Ungeplant und recht kurzfristig bin ich im Frühjahr 1999 für nur eine Woche nach Japan geflogen. Sie werden sich vielleicht fragen, wie man auf die Idee kommen kann, für eine solch kurze Zeit einen derart weiten Flug in Kauf zu nehmen. Die Erklärung ist ganz einfach: Nebst der Tatsache, dass ich schon seit ziemlich genau einem Jahr keinen einzigen Tag Ferien mehr gehabt hatte und vom Büro ein bisschen genug hatte, entdeckte ich im Internet ein billiges Flugangebot, welches bis Ende März limitiert war. So habe ich die Gelegenheit beim Schopf gepackt und bin kurz entschlossen nach Japan gereist.
Entspannt und ohne grosse Eile fahre ich zum Flughafen Kloten, schliesslich habe ich am Vortag eingecheckt und bin bereits im Besitz einer Bordkarte. Alles was mir zu tun übrig bleibt ist, in den richtigen Flieger zu steigen. Am Flughafen treffe ich noch meine Schwester, welche an diesem Tag in Zürich ist und mit mir noch einen Kaffee trinken kommt. Danach geht's ans Abschiednehmen und ich muss nur noch schnell beim Check-In der Lufthansa meine Bordkarte für den Weiterflug von Frankfurt nach Tokyo holen gehen.
Dort werde ich allerdings mit ziemlich besorgten Gesichtern empfangen und die Worte «es gibt ein Problem» sind genau das, was man weder in Houston noch vor einem Flug nach Japan wirklich hören will. In Frankfurt ist auf einer der beiden Landebahnen das Instrumentenlandesystem ausgefallen und die Passagiere nach Tokyo wurden daher auf einen früheren Flug umgebucht, damit sichergestellt ist, dass sie den Anschluss nicht verpassen. Da ich aber schon eingecheckt habe und entsprechend spät am Flughafen bin, geht dies in meinem Fall nicht mehr. Also bleibt mir nichts anderes übrig, als auf den vorgesehenen Flug zu warten, das Beste zu hoffen und auf mein Glück in solchen Dingen zu vertrauen.
Quälend langsam vergeht die Zeit und unaufhaltsam verrinnt die gute Stunde, welche ich in Frankfurt an Reserve habe. Als wir endlich losfliegen, kann ich es aber gerade noch auf den Anschlussflieger schaffen. Kurz vor Frankfurt teilt uns der Kapitän mit, dass wir jetzt noch eine Weile über Frankfurt kreisen dürfen und bei der Liste der Anschlussflüge, welche durchgegeben werden und warten, ist meiner selbstverständlich nicht dabei. Wir landen schliesslich 10 Minuten nach der Abflugzeit des Fliegers nach Tokyo - bald kann ich aber ein beruhigendes «delayed» auf der Abflugtafel lesen. Mit einem entspannten «jetzt kann nichts mehr schief gehen» auf den Lippen setze ich mich ins Departure-Gate. Nach nur 20 Minuten geht es weiter und die Verspätung hält sich insgesamt in erträglichen Grenzen.
Der Flug selber ist dann im Wesentlichen ereignislos (also langweilig und öde), einziges Highlight ist, da wir auf der Sibirienroute sehr weit nördlich fliegen, das Nordlicht. Die «Aurora Borealis», welche sich fast über den ganzen nördlichen Horizont erstreckte, ist ein sehr beeindruckendes Erlebnis und selbst wenn man genau weiss, wie sie zustande kommt, beim ersten Anblick ziemlich erstaunlich.
In Tokyo muss ich heute nur kurz bei der Einreise anstehen und bald laufe ich schon mit einem schnell erstandenen Ticket in der Hand zur Bushaltestelle. Dort kann ich mir nach 12 Stunden endlich wieder eine Zigarette anzünden und schon nach wenigen Minuten steht der Bus bereit. Zum Transport von Narita in die Innenstadt von Tokyo ist übrigens Folgendes zu sagen: Egal wie sehr Sie die fremden Zeichen verwirren und egal wie schwierig Ihnen der öffentliche Verkehr im ersten Augenblick zu sein scheint, steigen Sie auf gar keinen Fall in ein Taxi! Zwar stehen diese bereit und fahren Sie noch so gerne zu Ihrem Hotel, aber 250.-- Franken sind das Minimum das Sie zu bezahlen haben werden.
Fahren Sie entweder mit der Bahn oder dem Bus nach Tokyo. Die Bahn ist sehr angenehm und praktisch direkt unter dem Flughafen angesiedelt und die JR bringt Sie in weniger als einer Stunde in die Stadt, entweder zur Tokyo Station, nach Shinjuku, nach Ikebukuro oder sogar bis nach Yokohama. Billiger und mit höherer Frequenz bringt Sie die Keisei Linie bis nach Ueno (inkl. Zwischenstops). Der Nachteil ist natürlich der, dass Sie der Zug nicht direkt vor das Hotel bringt. Je nach dem in welchem Sie wohnen, kann es daher einfacher sein, den Bus zu nehmen. Prüfen Sie, ob Ihr Hotel in der Liste der Haltestellen aufgeführt ist oder nicht.
Meines ist erfreulicherweise eines davon und so bringt mich der Bus in rund 1½-stündiger Fahrt ins Keio Plaza Intercontinental in Shinjuku-West, wo ich so um 10:00 Uhr morgens eintreffe. Da es mein einziger Tag in Tokyo ist, reserviere ich noch schnell am Abend in der Sushi-Bar im Hotel einen Platz und breche bald darauf Richtung Bahnhof Shinjuku auf.
Dort angekommen sehe ich mich erst einmal nach einem Kinokuniya um. Kinokuniya ist eine grosse Kette von Bücherläden, welche auch über ein gutes Sortiment an fremdsprachigen Büchern und insbesondere von Lehrmitteln der japanischen Sprache verfügen. Meine Kollegin aus dem Japanischunterricht meinte, dass die Filiale in Shinjuku einfach zu finden sei (irgendetwas von «beim Haupteingang mit den vielen Fahrrädern über die Strasse»). Jeder der schon einmal in Shinjuku war, ahnt wohl bereits, dass ich den Laden selbstverständlich nicht gefunden habe. Shinjuku ist schliesslich der meist frequentierte Bahnhof der Welt und er weist noch nicht einmal Anzeichen der Übersichtlichkeit auf. Erschwerend kommt noch dazu, dass die Kinokuniya Tragetaschen in Englisch angeschrieben sind, die Läden dagegen nicht und so kann es durchaus sein, dass ich direkt vor dem Laden vorbeigelaufen bin, ohne es zu merken. Ich mache mir aber keine grossen Gedanken, schliesslich gibt der Lonely Planet den genauen Standort (dazu später mehr) des Kinokuniya in Umeda (Osaka) an - ich werde es dort einfach nochmals versuchen.
![]() Das Hauptgebäude der Asahi Brauerei in Asakusa ist ein umstrittenes Werk von Philippe Starck, welches den wenig schmeichelhaften Übernamen «The golden shit» trägt. |
Also ab in die U-Bahn und auf nach Asakusa. Schliesslich will ich noch kurz wissen, wie es im Moment mit meinem Glück so steht und dafür gehe ich kurz in den Asakusa Kannon Tempel um das Orakel zu befragen. Dort angekommen schüttle ich also die Trommel mit den nummerierten Stäben und meine Zahl ist die 49. Auf dem entsprechenden Zettel steht, dass es «eine gute Zeit für eine Reise» ist - das trifft sich ja wunderbar. Weiter erfahre ich, dass «mein Glück strahlend» sei und ich «keine Probleme in meinem Herzen trage». Allerdings ist es sowohl für einen Hausbau als auch eine Heirat nur «halbes Glück». Aber irgendwie macht es mich stutzig und ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dies schon einmal gelesen zu haben. Und tatsächlich, als ich dies nach meiner Rückkehr zuhause überprüfe, muss ich feststellen, dass ich schon vor einem Jahr die Nummer 49 gezogen habe! Vielleicht sollte ich es ernster nehmen und tatsächlich weder ein Haus bauen noch in den Hafen der Ehe einlaufen (jetzt habe ich wenigstens eine gute Ausrede).
Von Asakusa ist es nicht weit nach Nihombashi, in dessen Nähe («a 10-minutes walk») sich die Börse von Tokyo befindet. Als Besitzer von Sony Aktien, welche sich seit 2 Jahren im Wesentlichen nicht bewegt haben, wollte ich die Jungs mal ein bisschen anfeuern gehen. Ich bin allerdings schon etwas spät dran und laufe prompt in die falsche Richtung. Als ich den Irrtum einsehe und wieder zurücklaufe sind schon wieder 20 Minuten vergangen und die Börse ist natürlich nicht in den hübschen Plänen verzeichnet, welche sie extra für Touristen wie mich aufgestellt haben. Dass ich den wichtigsten Hinweis, wie man sie findet, nicht notiert habe, war aber wohl der entscheidende Fehler (ich hatte wegen eines einzigen Tages den Lonely Planet für Tokyo nicht mitgeschleppt). Tja, man kann nicht immer alles finden und sich in Tokyo zu verfransen ist keine Schande. Aber die gute Absicht war wohl schon genug, da die Nikkei kurz darauf zu einem eigentlichen Höhenflug ansetzte und den höchsten Stand seit Jahren erreichte.
Ca. um 17:30 besteige ich wieder die U-Bahn Richtung Shinjuku. Im Hotel angekommen geht es ziemlich bald ab zur Sushibar, in der ich ebenfalls schon im Vorjahr war. Das Sushi ist auch an diesem Abend absolut wunderbar und spätestens beim Toro, der fetten Bauchpartie des Thunfisches, kann ich mich nicht mehr zurückhalten und ich esse ihn sowohl als Nigirizushi als auch als Sashimi. Da sowohl Maguro (die Seitenpartien des Fisches) als auch Toro vorzugsweise aus Bluefin Thunfisch hergestellt wird, welcher auf dem Fischmarkt von Tokyo bis zu $10 000 kosten kann, fiel die Rechnung auch entsprechend aus. Der Bluefin ist einer der grössten Fische überhaupt und kann bis zu 1500 Pfund wiegen - ein solches Exemplar wurde auch schon für $90 000 gehandelt!
Nach einem kurzen Besuch in der «Pole Star Bar», von der man einen beeindruckenden Blick auf das nächtliche Tokyo hat, schlafe ich satt und zufrieden ein.
An diesem Morgen muss ich um 11:56 den Zug erwischen, also überhaupt kein Stress. Zudem habe ich mir einen Zeitplan zurechtgelegt, welcher es mir nicht nur erlaubt, gemütlich zu frühstücken sondern auch noch ein bisschen die Gegend rund um die Tokyo Station anzuschauen.
Als um 7:00 der Wecker läutet, erscheint mir dieser Zeitplan doch reichlich übervorsichtig und so stelle ich den Wecker erst einmal um eine Stunde vor. Als ich dann endlich aus dem Bett krieche ist es schon 8:30 - kein Problem. Duschen, Koffer packen - 9:15, jetzt bloss kein Stress.
Das Frühstück im Keio Plaza Intercontinental ist wie immer hervorragend. Dazu noch ein bisschen die Zeitung lesen - die Japaner verfolgten zwei nordkoreanische Spionageschiffe, konnten sie aber aufgrund der japanischen Verfassung nicht stoppen - eine Zigarette rauchen und zwei Tassen Grüntee trinken - 10:30.
Rasch aufs Zimmer gehen, das Gepäck mitnehmen, alle Schubladen inspizieren und ab zum Check-out an die Reception (bzw. eben zum Frontdesk). Fünf Minuten anstehen - man ist ja nicht der Einzige um diese Zeit - und beim Anblick der Rechnung so tun, als ob man völlig unbeeindruckt wäre (während man sich innerlich schwerste Selbstvorwürfe macht) - 10:50. Jetzt noch schnell den Koffer nach Osaka aufgeben und dann nichts wie ab. Auch das ist recht schnell erledigt und ziemlich genau um 11:00 verlasse ich das Hotel. Gemäss meinem Zeitplan sollte ich um diese Zeit längst bei der Tokyo Station sein und noch ein bisschen Sightseeing machen.
Zuerst muss ich zum Bahnhof Shinjuku, ich kenne aber zum Glück eine Abkürzung. Nach 5 Minuten muss ich allerdings einsehen, dass ich diese wohl nicht innert vernünftiger Zeit finde. Also gehe ich ganz normal zu Fuss nach Shinjuku und suche gehetzt die JR. Um 11:15 stehe ich endlich auf dem richtigen Geleise und muss einsehen, dass ich den Shinkansen dieses Jahr wohl endgültig verpasst habe. Aber auf mein Glück in solchen Fällen kann ich mich fast immer verlassen: Nur Sekunden nachdem ich dort bin, trifft ein Limited Express Richtung Tokyo Station ein!
Dieser hält nur an den wenigsten Stationen und so treffe ich 11:45 bereits in der Tokyo Station ein - ich bin gerettet. Nun noch eiligen Schrittes zu den Shinkansens rüber (glücklicherweise sehr nahe bei den JR Vorortszügen) und schon stehe ich auf dem richtigen Gleis wo ein paar Minuten später der Nozomi 13, ein Zug der K-500 Serie, nach Hakata einfährt. Im Zug klärt mich die Durchsage darüber auf, dass dies «the Shinkansen superexpress Nozomi 13 bound for Nagoya, Kyoto, Shin-Osaka, Okayama, Hiroshima, Kokura and Fukuoka» sei. Also ist alles bestens und die nächsten 4 Stunden verbringe ich damit, gemütlich zum Fenster herauszuschauen. Beim Buchen hatte ich leider vergessen, einen Raucherplatz zu reservieren und so ist das erste, was ich in Hiroshima tue, mit zittrigen Fingern einen Glimmstängel anzuzünden.
Im Bahnhof von Hiroshima selber halte ich mich nicht lange auf. Ich weiss ja vom Vorjahr wo es lang geht und bald habe ich ein Ticket nach Miyajima gekauft. Für ein «Miyajima made no kippu o kudasai» und «kono densha wa nan-bansen desu ka?» genügt mein Japanisch auf jeden Fall (auch wenn ich mir beim ersten nicht so ganz im klaren bin, was meine Lehrerin dazu sagen würde - Hauptsache der Schalterbeamte versteht mich). Mit der Vorortsbahn der JR geht es nach Miyajima-guchi und von dort sind es nur ein paar Minuten mit der Fähre auf die Insel Miyajima. Dort steht bereits der Bus, welcher mich zum Iwaso-Ryokan bringt und bald sitze ich bereits in der Yukata (ein leichter Baumwollkimono) auf den Tatami Matten und trinke einen Tee. Der wichtigste Satz auf Japanisch in einem Ryokan lautet übrigens «Chotto matte kudasai!», was «Warten Sie bitte einen Augenblick» heisst. Ich kann diesen auf jeden Fall gut gebrauchen, als ich mitten am umziehen wie Gott mich schuf im Zimmer stehe und es an der Türe klopft... In einem Ryokan ist es durchaus üblich, dass die Leute zu den unpassendsten Augenblicken reinplatzen.
Da es in einem Ryokan auf Miyajima deutlich gemütlicher zu und her geht als an einem Schalter in der U-Bahn von Tokyo kann ich jetzt mein ganzes Japanisch aufbieten und mit dem Personal - alles nette, ältere Damen - ein bisschen plaudern. Sie erklärt mir wo alles ist und wie die Öffnungszeiten sind, Dinge die man nach einem Jahr Japanisch schon ziemlich gut versteht. An neuen Wörtern lerne ich «kaidan» (Treppe) und «kuppon-ken» (Gutschein). Letzteren braucht sie von mir: In Japan ist es üblich vom Reiseveranstalter einen Gutschein für die Hotels etc. zu erhalten, welchen diesen (im Gegensatz zum Westen) meist auch benötigen oder zumindest sehen wollen.
Bevor ich ins Bad gehe («o-furo ni hairitai desu», «ich möchte gerne ins Bad») bestelle ich noch das Abendessen auf die 19:30 und bald verschwinde ich ins Bad, in dem ich mich herrlich von der Reise entspannen kann. Bald schon sitze ich im Zimmer und pünktlich wird mir ein Riesenabendessen aufgetischt, auf das ich mich sofort wie ein hungriger Wolf stürze - schliesslich hatte ich nichts zu Mittag gegessen. Es gibt traditionelles Kaiseki bestehend aus viel Sashimi (nicht nur Fisch, es geht quer Beet durch die ganze maritime Fauna), Tempura, gekochten Fisch, verschiedensten Gemüsen und natürlich Reis und Suppe. Auch westliche Dinge wie ein Schweinsschnitzel kommen auf den Tisch (hier allerdings lauwarm, was in Japan ganz und gar nicht unüblich ist). Bei ein paar Dingen bin ich froh, dass ich mir zeigen lassen kann, wie man es genau isst. Als sie allerdings das Tempura abräumen kommt, welches in einem schönen Korb arrangiert war, meint sie, ich soll doch aufessen. Ungläubig starre ich auf das Geschirr und obwohl ich die Worte schon verstehe («tabete kudasai!», «essen sie bitte») fehlt mir doch der Glaube. Soll ich jetzt in das Holzbrett beissen oder etwa das Strohkörbchen essen?
Wenn alles gut zureden nichts hilft muss man es eben vormachen. Prompt bricht sie einen Teil des Körbchens ab und isst es. Jetzt ist der Groschen auch bei mir gefallen und ich realisiere, dass es aus ungekochten dünnen Nudeln gefertigt ist und ebenfalls zum Abendessen gehört. Mit ein paar erklärenden Worten («suisu ni shokki o tabemasen», «in der Schweiz isst man das Geschirr nicht») esse ich es auf. Es schmeckt nicht einmal schlecht, die Nudeln sind gut gewürzt und durchaus schmackhaft. Danach geht es mit normaleren Dingen weiter und nach einer doppelten Portion Reis (ich hatte immer noch ein bisschen Hunger) lehne ich mich satt zurück. Einmal mehr stelle ich fest, dass eine Speisefolge, wie sie bei uns üblich ist, in Japan kaum existiert. Als ich meine zweite Portion Reis bestelle, steht auf dem Tisch noch die Nachspeise (ein Eis). Als sie den Reis bringt und ich das Eis noch nicht gegessen habe, wundert sie sich darüber und fragt, warum ich es nicht gegessen hätte. Ich bin zwar in Japan und versuche mich so weit als möglich anzupassen, die Süssspeise esse ich aber dennoch am liebsten am Schluss.
Danach geht es noch zu einem Spaziergang zum berühmten Tori von Miyajima und ich ziehe über meine Yukkata noch die bereitgelegte zweite und wärmere Yukkata und eine «haori» (eine Überziehjacke) an. Als ich den Gang Richtung Lift entlangtripple (schliesslich habe ich nicht meine Wanderschuhe sondern die für Japan ebenso typischen wie unpraktischen Sandalen an) freut sich das gesamte Personal über den Gaijin (Ausländer), der weiss wie man solche Dinge anzieht (einfach, beachten Sie aber bei einer Yukkata oder einem Kimono immer, dass die linke Seite über die rechte kommt. Umgekehrt zieht man nur die Toten an!). Aber offenbar ist noch nicht alles perfekt und so zieht eine der Damen mir noch die Knoten und Kragen ein bisschen zurecht, damit ich auch perfekt angezogen bin. Weiter bestehen sie noch darauf, dass ich unbedingt den Fotoapparat mitnehme. Draussen ist es zwar stockdunkel (es ist schon zehn Uhr) aber um ihnen eine Freude zu machen, nehme ich ihn eben mit. Daran, bemuttert zu werden habe ich mich längst gewöhnt und seiner Mutter soll man ja nicht widersprechen...
Bald bin ich trotz der Schuhe an der Strandpromenade angekommen. Die japanische Kultur hat viele bemerkenswerte Dinge hervorgebracht aber Schuhe gehören ganz eindeutig nicht dazu. Zwar sieht es sehr japanisch aus, praktisch sind sie aber ganz und gar nicht. Der Tori, welcher beleuchtet ist und sehr imposant («sugoi!») aussieht, steht an diesem Abend im Sand: es ist Ebbe. Diese Gelegenheit nutze ich natürlich um ein bisschen um ihn herum zu spazieren und ich versuche auch, eine Aufnahme zu machen (eine davon ist tatsächlich was geworden). Die Witterung ist kühl und leichter Regen setzt ein, so begebe ich mich wieder auf den Rückweg. Vor dem Schlafengehen gehe ich noch einmal kurz ins Bad, um mich wieder ein bisschen aufzuwärmen und völlig entspannt kuschle ich mich danach in mein Futon und schlafe sehr bald wie ein Murmeltier.
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Alain G. Barthe, 1999