Als mich die Sonne über der Bucht von Beppu weckt, stelle ich fest, dass ich einmal mehr viel zu spät dran bin. Das Ticket für den Zug nach Kokura hatte ich schon am Vortag gekauft und der Shinkansen würde ebenfalls nicht warten. Also hetze ich noch schnell zum Frühstück, stopfe ein bisschen Toast in mich rein und spüle es mit schlechtem Kaffee runter. Diese aufgewärmte Brühe hätte vermutlich jedem Amerikaner hervorragend geschmeckt, mit richtigem Kaffee hatte es aber nichts zu tun...
Wenig später geht es mit dem «Sonic» Richtung Kokura. Der Sonic ist ein hochmoderner, durchgestylter Zug. Sein auffälligstes Merkmal sind die Mickey-Mouse Ohren an den Sitzen - dem Logo des Sonic. Der Zug ist recht praktisch eingerichtet und komfortabel fahre ich der Ostküste von Kyushu entlang Richtung Kokura. Kokura ist der zweitletzte grosse Bahnhof der Sanyo-Linie vor Fukuoka und gleichzeitig die Umsteigestelle, wenn man von Ost-Kyushu her, den Shinkansen in nördlicher Richtung nehmen will.
Dort angekommen bleibt mir gerade noch die Zeit, ein Bento und ein Getränk zu kaufen, bevor ich den Nozomi 18, einem weiteren K-500 Shinkansen, besteige. Mit 300 km/h geht es rasant Richtung Osaka und in nur 2 Stunden treffe ich in Shin-Osaka, dem Shinkansenbahnhof von Osaka, ein. Von dort sind es nur noch ein paar U-Bahn Stationen bis Namba, der Station auf der mein Hotel, das Nankai South-Tower, steht.
Als ich mich frisch gemacht habe (meinen Koffer hatte ich die letzten 3 Tage nicht dabei) ist es zwar erst später Nachmittag, ich habe aber dennoch nicht mehr Lust, irgendetwas zu unternehmen. Aber ich habe ja Ferien und so lege ich mich ein bisschen hin um auch prompt einzuschlafen. Ich erwache erst recht spät wieder, so dass es sich eigentlich nicht mehr lohnt, mir etwas vorzunehmen. Also gehe ich noch kurz nach Dotombori, einem Vergnügungsviertel von Osaka, welches praktischerweise gerade bei der Station Namba anfängt, und vertreibe mir noch ein bisschen die Zeit, bevor ich endgültig schlafen gehe - natürlich nicht, ohne noch kurz an der Bar des Hotels vorbeizuschauen.
![]() Wie so oft in japanischen Städten, wird der Verkehr auch in Osaka über viele Ebenen auf Hochstrassen und -schienen geführt. |
Dieses Jahr habe ich es erstmals geschafft, im Nankai South-Tower ein japanisches Frühstück zu bestellen. Aber da ich einmal mehr etwas spät aus den Federn komme, muss ich es ziemlich gehetzt runterschlingen. Gestärkt gehe ich Richtung U-Bahn und fahre mit ihr zum Hafen von Osaka, wo ich mir das Aquarium von Osaka ansehen will. Aber irgendwie bin ich noch ein bisschen sehr müde und an der Station, an der ich eigentlich nur umsteigen wollte, erwische ich prompt den falschen Ausgang und weg ist mein Ticket... Diese Gefahr besteht immer, wenn man eine Station nicht genau kennt und es ist ziemlich ärgerlich, wenn ein ¥370 Ticket im Schlund einer Maschine verschwindet obwohl man erst zwei Stationen weit gefahren ist. Aber einmal musste das ja auch mir passieren und so bleibt mir nichts anderes übrig als noch einmal ¥320 für den Rest des Weges zu bezahlen. Ich hätte vermutlich auch mit dem Beamten darüber diskutieren können und hätte es, wenn ich ein bisschen den ahnungslosen Gaijin gespielt hätte und auf die Tränendrüse gedrückt hätte, wohl auch wieder zurückerhalten. Aber das lässt mein Stolz dann doch nicht zu und mit einem Gesichtsausdruck, als ob ich genau dies hätte tun wollen, löse ich wieder ein Ticket und verschwinde wieder im Untergrund, diesmal in den richtigen Gang.
![]() Das sehr moderne Aquarium von Osaka ist, besonders bei schlechtem Wetter, sehr empfehlenswert. |
Bald bin ich im Hafengelände angekommen und nach 5 Gehminuten stehe ich vor dem Gebäude des Aquariums. Es ist übrigens gar nicht zu verfehlen, da der Weg komplett markiert ist. Im Aquarium, welches den stolzen Eintritt von über ¥2 000 kostet, ist an diesem Wochentag recht viel los: Ich bin auf jeden Fall froh, dass ich nicht schon am Sonntag hingekommen bin. Aber als gross gewachsener Europäer hat man in solchen Fällen einen Riesenvorteil, kann man doch über alle Leute hinwegsehen (ich selber bin mit 174 cm zwar nur Durchschnitt, in Japan aber dennoch grösser als 95% der Leute).
Das Aquarium, welches als schönstes von Japan gilt, ist den Besuch allemal wert. Bereits der Eingang ist spektakulär: Man läuft in einem Tunnel durch ein wunderbar beleuchtetes Aquarium, in welchem bunte Tropenfische schwimmen. Das zylindrisch geformte Acrylglass nimmt man dabei viel weniger wahr als bei normalen Becken und man fühlt sich tatsächlich, als ob man mitten im Wasser stehen würde. Danach fährt man mit der Rolltreppe auf das Dach des Gebäudes und läuft dann spiralförmig um das riesige Zentralbecken herum und kann die Tiere aus verschiedenen Perspektiven beobachten. Verschiedene Arten wie Delphine oder Seehunde kann man so sowohl im Freien als auch Unterwasser beobachten. Gerade bei den Delphinen, welche gerne aus dem Wasser springen, ist es sehr interessant, die verschiedenen Phasen der Bewegungsabläufe zu beobachten. Sehr beeindruckend ist auch die Tatsache, wie absolut mühelos diese Tiere durch das Wasser schiessen und sich dabei offenbar überhaupt nicht anzustrengen brauchen: Wenn ich da an uns Menschen denke, wie sehr wir uns im Wasser abstrampeln müssen...
![]() Der Walhai ist der ganze Stolz des Aquariums und tatsächlich sehr beeindruckend. |
Im Zentrum des Gebäudes ist aber das beeindruckendste Becken: Das Hauptbecken, welches sich über alle vier Stockwerke erstreckt, ist riesig (5 400 Tonnen Wasser) und beherbergt neben vielen kleineren Hai-, Rochen- und Thunfischarten einen riesigen Walhai, dem Aushängeschild des Aquariums. Der Fisch (er ist kein Wal sondern ein Hai), welcher grob geschätzt 6 Meter lang ist, schwimmt dabei so nahe an einem vorbei, dass man ihn, wäre da nicht das Glas, berühren könnte.
Aber auch die kleineren Becken sind sehr gut gemacht. Sehr beeindruckend ist der Schwarm Sardinen, eher gruselig dagegen die Riesenspinnenkrabben (falls die auf Deutsch tatsächlich so heissen). Diese grösste Krabbenart der Welt lebt in 200 - 400 Metern Tiefe vor Japan und sie sehen aus, als wären sie Invasoren aus dem Weltall. Ich bin auf jeden Fall froh, dass sie so tief im Meer leben, ich würde sonst nie mehr schwimmen gehen und hoffe nur, dass ich von den Dingern nicht schlecht träumen werde. Neben all der Unterwasserfauna gibt es aber auch ein paar Landtiere wie Vögel, Leguane und ein paar Affen.
Im untersten Stockwerk erfährt man noch ein bisschen etwas über den Bau und den Betrieb des Aquariums. Unter anderem steht dort, dass für den Bau einmal die Weltjahresproduktion an Acrylglass verbraucht wurde (woran ich allerdings ein bisschen meine Zweifel habe). Am Schluss soll aber auch das beeindruckende Gebäude nicht unerwähnt bleiben, welches ganz aus Glas gebaut wurde und, ein bisschen wie die Riesenkrabben, wie von einem anderen Stern zu kommen scheint. Ich kann den Besuch auf jeden Fall empfehlen, gibt es doch in der Schweiz kein nur annähernd so grosses Aquarium: Das ideale Schlechtwetterprogramm.
Apropos schlechtes Wetter: Das Wetter an diesem Tag war eigentlich gar nicht übel, schien doch den ganzen Tag die Sonne, allerdings war es ziemlich kalt und es blies ein unangenehmer Wind. Zwei Wochen bevor ich verreiste, herrschten in Osaka über 20º, jetzt wo ich hier bin nur noch etwa 5º. Zuhause, wo gerade ein arktischer Kälteeinbruch herrschte, hatte ich allen noch die lange Nase gezeigt und erzählt, wie warm es in Japan sein würde. Natürlich hatte ich keine Sekunde mit der Möglichkeit gerechnet, dass in Japan genau das gleiche passieren würde. Beim Packen hatte ich mir noch überlegt, ob ich überhaupt warme Sachen einpacken sollte, schliesslich würde ich ja die meiste Zeit ziemlich im Süden verbringen. Aber da Tokyo etwa auf der Breite von Mailand liegt, habe ich extra für Tokyo einen Wollpullover eingepackt. Dort war es aber locker 15º, im auf der Höhe von Tunis (!) gelegenen Osaka dagegen nur 5º... Aber was soll's, es beweist auf jeden Fall einmal mehr, dass man für Japan alle möglichen Sachen einpacken sollte und mit jedem Wetter rechnen sollte.
Inzwischen ist es schon Mittag und ich beginne zu realisieren, dass ich mich jetzt endlich um die Einkäufe, welche ich tätigen wollte, kümmern sollte. Schliesslich ist dies mein letzter richtiger Tag in Japan und ich hatte noch nicht einmal eine einzige Postkarte gekauft. Also gehe ich weiter Richtung Umeda, wo sich «mitten in der Station» (soweit die hochpräzise Ortsangabe im Lonely Planet) ein Kinokuniya Buchladen befinden soll (der, den ich in Tokyo nicht gefunden habe). In Umeda angekommen, irre ich ein ganze Weile in der Station umher und suche verzweifelt nach allem, was einem Buchladen oder einer englischen Orientierungskarte nur ähnlich sieht.
Diese Suche bleibt aber ohne jeglichen Erfolg und leicht frustriert laufe ich Richtung Umeda Skybuilding los. Nordwestlich der Station soll dieses sein: Ich habe aber natürlich keinen Kompass dabei und keine Ahnung, wo eigentlich Norden sein soll. Die alten Pfadfindertricks wie Moos an den Bäumen helfen natürlich mitten in Osaka auch nicht weiter und um die Mittagszeit ist noch nicht einmal die Sonne eine grosse Hilfe. Nachdem ich rund 10 Minuten in die falsche Richtung gelaufen bin, erkenne ich endlich die richtige Richtung. Aber immerhin habe ich auf meinem Irrweg noch einen Buchladen gesehen: Wenn ich im zweiten Anlauf den Kinokuniya nicht finde, würde ich einfach zu diesem gehen. Nach ein paar Kilometer, welche mich grössten Teils rund um den Güterbahnhof führen, bin ich endlich am Ziel.
![]() Eines der fantastischsten Gebäude Japans: Das 170m hohe Umeda Skybuilding, welches viele imposante Ansichten freigibt. |
Das Umeda Skybuilding spaltet in Osaka die Meinungen: die einen finden es abgrundtief hässlich, die anderen schlicht genial. Da ich ganz klar zu den Zukunftsgläubigen gehöre, schliesse ich mich der zweiten Fraktion an. Das Gebäude ist ein sehr moderner Komplex, der im wesentlichen aus zwei Türmen besteht, welche auf der Höhe von 170m durch das «Floating Garden Observatory», der Aussichtsplattform, verbunden werden. Der Eintrittspreis von ¥700 (durchaus ein üblicher Preis) wird durch die Heerscharen netter, uniformierter Damen versüsst, welche einem formvollendet den (absolut nicht zu verfehlenden) Weg weisen. Selbstverständlich wird einem im Aufzug nicht nur die Bedienung der einzigen zwei Knöpfe abgenommen, man wird auch über das Gebäude informiert (die Fahrt ist bei 150 m/Min. allerdings nur kurz). Den letzten Abschnitt des Weges fährt man auf einer Rolltreppe über den riesigen «Innenhof» des Gebäudes: nichts für schwindlige Leute!
Die Aussicht auf Osaka ist überwältigend. Einmal mehr wird mir vor Augen geführt, welch idyllisch verschlafenes Nest Zürich ist und wie eine «richtige» Stadt aussieht. Zwar bin ich zum dritten Mal in Osaka, erhalte heute aber zum ersten Mal einen Überblick über die Metropole und kann jetzt erstmals einschätzen, wo ich überall war. Nachdem ich mich satt gesehen habe (es wird auch eine kleine Showeinlage mit künstlichem Nebel und Musik geboten) schaue ich mir noch kurz die Ausstellung im zweitobersten Stockwerk an und fahre wieder runter.
Der Rückweg ist ganz einfach: Unter dem Güterbahnhof, welcher mich beim Hingehen gezwungen hatte, einen langen Umweg in Kauf zu nehmen, führt eine Fussgängerunterführung durch, welche einem fast direkt in die Umeda Station zurückbringt. Ausserdem ist auf dem Prospekt, welcher man für die ¥700 ebenfalls bekommt, ein Plan der Umgebung - danke, jetzt hätte ich es auch nicht mehr gebraucht... Aber hier die Wegbeschreibung, für alle, welche sich mein Herumgeirre sparen wollen:
Suchen Sie in der Umedastation als erstes die Hankyu Umeda Station. Diese ist einfach zu finden, führt doch vom Hauptgebäude (in diesem befinden sich die U-Bahnen) ein Rollband zu dieser Station, ausserdem ist sie angeschrieben. Dort angekommen, werden Sie sich in einer Halle befinden, in der ausser Geleisen nicht viel ist (wenn es dort Einkaufszentren, Restaurants, etc. gibt sind sie falsch, machen sie eine 180º Wende und benutzen sie noch einmal das Rollband). Suchen Sie sich dort auf der linken (westlichen) Seite (wenn man vom Rollband kommt) einen Ausgang und nach ein paar Schritten (am New Hankyu Hotel vorbei) sollten Sie an der Shibata 1-chome Kreuzung sein. Überqueren Sie diese weiter geradeaus, begeben Sie sich aber auf die rechte Strassenseite. Dort geht es eine Treppe in die Unterführung hinunter und Sie können das Umeda Skybuilding nicht mehr verfehlen.
Ich starte einen zweiten Versuch, das Kinokuniya zu finden und habe tatsächlich Glück: Ich finde einen englischen Situationsplan und dort ist auch ein «bookshop» eingetragen. Sofort merke ich auch, warum ich den im ersten Anlauf nicht finden konnte: Er befindet sich im nördlichen Teil der Hankyu Umeda Station und mir ist ehrlich gesagt immer noch nicht klar, wie man ohne Fahrschein dorthin gelangen kann. Ich laufe kurz aussen um das Gebäude herum und stehe, als ich wieder rein laufe, direkt vor dem Kinokuniya.
Dieser hat, obwohl er eigentlich nicht sehr gross ist, ein erstaunliches Angebot. Im Gegensatz zu Buchläden bei uns, in denen das Angebot auf verhältnismässig viel Platz ausgestellt wird, wird in japanischen Bücherläden der letzte Millimeter genutzt. Weiter sind fast alle Bücher in genau einem Exemplar vorhanden (entsprechend oft werden die Regale nachgefüllt). Im Auslandsteil finde ich auch sofort, wofür ich gekommen bin: Es gibt eine breite Auswahl an Büchern für Sprachschüler. Zum lange schmökern bleibt mir allerdings keine Zeit und so kaufe ich, neben den Büchern für das nächste Semester, welche hier 30% günstiger als bei uns sind, nur noch das zusätzliche «Kanji Workbook» zu unserem «Shin Nihongo no Kiso» und die Hiragana Ausgabe des Lehrbuchs (wir verwenden in der Schule die Romanji Version, also die, welche in unseren lateinischen Buchstaben verfasst ist. Dies ist zwar praktisch, Hiragana und Katakana lernt man damit aber nie und nimmer).
Ein kurzer Blick auf die Uhr überzeugt mich davon, einen schnelleren Gang einzulegen und Richtung Hotel zurück zu hetzen: In knapp 4 Stunden habe ich mit einem Schulkameraden aus der Japanischklasse abgemacht. Vorher muss ich noch ein paar weitere Dinge einkaufen und ins Bad will ich auch noch. Also ab in die U-Bahn und zurück nach Namba.
In unmittelbarer Nähe der Station liegt «Den-den City», das Elektronikviertel von Osaka, welches den Vergleich zu Akihabara in Tokyo nicht zu scheuen braucht («den» ist die erste Silbe von «denki», was elektrischer Strom bedeutet). Dort muss ich für einen Freund ein neues Videospiel organisieren, ein Neo-Geo Color (welches in etwa mit einem Gameboy Color vergleichbar ist). Da diese Exotenkonsole auch in Japan nicht sonderlich beliebt zu sein scheint, nimmt es eine gewisse Zeit in Anspruch, diese zwischen den Tausenden von Playstation Spielen zu finden. Die Playstation ist übrigens auch in Japan die mit Abstand beliebteste Konsole, gefolgt vom Sega Staturn bzw. dem Sega Dreamcast und dem Nintendo 64, welche sich etwa die Waage halten. Auf dem Rückweg kaufe ich noch in der Lebensmittelabteilung des Takashimaya Warenhauses (eines der grossen Japans) «o-miyaga» ein. «O-miyaga» sind Mitbringsel, welche man von Reisen nach Hause bringt und in Japan ein absolutes Muss sind. Sehr beliebt sind Lebensmittel und auch ich kaufe Gebäck ein.
Um 18:00 Uhr bin ich endlich im Hotel und rase Richtung Bad. Das Nankai South-Tower hat ein wirklich tolles Bad inkl. einem spektakulären Schwimmbecken. An diesem Abend reicht die Zeit aber nur noch für ein Kurzprogramm im «o-furo» und einer Zigarette in der Lounge (wenn man sich nach dem sehr heissen «o-furo» nicht ein bisschen abkühlt, fängt man sofort zu schwitzen an und dies ist ja wohl nicht der Sinn der Sache).
Pünktlich um 19:00 bin ich in der Seven Seas Bar des Hotels, unserem Treffpunkt. Kaum habe ich mir einen Whisky bestellt (japanischer ist ganz ausgezeichnet und ich kann meine Lieblingsmarke, «Suntory Hibiki», nur wärmstens weiter empfehlen), treffen auch schon Andreas und seine japanische Freundin Kayoko ein. Kayoko-san war einen Monat lang in Japan in den Ferien und Andreas immerhin zwei Wochen, so haben wir uns viel zu erzählen. Das Highlight? Die beiden waren ebenfalls auf dem Aso und haben genausoviel gesehen wie ich...
Danach geht es der Midosuji-dori, einer der grossen Einkaufsstrassen Osakas, entlang Richtung Restaurant. Da der Wind nicht nachgelassen hat und die Sonne in der Zwischenzeit untergegangen ist, erfrieren wir drei auf dem 20-minütigen Weg fast und kommen schlotternd beim HMV Osaka an. Im obersten Stockwerk ist das Tofulokal, welches Kayoko-san für uns ausgesucht hat, und dort wartet bereits Shoko-san, eine Freundin von Kayoko-san, auf uns (ich hoffe nicht zu lange, ich denke wir waren eher ein bisschen knapp dran).
Das Restaurant ist sehr nett. Wir haben ein kleines «Zimmer» für uns alleine (mit Tatamimatten, Schiebetüren und, zum Glück, den bequemen Buchten unter dem Tisch). Zu essen gibt es an diesem Abend logischerweise Tofu in allen Variationen. Zum ersten Mal trinke ich auch Wein in Japan: ich kann es aber nicht empfehlen. Zum einen war der Wein zwar ein französischer, stammte aber aus einem Gebiet, welches ich noch nicht einmal dem Namen nach kenne (und als Sohn eines Vaters aus dem französischen Teil der Schweiz, in der man Wein sehr schätzt, und Bruder einer kant. dipl. Gastwirtin kenne ich mich eigentlich doch ziemlich gut aus) und zum anderen wurde er bei max. 7º serviert, für einen Rotwein viel zu kalt. Für den Rest des Abends gibt es nach einem entschiedenen Veto von Andy und mir nur noch Sake!
Das Essen schmeckte sehr gut und bestand aus über 10 Gängen. Neben dem eigentlichen Tofu, isst man auch die Haut des Tofus, welche bei der Herstellung anfällt (in etwa mit der Haut vergleichbar, welche sich beim Kochen von Milch bildet), so war etwa das Sashimi mit dieser umwickelt. In meinen Augen eher ein Kulturbruch war dagegen ein Gang, der aus einem Kartoffelgratin bestand - die Japaner haben mit solchen Dingen viel weniger Mühe als wir. In der Schweiz käme nie jemandem in den Sinn, zu Rösti ein bisschen Sashimi oder zu Fondue ein paar Yakitori zu reichen.
Danach gehen wir noch in ein Kaffee, um uns einen Drink zu genehmigen. Als wir die Getränkekarte erhalten, staunen Andy und ich nicht schlecht, dass sie vollständig in Englisch gehalten ist. Ich frage mich noch, ob dies einfach «trendy» ist, als ich bemerke, dass unsere Begleiterinnen japanische Karten erhalten haben: Das nenne ich noch Service! Übrigens liegt in Japan offenbar Französisch im Trend, ich habe auf jeden Fall an den unerwartesten Orten französische Schilder gesehen. Mit ein paar Drinks und Kaffees geht dieser Abend gemütlich aber sicher zu Ende und viel zu bald müssen wir aufbrechen: Shoko-san lebt in Nara, rund 30 Zugminuten von Osaka entfernt, und der letzte Zug fährt lange vor Mitternacht.
Nach dem Abschied wünsche ich noch Andy und Kayoko-san gute Nacht, wir werden uns ja leider schon am nächsten Tag im Flughafen wieder treffen, und ich gehe ein letztes Mal nach Dotombori, dem wohl lebhaftesten Vergnügungsviertel Osakas. Dort hänge ich noch wie üblich ein bisschen in den Spielsalons rum, welche in Japan wirklich vorzüglich sind. Nicht nur dass es selbstverständlich die neusten Spiele gibt, sie sind auch sehr sauber und ordentlich und man kann während des Spiels sogar rauchen. Voll im Trend scheint ein Automat zu liegen, bei dem der Spieler auf Sensorfeldern im Boden tanzt. Dabei geht es darum, besonders spektakuläre Figuren zu tanzen und möglichst viele sogenannte «Kombos» hinzukriegen («Kombos» sind sonst eigentlich eher von den unzähligen Prügelspielen bekannt). Aktivität seitens des Spielers ist übrigens bei den neueren Automaten durchwegs gefragt: Da wird nicht nur getanzt sondern auch Fahrrad gefahren (inkl. treten natürlich), Gitarre gespielt und - kein Witz - mit einer Rute geangelt. Diese Spiele sind natürlich ideal für die Zubehörindustrie, gibt es die entsprechenden Gadgets natürlich alle auch für die Playstations etc. zu kaufen.
Auf dem Rückweg ins Hotel komme ich noch an einem Swansons vorbei, einem jener Lebensmittelläden, welche es überall in Japan gibt und angenehmerweise 24 Stunden am Tag offen haben. Dort kann ich noch rasch für eine andere Japanischkollegin ein paar Tafeln «Meiji» Milchschokolade kaufen, welche sie sehr mag. Ich wundere mich noch, ob ich wohl der erste Schweizer bin, welcher ausgerechnet Schokolade aus Japan mitbringt.
Im Hotelzimmer ist der Tag aber noch nicht vorbei: Am Abend hatte ich mir noch Postkarten gekauft und die muss ich jetzt noch schreiben - nicht weniger als 29! Aber es ist ja erst 1:30... Normalerweise bin ich ein Vielschreiber, dieses Mal fasse ich mich jedoch kurz und viel mehr als Grüsse finden sich über eine Stunde später auf kaum einer Karte. Es ist schon fast 3 Uhr in der Früh als ich es endlich ins Bett schaffe und dort wie ein Stein einschlafe...
... und viel zu bald wieder vom brutalen Surren des Weckers aus dem Schlaf gerissen werde. Ungläubig starre ich auf die Zeit - 7:00 - und kämpfe mich aus dem kuschligen Bett Richtung Dusche. Wenigstens habe ich dieses Jahr einen späteren Zug als im Vorjahr, da ich beim Kaufen des Tickets nicht gesagt hatte, wann der Flieger überhaupt abfliegt (sonst sorgen die immer besorgten Japaner garantiert dafür, dass man 2 Stunden zu früh dort ist). So kann ich in Ruhe packen und mich eine Stunde später gemütlich Richtung Lobby aufmachen. Die Formalitäten sind schnell erledigt und bald stehe ich auf dem Geleise der Nankai Linie, von dem um 8:30 der Rapi::t ß abfährt. Dieser futuristische Zug ist die schnellste (25 Minuten) und angenehmste Art und Weise von Osaka zum Kansai Airport hinaus zu fahren.
Beim Einchecken, dem Anstehen sowohl an der Kontrollstelle für die Flughafengebühr (welche in Kansai der Passagier selber zu bezahlen hat) und der Passkontrolle fällt mir auf, wie schnell die Zeit so vergehen kann. Aber alles ist bestens und nach einem kurzen Ausflug in den Duty-Free Shop komme ich genau 1 Minute vor Einchecken am Gate an - wenn das nicht Timing ist!
Dort schaue ich mich nach Andy und Kayoko um - vergebens. Aber die werden schon noch auftauchen und schon ist das Gate offen und ich besteige ein bisschen wehmütig das Flugzeug. Zehn Minuten später treffen die beiden doch noch ein und ich muss nicht alleine zurückfliegen (sie waren zwar schon lange vor mir am Flughafen haben dann aber mächtig getrödelt). Der Flug selber ist dann noch langweiliger als der Hinflug und das einzige, was die ganze Sache ein bisschen erträglicher macht, ist dass ich wenigstens nicht alleine bin.
In Frankfurt angekommen, haben wir mehr als genug Zeit: Der Anschlussflug nach Zürich ist erst in 3½ Stunden und wir können uns in aller Ruhe den Flughafen anschauen. Der Flughafen Frankfurt hat drei Hauptgebäude, wovon zwei brandneu und sehr schön sind aber offensichtlich kaum genutzt werden. Das einzige Gebäude, in welchem viel Betrieb ist, ist das alte, welches zu allem Überfluss noch umgebaut wird. Als wir noch in eine Bar etwas trinken gehen - immerhin ein Steigenberger - wird uns brutal bewusst, dass wir nicht mehr in Japan sind. Der Service ist wirklich mies und wir überlegen uns, ob wir einen Putzlappen verlangen sollen, damit wir die Bar wenigstens einigermassen reinigen können... An der Kasse frage ich, ob ich mit Kreditkarte bezahlen kann (D-Mark habe ich keine, eine 10 000 ¥ Note will ich nicht mehr anbrauchen und Schweizerfranken habe ich zu wenige) wird mir nur mit einem barschen «Hauptsache sie bezahlen» geantwortet. Das die gute Frau ausgesehen hat, als ob sie direkt vom Set der «Nacht der lebenden Toten» gekommen wäre, macht die Sache auch nicht gerade besser.
Aber eben, wenn man aus Japan zurückkommt muss man sich wohl oder übel mit den hiesigen Umständen wieder arrangieren und bald sitzen wir wieder im Flugzeug und bringen den Katzensprung nach Zürich auch noch hinter uns. Zu diesem Lufthansa Flug ist nur soviel zu sagen, dass er, was Service an Bord anbelangt, wohl der Tiefpunkt meiner Karriere war und sich nahtlos an den Service im Steigenberger Restaurant anpasste.
In Zürich angekommen geht alles ziemlich schnell und bald habe ich meinen Koffer nach Bern aufgegeben und will mit meinen Schulsachen Richtung Innenstadt - schliesslich ist Dienstag und ich will keine Japanischstunde mehr verpassen als unbedingt nötig. Aber Andy «schlägt» vor (um einen Euphemismus zu bemühen), dass ich noch bei ihnen zuhause vorbeischauen solle: sie benötigen noch einen Kuli. Schliesslich hat Kayoko noch jede Menge von Zuhause mitgebracht und auch ein Reiskocher ist in dem Riesenhaufen Gepäck (ich wundere mich nur, wie sie den in aller Welt ohne Aufpreis einchecken konnten). Also geht es noch schwer beladen auf einen kleinen Umweg und, da wir fast eine halbe Stunde auf ein Tram warten müssen, ist mein Zeitplan über den Haufen geschmissen. Aber wir schaffen es dennoch mit nur 5 Minuten Verspätung in die Lektion (andere, welche wesentlich weniger als 10 000 km zurücklegen mussten, sind noch später dran...).
Aber langsam macht sich doch ein gewisse Müdigkeit bemerkbar - schliesslich sind wir beide schon 24 Stunden auf und unterwegs - und in der zweiten Lektion sind Andy und ich kaum mehr ansprechbar. Aber wir bringen es doch mit Anstand hinter uns und mir fällt auf, dass ich nach dieser Woche Japan deutlich weniger Mühe im Verstehen von gesprochenen Sätzen habe. Anschliessend geht es noch kurz zum üblichen Umtrunk und ich gehe ab nach Hause.
Es stellt sich die Frage, ob sich ein Kurzurlaub in Japan lohnt oder nicht. Auch wenn es mich sehr gereizt hätte, am Schluss einfach dort zu bleiben, denke ich doch, dass ich diese Frage positiv beantworten kann. Wenn sich eine Gelegenheit bietet und man Lust hat, soll man sie ergreifen. Da der Flugpreis nur ein geringer Teil der gesamten Aufwendungen ist, ist es auch finanziell nicht so unattraktiv wie man vielleicht meinen könnte. Ein weiterer Vorteil eines Kurztrips ist der, dass der Jetlag weniger schlimm ist. Man lebt halt während einer Woche in der falschen Zeitzone, zwei Tage nach der Rückkehr hat man sich aber bereits wieder eingelebt.
Das Beste an dieser Reise (vom Essen mal abgesehen) war aber eindeutig die Motivation, festzustellen, dass sich der Japanischunterricht langsam auszuzahlen beginnt. Gerade wenn man in unseren Breiten Japanisch lernt, hat man das Problem, mit dieser Sprache im Alltag herzlich wenig anfangen zu können. Da ist ein Besuch im Land natürlich genau das richtige und gerade die Japaner, welche viel Freude an noch so bescheidenen Sprachkenntnissen von Ausländern zeigen, motivieren ungemein.
Alain G. Barthe, 1999