle, welche beim Reisanbau anfallen, verbrannt oder werden es gerade, davon zeugen die unzähligen Rauchsäulen, welche wir überall ausmachen können. Die Fahrt geht über Tosu (offenbar dem Olten Kyushus) über Kumamoto und Sendai nach Kagoshima. Ab Omuta führt die Bahnstrecke oft direkt am Meer vorbei und bietet uns einen sehr schönen Ausblick.

In Kagoshima angekommen, bleibt uns für das Umsteigen nur sehr wenig Zeit und schon wenig später stehen wir vor dem richtigen Zug, welcher uns nach Ibusuki bringen sollte. Nur müssen wir feststellen, dass dies kein Zug sondern eine Sardinenbüchse ist: Der Zug ist zum Bersten mit Schülern gefüllt, welche um diese Zeit, es ist rund 17 Uhr, nach Hause wollen. Da die Fahrt rund 50 Minuten dauert, verzichten wir dankend auf dieses «Erlebnis» und warten lieber auf den nächsten Zug. Wir schauen uns noch ein bisschen im Bahnhof um und schon bald sitzen wir in einem Bummler, der zwar 20 Minuten länger bis Ibusuki benötigt, dafür aber reichlich Platz bietet. Da es in der Zwischenzeit Nacht geworden ist, ist die Fahrt im rumpelnden Vorortszug nicht mehr sonderlich angenehm und wir sind froh, endlich an unserem Ziel anzukommen. Der Bahnhof von Ibusuki ist ein typischer, kleiner Provinzbahnhof und so nehmen wir sofort ein Taxi, welches uns zum Hotel bringt.

Ein weiteres Festmahl, welches in guten japanischen Hotels und Ryokans einfach dazugehört.

Da angekommen, profitiere ich einmal mehr von der Tatsache, dass unser Reisebüro die Hotelvouchers auf Markus Namen ausgestellt hat und er der Einfachheit halber eincheckt, ich kann in der Zwischenzeit gemütlich meinen Tee trinken. Bald schon werden wir in unser Zimmer verfrachtet und, nachdem wir die Zeiten für Abendessen und Frühstück vereinbart haben, können wir uns endlich ein bisschen ausruhen: Wir waren den ganzen Tag unterwegs und obwohl wir meist nur in Zügen gesessen sind, sind wir doch ein bisschen geschafft. Vor dem Abendessen verschwinde ich, wie immer, Richtung «o-furo». Nachdem ich mich gewaschen habe, versuche ich ins heisse Wasser zu steigen. Dank meinem Sonnenbrand, welcher doch noch sehr schmerzt, schaffe ich dies aber nicht. «Na bravo!», denke ich, «Jetzt bist du in einem Badeort mit heissen Thermalquellen und kannst nicht einmal baden…». Ich frage mich schon, was ich genau die nächsten Tage so unternehmen soll…

Nachdem ich im Zimmer zurück bin, geht es nicht lange und uns wird ein Riesenabendessen aufgetischt. Das Essen ist auch hier einmal mehr hervorragend und äusserst oppulent. Begleitet von ein paar Sake «bodigen» wir auch dieses und trinken mit vollen Bäuchen noch etwas Bier, während das Personal abräumt und die Futons aufbaut. Bald liegen wir in diesen und, nachdem ich noch ein bisschen gelesen und Musik gehört habe, schlafen wir beide tief und fest.

9. Tag, Ibusuki (Freitag, 23.10.)

Am Morgen ist der Ausblick von Ibusuki auf die Bucht schon fast mythisch zu nennen. 

Während Markus frühstücken geht, bleibe ich lieber noch ein bisschen im Futon liegen und döse noch eine ganze Weile vor mich her. Danach gehe ich noch rasch ins «o-furo» und wage wieder einen Versuch, ins heisse Wasser zu steigen. Dabei wird aber klar, dass ich mir die Hauptattraktion von Ibusuki, die heissen Sandbäder, abschminken kann.

Zusammen brechen wir zu einem - wie sich noch herausstellen sollte - längeren Spaziergang auf. Unser Ziel ist ein Berg, welcher am anderen Ende von Ibusuki steht und wir schätzen, dass wir in rund zwei Stunden oben sein würden. Wir erkunden ein bisschen Ibusuki, in dem es nicht wirklich viel zu sehen gibt, schauen uns einen kleinen Tempel an und laufen dann dem langen Strand entlang. An einigen Stellen dampft der Sandstrand aufgrund seiner Temperatur, an diesen sind auch die Hütten nicht weit, in denen man sich einbuddeln lassen kann und die Hitze geniessen kann. Selbstverständlich soll das auch sehr gesund sein (wie fast alles in Japan), aber auch Markus lässt sich dieses Vergnügen entgehen.

So laufen wir weiter und sehen uns noch das neue Sportzentrum von Ibusuki an. Dieses ist tatsächlich recht erstaunlich und extravagant. Die Haupthalle hat die Form eines amerikanischen Footballs, welcher schräg und zur Hälfte in der Erde eingegraben ist. Der Gebäudekomplex wäre selbst in Tokyo noch aufgefallen, hier mitten in der «Pampa» überrascht er uns ziemlich.

UFO oder Football?
Das Sportzentrum von Ibusuki.

Wir stellen aber fest, dass wir schon zwei Stunden unterwegs sind und uns dem Berg nur unwesentlich genähert haben. Also lassen wir das Gipfelstürmen sein und laufen wieder zurück Richtung Hotel. Dort wartet, wie sich bald herausstellt, schon das nächste Abenteuer auf uns. Obwohl es im Zimmer keine Möglichkeit gibt, internationale Gespräche zu führen, besteht Markus darauf, nach Hause anzurufen. An der Reception redet er sich in Englisch den Mund fusslig, kommt seinem Ziel aber nicht wirklich näher (und an ihm kann es eigentlich nicht liegen, ist er doch Anglist). Am Rande der Verzweiflung bricht er schliesslich sein bisheriges Motto, nur Englisch zu sprechen und lässt mal einen Versuchsballon auf Japanisch steigen: Sofort ist alles klar und sie versprechen, die Verbindung herzustellen.

Als er rund 20 Minuten später aufs Zimmer zurückkommt, klingelt bereits das Telefon. Als er es abnimmt, ist allerdings nicht die Heimat sondern ein Operator der KDD, einem japanischen Carrier, dran. Beim anschliessenden Gespräch wird schnell klar, dass das Gespräch noch lange nicht steht. Aber irgendwann ist es, inkl. meiner unfreiwilligen Beteiligung, doch geschafft: Die Verbindung steht und Markus kann das mit Abstand teuerste Gespräch unserer Reise führen.

10. Tag, Nagasaki (Samstag, 24.10.)

Nicht allzufrüh stehen wir auf und packen langsam aber sicher ein. Ein anstrengender Tag wird es nicht wirklich, müssen wir doch im Wesentlichen nur ein paar Mal umsteigen und ansonsten zum Fenster hinausschauen. Erst geben wir noch die Koffer nach Unzen auf und, als noch ein bisschen Zeit bleibt, offeriert uns das Hotel noch einen Kaffee. Danach geht es mit dem Taxi zum Bahnhof. Bis Tosu fahren wir den Weg, den wir auf dem Hinweg genommen hatten, zurück. Von Tosu aus gehts dann weiter nach Nagasaki, welches wir auch bald erreichen. 

Schon vom Zug aus war uns in der Nähe von Nagasaki eine Fabrik aufgefallen, welche im Stil einer christlichen Kirche gebaut war. Nagasaki war früh schon ein Zentrum des Christentums in Japan und obwohl es sich auch hier nicht durchsetzen konnte und nie einen grossen Marktanteil (wenn man dem so sagen darf) erreicht hat, hat es architektonisch einen grossen Einfluss auf die Gegend von Nagasaki. Auch die Halle unseres Hotels, in der bei unserer Ankunft gerade einmal wieder eine Schulklasse einquartiert wurde, erinnert mit ihren sakralen, bunten Fenstern eher an eine Kirche als an ein Hotel.

Nach dem Zimmerbezug erkundigen wir uns an der Reception, wo wir noch etwas zu essen finden. Es ist einmal mehr das übliche Problem in Japan: Es ist schon nach 21:00 Uhr und ein offenes Lokal zu finden ist schon recht knifflig. Die Angestellten schicken uns in die Stadt, in der es eine Gegend «voller offener Restaurants» geben soll. Nagasaki ist recht klein und kann im Prinzip zu Fuss erkundet werden, da wir aber Kohldampf haben und uns die Zeit davonläuft, nehmen wir die amüsante, kleine und uralte Strassenbahn von Nagasaki. Diese bringt uns begleitet von den in Japan üblichen Tonbandansagen («tsugi wa eki no mae desu» etwa: «Nächste Station Bahnhof») an unser Ziel. Die Stationen sind recht nahe aufeinander und die Tonbänder schaffen es kaum, sich zu bedanken dass man sich für dieses Verkehrsmittel entschieden hat, die nächste Station anzusagen und Umsteigemöglichkeiten zu erklären, teilweise laufen die Bänder fast parallel! Das Tram ist aber sehr billig (¥120) und praktisch, bringt es einen doch ohne grosse Umstände und schnell an fast jedes Ziel.

Als wir aus dem Tram aussteigen stehen wir vor einem Sushiladen. Da dieser aber nicht sonderlich vertrauenserweckend aussieht und wir doch schon das eine oder andere Mal Sushi gegessen haben, laufen wir weiter und inspizieren die versprochene Riesenauswahl. Und tatsächlich: Die Strassen sind gesäumt von Restaurants, von denen einige sehr vielversprechend aussehen. Nur dummerweise sind sie samt und sonders geschlossen und die einzigen geöffneten sind billige Chinesen. Da ziehen wir ein Sushi dann doch vor und laufen zu unserem Startpunkt zurück. Wie sich bald herausstellt, ist die Entscheidung goldrichtig. Zu vernünftigen Preisen essen wir ein gutes Sushi in angenehmer, herzlicher Atmosphäre. Unser Japanisch erlaubt es uns, mit Gästen und Personal gleichermassen zu plaudern und ich lasse mich vom Koch einmal mehr in die Namen der vielen Meeresprodukte, welche ich verspeise, unterweisen. Vermutlich sollte man dazu nicht Sake um Sake zu sich nehmen, da ich im wesentlichen alles sofort wieder vergesse. Aber eines Tages werde ich es sicherlich noch lernen...

11. Tag, Unzen (Sonntag, 25.10.)

Nach dem Aufstehen stellen wir erfreut fest, dass das Wetter auch heute wieder sehr gut ist und wir beschliessen, auf den Inasa-yama zu gehen. Zuerst nehmen wir wieder das Tram und laufen dann zu Fuss zur Seilbahnstation - das Wetter ist tatsächlich sehr gut und wir kommen dabei schon ein bisschen ins Schwitzen. Die Luftseilbahn bringt uns in kurzer Fahrt zum Gipfel, auf dem ein Gebäude mit Aussichtsplattform, Restaurants und Getränkeautomaten (natürlich) steht. Die Sicht ist spektakulär und wir bedauern, nicht schon am Vorabend gekommen zu sein, wenn die Sicht auf das nächtliche Nagasaki sicher noch aufregender gewesen wäre.

Es grüsst der neue Sowjetmensch!

Als wir uns sattgesehen haben, ein paar Fotos geschossen sind und wir uns langsam Sorgen wegen eines Sonnenstichs machen, fahren wir wieder runter und lassen uns im Taxi zum Friedenspark von Nagasaki bringen. Der Park selber ist im Prinzip recht hübsch, wäre dort nicht das Hauptmonument, welches aussieht, als ob es aus Ostblock Restbeständen stammen würde. Verwundert suchen wir auf dem Sockel dieser Monstrosität nach kyrillischen Buchstaben, mit welchen «Der Neue Sowjetmensch» (oder so) geschrieben steht... Die Statue ist zwar hässlich (man möge mir verzeihen) aber dafür wenigsten riesengross. Wir essen noch schnell ein Eis und machen uns dann Richtung Zentrum auf. 

Am Bahnhof angekommen, sehen wir uns nach dem Busbahnhof, der genau vis-a-vis sein sollte, um. Alles suchen hilft nichts und so fragen wir eben den nächstbesten Uniformierten nach dem Weg. Etwas verdutzt schaut er uns an und erklärt uns dann, dass wir direkt davor stehen - das selbe Gebäude, an dem wir sicher schon 10x vorbeigelaufen sind. Mit hochrotem Kopf versuche ich ihm noch schnell zu erklären, dass ich die Zeichen einfach nicht entziffern konnte und wir verschwinden diskret im Gebäude. Busfahren in Japan (von städtischen Bussen mal abgesehen) ist für mich eine Premiere, allerdings: Kennt man einen Busbahnhof, kennt man sie wohl alle. Auch in Japan sehen diese nicht gross anders aus als anderswo und auch hier ist Busfahren nicht gerade die edelste Art, zu reisen.

Als erstes kaufen wir uns die notwendigen Tickets und sehen uns danach noch ein bisschen um. Da wir dank der umsichtigen Zeitplanung von Markus noch über eine Stunde Zeit haben, können wir dies in aller Ruhe erledigen. Wir kaufen im nahegelegenen Family Mart ein paar Snacks wie Sandwiches und Onigiri: als Dreieck geformter Reis mit getrockneten Norialgen umwickelt. In der Mitte schliesslich sind verschiedene Gewürze - es gibt immer mindestens ein halbes Dutzend verschiedene - wie etwa getrockneter Thunfisch etc., da ich aber weder die Namen noch die Schriftzeichen kenne, ist dies immer wieder eine Überraschung.  Natürlich dürfen auch Getränke nicht fehlen und irgendwann geht es dann schliesslich los.

Die Busreise im einigermassen bequemen und fast leeren Bus fängt allerdings schon schlecht an: Da offenbar jemand in den falschen Bus gestiegen ist, macht er zuerst einen Riesenumweg durch halb Nagasaki, wo er ihn an einer anderen Station auslädt. Danach geht es in zügiger Fahrt aus Nagasaki heraus, nur um fünf Minuten später im Stau zu stehen. Im Gegensatz zur Pünktlichkeit der Bahnen scheint es damit bei den Bussen nicht gerade weit her zu sein. Irgendwann geht es dann doch weiter und wir können die sehr schöne Landschaft auf dem Weg nach Unzen geniessen. Nach rund einer halben Stunde können wir uns die Landschaft sogar ganz genau anschauen - da die Strasse renoviert wird, geht es einmal mehr im Schritttempo weiter...

Als wir uns Unzen langsam nähern fangen wir an, uns Sorgen zu machen, wie der Ort wohl so aussehen wird. Der Lonely Planet meint zu Unzen nur, dass «Unfortunately the bubbling and spurting 'hells' or jigoku are marred by the spaghetti tangle of pipes taking the hot water to hotels and spas.» Entsprechend tauchen vor unserem geistigen Auge Bilder wie aus Bladerunner auf. Diese werden jedoch sofort zerstreut als wir tatsächlich in Unzen ankommen: Der Ort ist hübsch gelegen und für japanische Verhältnisse ungewöhnlich grün. Bei der zweiten Station, an der der Bus hält, steigen wir aus - nicht das wir die geringste Ahnung hätten, wo unser Hotel liegt, sondern weil es uns im Vergleich zur ersten einigermassen zentral und belebt vorkommt. 

An der Busstation suchen wir ersteinmal und völlig erfolglos nach einer Karte, auf der unser Hotel eingetragen ist. Danach wenden wir uns an die Dame an der Busstation und fragen sie, ob sie uns den Weg ins Miyazaki Ryokan erklären kann. Aber das ist gar nicht nötig, sie meint nur, dass wir ein bisschen warten sollen («chotto matte kudasai») und ruft für uns dort an. Bald darauf kreuzt ein Mitarbeiter auf, der uns in einem normalen PKW zum Hotel fährt. Wie wir in die Auffahrt fahren, staunen wir nicht schlecht, als dort über ein Dutzend Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen des Hotels auf uns warten, sich eifrig verbeugen und uns Willkommensgrüsse entgegenschleudern. Wir sind noch mitten im hilflosen Versuch, uns in alle Richtungen zu bedanken, als wir bereits Richtung Lobby bugsiert werden - unser Gepäck wurde uns natürlich längst aus den Händen gerissen. Für einen Augenblick erheischen wir einen Blick auf das Frontdesk und schon sitzen wir in der Lobby vor einem heissen Grüntee und bringen die Formalitäten hinter uns (also eine Anmeldung auszufüllen und den Hotel Voucher zu organisieren, der natürlich längst im Gepäck Richtung Zimmer unterwegs ist). Danach kehrt ein bisschen Ruhe ein und wir können feststellen, dass die Lobby dank des wirklich wunderhübschen Gartens, den man durch die breite Fensterfront perfekt geniessen kann, sehr schön ist.

In Ryokans ist es üblich, eine Person zu haben, welche sich um einem kümmert und für alle Fragen oder Probleme die Ansprechperson ist. Dies gepaart mit der Tatsache, dass sie es fast immer irgendwie schaffen, in solchen Momenten vor Ort zu sein, sorgt dafür, dass der Aufenthalt noch angenehmer als sowieso schon wird. In unserem Fall ist es Frau Nakamura, eine junge, hübsche Person, der ich mich natürlich nur zu gerne anvertraue. Im Zimmer angekommen, macht sie uns einen weiteren Tee. Dies ist in Ryokans üblich, bei Frau Nakamura (die vermutlich als Hobby die Teezeremonie hat) aber ein besonderer Genuss: Zuerst werden wir nocheinmal willkommen geheissen (obwohl uns der Verdacht schon gekommen war, dass wir das seien) und hätte sich Nakamura-san tiefer verbeugen wollen, hätte sie zuerst ein Loch ins Tatami schneiden müssen. 

Danach macht sie uns unseren Tee. Etwas was mich in Japan immer wieder fasziniert hat, ist die Bedeutung, welche auch nebensächlichen Dingen oder Handlungen zugemessen wird. Schon eine schlichte Handlung wie ins Zimmer eintreten, welcher bei uns kaum je Bedeutung zugemessen wird (bin ich der einzige, den es stört wenn Hotelmitarbeiter beim Roomservice, damit sie alleine die Türe trotz des Tabletts öffnen können, mit dem Rücken voran eintreten?), unterliegt in der klassischen japanischen Kultur Regeln, welche, wenn man es erlebt hat und ein bisschen darüber nachdenkt, sehr durchdacht sind. Keine Bewegung wird dem Zufall überlassen und wirkt immer «richtig», scheint sich ganz natürlich aus der vorhergehenden zu ergeben und man hat das Gefühl, das es nur so und nicht anders möglich oder angemessen sei. Ich kann mich an der Anmut und Ästhetik kaum sattsehen und ich muss zugeben, dass der Tee, der eigentlich der Mittelpunkt sein sollte, für mich nur noch eine Nebensächlichkeit ist - natürlich schmeckt er, vorausgesetzt man mag den bitteren Matcha, vorzüglich.

Danach gibt es noch ein zweite Runde «normalen» Tee (also Sentcha) und sie erklärt uns, was es im Hotel so alles gibt, macht mit uns die Zeiten für Abend- und Morgenessen aus und heisst uns ein letztes Mal willkommen. Da die Sonne sich langsam dem Horizont nähert hetzt Markus mit dem Fotoapparat bewaffnet los, um sich die Hauptattraktion von Unzen anzusehen. Ich ziehe mir über die Yukatta noch eine Haori über und laufe ebenfalls, so schnell es die Sandalen zulassen, los. Beim Einchecken hatte ich noch zu Markus gesagt, dass wir hier wohl kaum Touristen antreffen würden. Aber kaum habe ich das Hotel verlassen, kommt mir schon eine grosse Gruppe Deutscher entgegen, was einmal mehr das Cliché bestätigt, dass Deutsche wirklich überall anzutreffen sind (was eine gute Eigenschaft ist, Amerikaner hingegen verlassen eher selten die ausgetrampelten Touristenpfade). Staunend betrachten sie mich in meiner echt japanischen Kleidung und ich staune im Gegenzug über ihre westliche - bis auf Markus sind sie im wesentlichen die einzigen, welche sich so anziehen, da es in Ryokans üblich ist, in der Hotelyukatta auszugehen.

Ich schiesse, solange es das Licht noch zulässt, ein paar Bilder und geniesse ansonsten die schöne Abendstimmung inmitten der überall dampfenden, gurgelnden und spritzenden Quellen. Aber ich habe, wie leider so oft, kaum Zeit und stresse zurück zum Hotel, will ich doch vor dem Abendessen noch ins o-furo. Auch hier zeigt sich wieder, dass das Miyazaki Ryokon ein erstklassiges Haus ist: Das o-furo hat nicht nur die ganze Nacht geöffnet, es bietet auch eine exzellente Infrastruktur. Es gibt Personal, welche einem Waschtücher entgegenstreckt oder ein Bier zapft (dies allerdings nur bis 22:00 Uhr). Das Bad selber ist grosszügig angelegt und bietet neben dem o-furo selber auch eine Sauna und ein sehr schönes rotemburo. In selbigem sitze ich auch schon bald und geniesse den Temperaturunterschied zwischen dem inzwischen einsetztenden leichten Regen und dem 43º warmen Wasser. Von der Tatsache, dass man vom halben Hotel und auch von den gläsernen Aussenliften bestens ins Bad sehen kann, lasse ich mich in Japan schon längst nicht mehr stören und lasse es mir gutgehen. Um ein Haar wäre ich weggedöst und hätte die Zeit vergessen. Die Erwartung des sicherlich guten Essens und das Wissen, dass das Bad auch danach noch geöffnet ist, lässt mich aber dennoch wieder aufstehen und ins Zimmer zurückgehen.

Dort geht es nicht lange und ein erstklassiges Essen wird aufgetischt, über welches sich Markus und ich im Nu hermachen. Einmal mehr zeigt sich, warum das Abendessen oft mehr als 50% des Preises bei einer Übernachtung in einem Ryokan ausmacht: Es ist exquisit, japanische Küche von ihrer besten Seite. Nach dem Essen kann ich Markus noch davon überzeugen, sich das schöne Rotemburo nicht entgehen zu lassen und er begleitet mich ausnahmsweise wieder einmal ins Bad. Im heissen Wasser, welches beim Einfluss in der Tat sehr heiss ist, und unter einer klaren Sternennacht lassen wir den Abend ausklingen und geniessen den Moment. 

Weiter geht es mit Teil 3

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Alain G. Barthe, 2001