Dieser Morgen ist ein typischer Morgen, den mein leicht stressiges Programm (für welches ich allerdings selber verantwortlich bin) mit sich bringt. In aller Frühe stehe ich auf, frühstücke (europäisch, das japanische Restaurant macht leider nicht so früh auf) und, kaum ist es offen, mache ich noch eine Stippvisite im Bad. Danach geht es aber bereits zum Zug (das Gepäck habe ich bereits abgegeben und ist auf dem Weg nach Tokyo), welchen man vom Hotel aus in ca. 30 Sekunden (!) erreicht, ist der Bahnhof ja im Untergeschoss gelegen. Der futuristische «Rapi::t ß» wartet bereits auf mich und bringt mich in einer guten halben Stunde auf den modernen und herrlich unkomplizierten Kaisai Flughafen. Bei der Bestellung des Tickets für den «Rapi::t ß» habe ich mich überzeugen lassen, eine ganze Stunde früher als geplant zu fahren (daher auch das Gehetze am Morgen). Da mein Flug ein Inlandflug ist und ich kein Gepäck habe, ist das Einchecken nach 2-3 Minuten erledigt und ich warte nun 1 Stunde und 15 Minuten auf den Flieger...
Als der Abflug immer näher rückt und die Japan Air keinerlei Anstalten macht, die Leute an Bord gehen zu lassen, wundere ich mich langsam, ob der Flug verspätet abfliegt. Allerdings steht davon gar nichts auf den Tafeln und 10 Minuten vor Abflug wird das Gate endlich geöffnet. Gute 5 Minuten später kenne ich des Rätsels Lösung: Die fast vollbesetzte Boeing 747-400 wird in rund 5 Minuten mit den Passagieren beladen und kann schon kurz darauf zur Rollbahn fahren. Dies ist eine angenehme Abwechslung zum «Ritual» welches in der Schweiz in solchen Fällen das Einsteigen zum Geduldsspiel in den Gängen des Flugzeugs machen.
So weit ich es beurteilen kann, befindet sich auf diesem Flug nebst mir nur gerade ein einziger Ausländer, das Personal nimmt sich dennoch die (offensichtliche) Mühe, alle Durchsagen auch auf Englisch zu wiederholen. Einerseits kann ich dabei wunderbar Japanisch üben: Da öffentliche Durchsagen in einem sehr höflichen Japanisch gemacht werden und ich diese Form auch in der Schule lerne, verstehe ich bei solchen Gelegenheiten viel mehr, als wenn Leute «normal» sprechen. Die englische Übersetzung zeigt mir anschliessend gerade, ob ich es auch richtig verstanden habe. Das zweite Schöne ist die Tatsache, dass ich von meinem Platz genau beobachten kann, wie die Stewardessen die Durchsagen machen: Zu dritt und mit kleinen Spickzetteln sprechen Sie diese Sätze, welche sie doch bestimmt schon Dutzende wenn nicht Hunderte von Malen geübt haben, mit sichtlicher Mühe und mitunter grossen Pausen («... We will be arriving at Sapporo at» Längere Pause, in der sie aufgeregt diskutieren «half past three»). Sie kümmern sich aber sehr gut um mich und organisieren mir sogar englischsprachigen Lesestoff. Als dann aber der Pilot seine Durchsage auf Englisch übersetzt, staune ich ob des sehr schwer verständlichen Englisch insbesondere von Zeiten und Zahlen. Ich frage mich, wie ein japanischer Pilot und ein burmesischer Lotse sich so eigentlich verstehen können?
Nach der recht rauhen Landung (bei starkem und recht böigem Seitenwind) sause ich sofort zum Bahnhof. Dort muss ich allerdings feststellen, dass hier definitiv nichts auf Englisch angeschrieben ist und ich muss mich erst einmal um Informationsmaterial über Sapporo bemühen: Von meinem nächsten Hotel, einem Ryokan, weiss ich ausser dem Namen nur noch, dass es irgendwo in Sapporo ist. Der Stadtplan ist eine positive Überraschung: Sapporo, welches von einem Amerikaner (!) geplant wurde, weist die selbe Schachbrettstruktur wie Städte in den USA auf. In dieser Beziehung ist Sapporo bestimmt die touristenfreundlichste japanische Stadt: Verirren ist eigentlich unmöglich und man findet alles sofort auf dem kürzesten Weg. Eine Adresse wie 5. West, 2. Nord mag ja unromantisch sein, praktisch ist sie aber allemal.
Auf meiner Fahrt Richtung Stadt fällt mir sofort auf, dass die Insel Hokkaido, deren Hauptort Sapporo ist, sehr dünn besiedelt ist. Entsprechend haben die Leute hier viel mehr Platz zum Wohnen und man würde es kaum glauben, überhaupt noch in Japan zu sein. Die Häuser sind auch deutlich winterfester und haben, des schweren Schnees im Winter wegen, Giebeldächer. Alles in allem erinnert die Landschaft und der Baustil (japanische Häuser sind oftmals recht bunt) an Nordeuropa. Im Zug beobachte ich auch die Leute und, ich weiss nicht ob es auf die Ainu oder das Klima zurückzuführen ist, es fällt sofort auf, dass hier ein anderer Menschenschlag lebt. Schon bald nimmt die Häuserdichte zu und ich fahre durch die Vororte von Sapporo.
Als ich am Hauptbahnhof aussteige bläst mir ein starker Wind ins Gesicht: Es ist hier deutlich kühler als in Osaka. Das Hotel sollte eigentlich ganz einfach zu finden sein und ich laufe los. Am Rathaus (mit dem Stern von Sapporo als Wappen, welcher auch die bekannte gleichnamige Biermarke ziert) und der Polizeistation, welche das grösste und modernste Gebäude in der ganzen Stadt ist, vorbei, lande ich plötzlich beim botanischen Garten. Erstmals habe ich etwas nicht gefunden und ich laufe einmal um den Block, kann aber noch immer keine Spur eines Hotels finden. Da dämmert es mir aber, dass es möglicherweise einfach nicht in Englisch angeschrieben sein könnte und ich es daher übersehen habe. Und tatsächlich finde ich bald etwas, was ein Hotel sein könnte und an welchem ich vorher einfach vorbeigelaufen war. Drin finde ich schnell heraus, dass es einerseits ein Hotel und andererseits das richtige ist und die Leute mich bereits erwarten.
Nach dem Einchecken und Zimmerbezug (d.h. ich habe einen Blick reingeworfen, Gepäck habe ich schliesslich keines) laufe ich los, um mir einen ersten Eindruck von Sapporo zu machen. Allerdings habe ich nur Augen für Restaurants, da es längst Mittag vorbei ist und ich ziemlich hungrig bin. Schnell habe ich ein günstiges Restaurant gefunden und ich esse zum ersten Mal eine der Spezialitäten von Sapporo: Krabben-Sashimi, welches tatsächlich sehr gut schmeckt.
![]() Die Odori-Promenade in Sapporo mit ihren vielen Springbrunnen und dem Sapporo-Tower im Hintergrund. |
Danach bummle ich ein bisschen in der Stadt und schaue mir die Odori-Promenade, Stätte des berühmten Schneefestes von Sapporo an. Die Promenade ist sehr grosszügig angelegt und erinnert viel eher an Frankreich als an Japan. Am einen Ende steht, in Japan mehr oder minder unvermeidlich, ein Sendeturm, den ich mir am nächsten Tag noch ansehen werde.
Bald muss ich zurück ins Hotel, wo ich mir zuerst ein Bad gönne und mir anschliessend aus der Minibar Sapporos bekanntestes Produkt nehme: Das gleichnamige Bier. Schon bald fängt die Angestellte an, mir ein riesiges Menü auf dem Tisch aufzubauen. Als ich schon mit Essen anfangen will, kommt sie plötzlich ganz aufgeregt ins Zimmer gestürzt: Sie hat mir das falsche Essen gebracht und räumt Schale um Schale wieder ab, nach fünf Minuten ist der Tisch wieder voll, diesmal mit dem richtigen Essen (wobei ich keinen grossen Unterschied feststellen konnte). Schnell zeigt sie mir noch, wie die einzelnen Speisen zu essen wären und will mir anschliessend noch etwas mitteilen.
Mein Japanisch reicht leider bei weitem nicht aus und ich verstehe nur ein Wort: «denwa», also Telefon. Als sie realisiert, dass ich nur Bahnhof (oder eben «eki») verstehe, rennt sie schnell runter zum Empfang. Anschliessend kommt sie wieder rauf und sagt ein einziges englisches Wort: «Telephone». Nachdem sie realisiert, dass dies auch nicht viel hilft, holt sie einen der Mitarbeiter vom Empfang. Dieser kann etwas mehr Englisch (was allerdings nicht heisst, dass er mir sagen kann, worum es geht) und er deutet mir, dass ich die Nummer 5 wählen soll und drückt mir sogar den Hörer in die Hand. Vielleicht will mich ja jemand aus der Heimat erreichen (wo ich die Nummern der Hotels hinterlassen habe) und ich hoffe schon, dass zuhause nichts passiert ist und wähle die 5 (welche mich mit der Rezeption verbindet). Aber als jemand abnimmt, stellt sich heraus, dass wir beide genausowenig Ahnung haben, warum wir telefonieren sollten. Nach einigem Hin und Her wird endlich klar, dass ich nach dem Essen anrufen soll, damit abgeräumt wird und das Futon bereitgemacht wird... Die Welt mag zum globalen Dorf mit totaler Kommunikation werden, in Japan kann es einem aber immer noch passieren, dass man sich vorkommt, als wäre man auf einem fremden Planeten gelandet.
A glass full of drops Auf einem Suntory Bierglass gelesen |
Danach stürze ich mich aufs Essen, welches gemessen am günstigen Preis des Hotels (es war das mit Abstand billigste auf der ganzen Reise) sehr gut war. Zwei Tipps, sollten Sie mal einen Gemüsebouillon mit einem rohen Ei auf einem Kocher serviert erhalten: Erstens das Ei wird in den Bouillon geschlagen und verrührt und zweitens ist es sehr, sehr heiss. Letzteres habe ich nicht beachtet und ich habe mich noch zwei Tage an den ersten Löffel erinnert...
Nach dem Essen sage ich schnell in der Rezeption Bescheid (nein, trotz all der Mühe habe ich dies nicht telefonisch erledigt) und breche auf, um den bekannten Biergarten von Sapporo zu besuchen. Sapporo ist das Zentrum der Bierbrauindustrie Japans und ich kann mir dies kaum entgehen lassen. Dort angekommen muss ich leider feststellen, dass in japanischen Biergärten niemand nur ein Bier trinkt, sondern, wie in Japan üblich, alle gleichzeitig am essen sind. Fast alle essen hier «Tschingis Khan», eine lokale Spezialität, welches im Prinzip ein üppigeres Shabu-Shabu ist. Da ich bereits ein recht üppiges Abendessen hinter mir habe und die einzelnen Lokale zum bersten voll sind, verzichte ich darauf und fahre zurück nach Sapporo, wo ich mir noch ein bisschen die Stadt bei Nacht anschaue und schliesslich ins Hotel zurückkehre um zum letzten Mal auf einem richtigen Futon zu schlafen.
Nach dem Frühstück (und einem ausgiebigen Bad, ich fange doch langsam an, die Anstrengungen der Reise zu spüren und ich muss meine müden Knochen ein bisschen ausruhen) breche ich in Richtung Sapporo Tower auf, welchen ich natürlich ebenfalls noch besteigen will. Der Sapporo Tower ist eine kleine Kopie des Tokyo Towers und bietet einen sehr guten Überblick über diese für Japan ganz und gar untypische Stadt. Im Gegensatz zum Rest von Japan ist Sapporo sehr geometrisch, übersichtlich und grosszügig angelegt (während japanische Städte sonst in aller Regel furchtbar chaotisch, total unübersichtlich und sehr eng sind). Wieder unten auf der Odori-Promenade schlägt mir «Die Internationale» entgegen: Auch in Japan ist der erste Mai der Tag der Arbeit und ich schaue mir interessiert die Manifestationen an. Auch wenn ich nicht verstehe, was die Sprecher fordern, kann ich mir vorstellen worum es in den feurigen Reden gehen muss. Auf jeden Fall weckt es den alten Klassenkämpfer in mir und ich summe «Die Internationale» mit, «Völker hört die Signale» kann ich leider nicht auf Japanisch...
Danach gehe ich weiter zum Hokkaido Schrein, einem der schönsten Shinto Schreine, welche ich in Japan gesehen habe. Da an diesem Tag auch ein religiöser Feiertag ist, habe ich eigentlich geplant, mir an einem der Dutzenden von Verpflegungsständen mein Mittagessen zu organisieren. Leider ist aber das Wetter einfach zu windig und trotz der Sonne, welche auch heute scheint, ist es mir zum Picknicken einfach zu ungemütlich.
Auf dem Weg zum Bahnhof bleibt mir noch ein bisschen Zeit und ich sehe mir den Botanischen Garten von Sapporo an. Mitten in diesem gibt es ein kleines Museum mit ausgestopften, z.T. ausgestorbenen Tieren, welche Hokkaido bevölkern bzw. bevölkert haben. Auch ein kleines Ainu-Museum ist auf dem Gelände, da ich keine Zeit mehr habe, das bekannte Ainu-Museum von Sapporo zu besuchen, kann ich mich dort trotzdem ein bisschen über die Ainu, die Ureinwohner Hokkaidos, schlau machen (welche soweit ich es beurteilen kann, viel mit den Inuit gemeinsam haben, deren Herkunft aber bis heute nicht ganz klar ist).
Nun muss ich aber bald los, schliesslich will ich noch etwas Essen. Am Bahnhof mit seinem grossen unterirdischen Einkaufszentrum (dies ist in Sapporo, wo im Winter auch mal 2 Meter Schnee liegen können, recht wichtig) gehe ich noch in einen Sushi Schnellimbiss und beginne zu realisieren, dass die Zeit langsam aber sicher knapp wird. Als ich aufs Ticket schaue sehe ich mit grossem Schrecken, dass der Flieger 30 Minuten eher, als ich es im Kopf hatte startet, es bleiben mir nur noch 50 Minuten. Da die Zugfahrt über eine halbe Stunde dauert wird es langsam knapp. Nach dem Bezahlen renne ich los und muss rund 15 Minuten auf den Zug warten. Als dieser endlich eintrifft und sich quälend langsam Richtung Flughafen bewegt, habe ich meinen Flieger innerlich bereits abgeschrieben. Gemäss Fahrplan trifft der Zug nur 4 Minuten vor Abflug ein. Also mache ich bereits alternative Pläne und beschliesse, eine weitere Fahrt im Zug zu unternehmen. Seit der Eröffnung des Seikan-Tunnels ist Hokkaido mit Honshu verbunden und somit bei jedem Wetter erreichbar. Der Tunnel, ein Wunder modernen Tunnelbaus, ist nicht nur mit 53.85 km der längste Tunnel der Welt sondern wurde darüber hinaus durch eine der seismisch aktivsten Gegenden der Welt gebaut, stossen doch gleich drei grosse tektonische Platten vor Japan zusammen: Die eurasische im Westen, die pazifische im Osten und die philippinische im Süden. Diese sind nicht nur für die Existienz Japans sondern auch die häufigen Erdbeben, Tsunamis (durch unterseeische Beben verursachte Flutwellen) und Vulkanausbrüche verantwortlich.
Aber noch ist der Flieger nicht weg und ich renne, als der Zug auf die Sekunde pünktlich eintrifft, los. Nach rund 2 Minuten bin ich am Check-In Schalter der Japan Air und, da ich kein Gepäck habe, habe ich sogar noch Zeit aufs Klo zu gehen um, 30 Sekunden vor Abflug, noch schnell an Bord zu gehen. Ich habe es also einmal mehr auf den letzten Drücker geschafft und der Seikan-Tunnel muss auf ein anderes Jahr warten.
Nach einem ereignislosen Flug nähern wir uns Tokyo und, da der Flieger auf dem, der Metropole viel näher liegenden Inlandsflughafen Haneda landen wird, wird uns ein atemberaubender Blick auf ganz Tokyo und der Bucht von Tokyo geboten. Von Haneda aus geht es zuerst mit der Monorail und dann mit der U-Bahn nach Shinjuku. Dort kaufe ich noch schnell was zu essen und gehe dann direkt ins Hotel zurück, ich bin langsam erschöpft und möchte mich in den letzten zwei Tagen noch ein bisschen erholen.
Der letzte Tag in Tokyo war eigentlich zum Entspannen gedacht und so schlafe ich mal (fast) aus: Da es nur bis 10:00 Uhr japanisches Frühstück gibt, muss ich dennoch um 9:00 Uhr aufstehen. Danach gehe ich allerdings noch einmal für 2 Stunden schlafen und breche dann Richtung Meji Schrein auf: Im Fernsehen habe ich gesehen, dass dort heute ein grosses Fest stattfindet und man sich dies als Tourist auf keinen Fall entgehen lassen sollte. Im Meji-Schrein angekommen muss ich aber feststellen, dass das Fest bereits vorüber ist: Ich hätte die Aufforderung, am Morgen früh zu kommen, wohl doch ernster nehmen sollen.
![]() Ein Shinkansen in der Nähe der Ginza welcher zur nahegelegenen Tokyo Station fährt. |
Jetzt muss ich noch erledigen, was ich die ganzen Ferien vor mich hergeschoben habe: Ich muss «o-miyage» kaufen. In Japan ist es üblich, dass wenn einer eine Reise tut, er den daheim Gebliebenen etwas mitbringt. Eines der beliebtesten und sinnvollsten Geschenke sind dabei Backwaren aller Art, besonders Süssigkeiten mit Grüntee und süsser Bohnenfüllung. Also nehme ich die U-Bahn in Richtung Ginza wo die Lebensmittelabteilungen der berühmten Warenhäuser Hunderte von Sorten bereithalten. Wie auch bei uns ist der Samstag allerdings ein recht beliebter Einkaufstag (obwohl der umsatzstärkste Tag der Sonntag ist) und so präsentiert sich die Ginza wie sich bei uns die meisten Leute ganz Japan vorstellen: Tausende von Japanern auf Shoppingtrip und ein Verkehrchaos sondergleichen.
Beim Einkaufen von japanischen Süssigkeiten muss man sich ein bisschen vor Augen halten, dass Europäer sich diese nicht gewohnt sind und ich versuche ein bisschen, «normale» Sachen, von denen ich mehr oder minder sicher bin, dass es den meisten Leuten schmeckt, zu organisieren. Dies ist eine nicht ganz einfache Sache und ich muss für Zuhause, fürs Büro und für die Japanischklasse etwas mitbringen. Nach einer Stunde suchen gehe ich noch nach Shinjuku, nebst der Ginza der zweiten Shoppinghochburg Tokyos. Völlig erledigt, aber mit 6 Schachteln Süssigkeiten, von denen ich sehr gespannt bin, wie sie so schmecken werden, kehre ich am Abend zurück. Ich schaffe es nur noch ins nahegelegene NS Gebäude, wo ich mir ein Sashimi, ein paar Yakitori und einige Biere gönne. Vom Restaurant hat man einen guten Blick auf das einnachtende Tokyo und ich realisiere, dass mit dem Tag auch meine Ferien unwiderruflich zu Ende gehen.
Ich disloziere ein letztes Mal in die Polestar Bar, in der ich mir, für einen Schweizer fast schon ein Scherz, noch eine Käseplatte bestelle (welche sehr gut war, war der Käse doch ausnahmslos aus Frankreich und der Schweiz importiert und von bester Qualität). Ich stelle dabei fest, dass Käse und Whiskey ganz gut zusammen passen und ich lasse mir die vergangenen 9 aufregenden und interessanten Tage vor meinem geistigen Auge Revue passieren.
Am Morgen klappt alles wie immer tadellos und ich nehme nach dem Frühstück den Bus, welcher mich nach Narita bringt, von wo es endgültig Abschied von Japan zu nehmen gilt. Zwar ist es auch immer irgendwie schön, von Ferien zurückzukehren, ich wäre aber auf jeden Fall gerne noch ein paar Tage geblieben. Leider ist der sehr günstige Flug nicht umbuchbar und ich kann nicht noch ein paar Tage nach Miyajima fahren, wo ich mich gerne noch ein bisschen von den Ferien erholt hätte. Einchecken, Passkontrollen etc. sind so zur Routine geworden, dass ich es kaum mehr mitbekomme und schon bald sitze ich in einer weiteren Boeing 747-400 der Japan Air, welche mich zurück in die Schweiz bringen wird. Ausnahmsweise fliegen wir mit Verspätung ab und kommen mit einer ebensolchen in Zürich, wo mich meine Schwester abholt, an.
Zum Abschluss der Reise stelle ich mir selber die Frage, welches denn nun die besseren Ferien waren: Alleine oder mit einer geführten Gruppe. Ich persönlich würde jedem, der zum ersten Mal nach Japan reist, eine geführte Reise empfehlen. Diese ist nicht nur komfortabler, da man sich um gar nichts kümmern muss und mit Bussen überallhin gefahren wird, sondern auch interessanter. Zwar gibt es recht gute Reiseführer, mit denen man ebenfalls eine ganze Menge über die besuchten Sehenswürdigkeiten erfährt, aber häufig ist man dann doch zu müde, nach der ganzen Reiserei noch in einem dicken Reiseführer zu lesen. Weiter ist es eindeutig ein Problem in Japan, dass man die Leute auf der Strasse nur sehr schlecht nach etwas fragen kann. Nach dem Weg zu fragen geht zwar noch recht gut, häufig sieht man aber Dinge des täglichen Lebens, welche uns völlig unbekannt sind und deren Bedeutung in üblichen Reiseführern nicht nachzuschlagen sind. In solchen Situationen ist ein japanischer (!) Reiseführer aus Fleisch und Blut ein Riesenvorteil.
Idealerweise würde eine Japanreise daher wie folgt aussehen: 2 Wochen geführte Rundreise, in denen die üblichen Destinationen (Tokyo, Kyoto, Nara, etc.) abgeklappert werden. Anschliessend müsste man noch mindestens 1 Woche alleine weiterreisen um sich jenseits der ausgetrampelten Touristenpfade noch einen individuelleren Einblick in Land und Leute zu eröffnen. Weiter würde ich empfehlen, sich ein paar Tage an einem der vielen ruhigen und schönen Orte zu gönnen (wie etwa Miyajima), um sich ein bisschen zu erholen (dafür wären Ferien ja eigentlich da) und Japan auch mal von der ruhigeren Seite kennenzulernen.
Alain G. Barthe, 1998