Japanreise 1998
Reisebericht

Im Frühjahr 1998 habe ich Japan ein zweites Mal besucht.

Torii von Miyajima

StartZurück123VorEndeHauptseiteFeedback

4. Tag, Fuji-Hakone Tour (Montag, 27.4.)

Als ich am Morgen aufstehe und zum Fenster rausschaue bin ich alles andere als begeistert: Der Nebel hat wieder zugenommen. Dies mag ja in Nikko noch ganz romantisch und geheimnisvoll gewesen sein. Heute steht aber der Fuji-Hakone Nationalpark, dessen Hauptattraktion nunmal der Blick auf den Fuji-san ist. Aber es steht auf dem Programm und ich möchte mir den einzigen Tag, an dem ich mich mal nicht selber um alles kümmern muss, nicht entgehen lassen. Also steige ich nach dem Frühstück tapfer in den Bus ein und fahre damit in den Nebel hinaus, zu dem sich jetzt auch wieder ein hartnäckiger Landregen gesellt hatte.

Wenn man erst einmal aus Tokyo draussen ist (was eine ganze Weile dauert, macht der Bus doch eine Tour von Hotel zu Hotel um die Gäste einzusammeln) geht die Fahrt zwar zügig voran, es ist dennoch eine fast 2-stündige Fahrt. Da es nicht viel zu sehen gibt unterhält uns der Reiseführer so gut es eben geht, nach einer guten Stunde gehen ihm aber langsam die Themen und Geschichten aus. Die einzige Abwechslung bringt ein Halt auf einer Autobahnraststätte, ansonsten war ich froh ein Buch dabei zu haben.

Sobald der Bus aber die Berge erreichte, wurde das Wetter allmählich besser und es lohnte sich wieder zum Fenster hinauszuschauen. Unter anderem sehen wir die Teststrecke des Maglev (Magnetic Levitation), welcher ein paar Monate zuvor mit beinahe 600 km/h den neuen Rekord für Züge aufgestellt hatte und in weniger als 10 Jahren in Betrieb gehen soll um die herkömmlichen Shinkansen Züge weit in den Schatten zu stellen - ich werde dannzumal selbstverständlich sofort nach Japan reisen um mitzufahren.

Bei der Auffahrt zur 5. Station des Fuji-san wird das Wetter besser und besser und ein gewisser Optimismus macht sich langsam breit. Der Weg zum Gipfel ist von insgesamt 10 Stationen, in denen man sich verpflegen und auch übernachten kann, gesäumt. Die eigentliche Strasse führt bis zur 5., welche ziemlich genau auf halber Höhe ist, danach geht es nur noch zu Fuss weiter. Da der Fuji-san beinahe 4000 m hoch ist, überwinden wir doch einen Höhenunterschied von rund 2000 m. Auf dem letzten Kilometer sieht man, dass die Strasse eben erst wieder repariert wurde, da sie von pechschwarzem Schutt verschüttet wurde - dies erinnert schlagartig an die Tatsache, dass der Fuji-san ein Vulkan und kein Berg ist.

Oben angekommen (die 5. Station ist die reine Touristenfalle) ist das Wetter zwar prachtvoll aber der Gipfel hüllt sich immer noch in Nebel. Erst kurz vor der Abfahrt zeigt sich der Fuji-san in ganzer Pracht. Das Hauptziel des Ausflugs ist damit erreicht und wir können beruhigt Richtung Mittagessen fahren. Das Mittagessen in einem chinesischen Restaurant ist an sich nichts besonderes, weder schlecht noch richtig gut (als Schweizer würde ich den Begriff «s'isch rächt gsii» benutzen, welcher mit «es war recht» nur unzulänglich übersetzt werden kann). Dabei stelle ich allerdings fest, dass ich auf den durchschnittlichen Touristen in Japan eigentlich ganz gut verzichten kann, war einigen doch schon das Süss-Saure Huhn zu exotisch...

Vom Hakone Freizeitpark (in dessen sehr schönen Hotel wir gegessen haben) haben wir einen wunderbaren Blick auf den Fuji-san. Aus einer gewissen Distanz ist er eindeutig schöner als von halber Höhe aus. Aus dieser Distanz wird die fast perfekte Form klar sichtbar, gibt es doch nur in Südamerika einen noch perfekteren Vulkandom als denjenigen des Fuji-san. Weiter geht es zum Mt. Hakone, dem zweiten Berg nach dem der sehr schöne Nationalpark, in dem es sich bestimmt ganz wunderbar wandern lässt, benannt ist. Der Mt. Hakone ist weniger hoch als der Fuji-san und wir gehen diesmal mit der Seilbahn (welche übrigens ein Schweizerfabrikat ist, da fühlt man sich doch sofort viel sicherer) bis auf den Gipfel. Leider kommt just als wir herauffahren starker Nebel auf, so dass wir uns diese Fahrt hätten sparen können. Die in Japan unvermeidliche Hostess erzählt zuerst auf Japanisch etwas über den Berg Hakone und drückt dann auf einen Knopf um für uns Gaijins eine englische Fassung ab Band laufen zu lassen. Wir staunen nicht schlecht, als sich dieses wortreich dafür entschuldigt, dass es nichts zu sehen gibt. Woher in aller Welt weiss ein Band, wie das Wetter gerade ist? Wir sind schon fast enttäuscht, als sie uns darüber aufklärt, dass sie einfach je nach Wetter einen anderen Knopf drückt. Ich hatte schon eine Hightechlösung mit Nebelsensoren o.Ä. erwartet!

Danach machen wir noch eine kurze Schifffahrt über den Hakone See, welcher selber ein Überbleibsel eines grossen Vulkans ist. Dabei kann man sehr schön sehen, warum diese Gegend sehr beliebt ist: Sie ist wirklich wunderschön zwischen den Bergen, dem See und einer atemberaubenden Natur gelegen. Das grosse, traditionell gebaute Hakone Hotel (welches wie ein zu gross geratener Tempel aussieht) wird entsprechend von der japanischen Regierung sehr gerne für Tagungen, Konferenzen etc. verwendet. Obwohl es wohl in der oberen preislichen Kategorie einzuordnen ist, wäre es ev. ganz schön hier mal ein paar Tage zu verbringen. Die meisten von uns machen dies nicht (ein Ehepaar hat die Zweitagestour gewählt, der Rest war wohl froh, bei diesem Wetter nicht dasselbe getan zu haben). Bald dunkelt es ein und in 3 stündiger Fahrt inkl. eindrucksvoller Demonstration des absoluten Verkehrschaoses in Tokyo (in dem wir aber erstaunlich flott vorankommen) geht es zurück ins Hotel.

 

Hostessen der JR

Diese hübschen jungen Frauen sind ein Teil der Zugsbegleitung im Nozomi Nr. 5 von Tokyo nach Hiroshima

5. Tag, Tokyo - Hiroshima - Miyajima (Dienstag, 28.4.)

Da ich ein Eisenbahnfan bin steht an diesem Morgen der Höhepunkt meiner diesjährigen Japanreise bevor: Einer Reise im neusten Nozomi der JR East, dem K-500, dem Zug mit der schnellsten fahrplanmässigen Fahrt zwischen zwei Stationen der Welt. Allerdings habe ich diesen aufgrund eines inoffiziellen Fahrplanes, welchen ich auf dem Internet gefunden habe, gebucht und da erst sehr wenige der Nozomi Kurse mit dieser Generation Zügen verkehrt, bin ich doch etwas nervös, ob es denn geklappt habe. Wenn nicht würde mir das sehr zweifelhafte Vergnügen bevorstehen, die nächste Fahrt, welche ich mit einem «alten» Nozomi der 300er Serie gebucht habe, umzubuchen. Bei den Sprachproblemen und der sehr geringen Flexibilität der Japaner ein Gräuel.

Frühzeitig (nachdem ich noch viel früher aufgestanden war) breche ich zur Tokyo Station auf: Die Erfahrung, den Zug nach Nikko fast verpasst zu haben, hat mich gelehrt und ich möchte um gar keinen Preis den doch ziemlich teuren Zug nach Hiroshima verpassen. Dort angekommen bleibt mir viel Zeit, mir den Bahnhofsbetrieb und die vielen Leute genauer anzusehen. Aber die Spannung steigt und als der Nozomi eintrifft, kann ich erleichtert feststellen, dass es der richtige ist. Der K-500, ein pfeilähnliches Geschoss, sieht sehr beeindruckend aus. Aber um ihn von aussen zu bewundern bleibt wenig Zeit, schliesslich muss ich einsteigen und der Zug fährt in wenigen Minuten ab. Schnell habe ich noch ein bisschen Verpflegung gekauft und schon sitze ich im vollbesetzten Zug, der Tokyo Richtung Yokohama verlässt.

tK-500 Shinkansen

Der Shinkansen der Serie 500, auch K-500 genannt, ist die neuste und schnellste  Erungenschaft der JR East.

Die Fahrt von Tokyo nach Yokohama dauert nur rund 10 Minuten, Anfangs dieses Jahrhunderts benötigte ein Zug für die gleiche Strecke noch eine runde Stunde. Aber in Japan gingen mit dem technischen Fortschritt die Umgangsformen glücklicherweise nicht verloren. Auch im neusten Shinkansen sind die Umgangsformen und die Dienstleistungen des Personals absolut top und bisher wurde auf diesem Gebiet in Japan erfreulicherweise noch nicht gespart. Zwar kostet eine Fahrt mit dem Shinkansen von Tokyo nach Hiroshima die stolze Summe von rund 350.-- Franken, dafür wird aber auch etwas geboten und die Strecke ist mit über 700km, welche in weniger als 4 Stunden bewältigt wird, auch nicht gerade kurz.

Auf der ersten Hälfte der Strecke bis Osaka befinden wir uns auf der alten Tokaido-Linie, welche vor über 30 Jahren gebaut wurde. Entsprechend kann der Zug hier «nur» rund 240 km/h schnell fahren und gewinnt gegenüber seinen älteren Kollegen kaum Zeit. Nach Osaka aber führt die Fahrt über die Geleise der bedeutend neueren Sanyo-Linie und es geht nicht lange, da erscheint im Display, auf dem normalerweise Nachrichten angezeigt werden, die Meldung, dass der Zug mit 300 km/h unterwegs ist. Diese Anzeige wäre aber nicht wirklich notwendig gewesen: Die Landschaft in unmittelbarer Nähe des Bahndamms ist nur noch verschwommen wahrnehmbar und Züge, welche jetzt mit an die 600 km/h gekreuzt werden, sind nur noch als kurze, diffuse Farbflecken wahrnehmbar. Kurz vor Hiroshima sammeln noch zwei Mädchen in eigenen Uniformen den Müll ein - eine äusserst nützliche Einrichtung da sich nach den vier Stunden Fahrt und der in Japan üblichen ständigen Esserei wahre Abfallberge angesammelt haben.

Schwer beeindruckt steige ich in Hiroshima aus: Der Shinkansen ist nicht nur eine der schnellsten Arten zu reisen, er ist im Gegensatz zum Flugzeug auch äusserst zivilisiert. Dass den Hochgeschwindigkeitszügen die Zukunft gehört hat man in Europa, Eschede hin oder her, mit rund 20 Jahren Verspätung auch langsam realisiert - wenn jetzt nur der Service vergleichbar wäre.

In Hiroshima fällt mir sofort auf, dass ich das schlechte Wetter hinter mir gelassen habe. Mit über 30 Grad ist es in Hiroshima sehr warm und ich bin, da ich kein Gepäck habe und zur Sicherheit eine Jacke mitgenommen habe, viel zu warm angezogen. Das Gepäck habe ich mir übrigens direkt nach Osaka per Gepäckdienst senden lassen, eine sehr angenehme japanische Einrichtung. Schnell ist die Tramlinie Nr. 1 gefunden, welche mich auf Anraten meines Reiseführers zum Friedenspark bringt. Der Tipp erweist sich einmal mehr als goldrichtig: Zwar muss man ein bisschen das Gefühl für die richtige Station haben (gemäss Führer sollte sie mit «A-Bomb Dome» angeschrieben sein, da hat sich dieser aber leider in der Linie geirrt), die Fahrt lohnt sich aber auf jeden Fall. Zusammen mit Sapporo hat Hiroshima eine der letzten Strassenbahnen in ganz Japan und auf der Linie Nr. 1 ist alles zusammengetragen, was sich aus der Strassenbahngeschichte Japans noch zusammenkratzen liess. Die Bahnen sind samt und sonders mindestens 50 Jahre alt und mit ihren kupfernen Bedienungselementen herrlich nostalgisch. Auf allen anderen Linien wurde das Rollmaterial erneuert und es ist zu befürchten, dass es mit der Romantik auch auf der Linie 1 bald zu Ende gehen wird.

Hiroshima

Der Kenotaph von Hiroshima, vom Stararchitekten Kenzo Tange entworfen, mit der Handelskammer im Hintergrund.

An einer x-beliebigen Kreuzung steige ich auf gut Glück aus und laufe in die Richtung, in der ich den Friedenspark vermute. Einmal mehr hat mich mein Orientierungssinn nicht verlassen und nach wenigen hundert Metern betrete ich diesen. Der für japanische Verhältnisse sehr weitläufige Park hat eine sehr klare und schöne Struktur.

In einer Linie, die bei der berühmten Handelskammer von Hiroshima bzw. ihrem Gerippe anfängt und bis zum Museum geht, sind die beiden wichtigsten Mahnmale aufgereiht: Einerseits ist dies der Kenotaph (ein Grab ohne sterbliche Überreste), auch Friedensmonument genannt, dessen eleganter Schwung nicht nur den Blick auf die Kuppel der Handelskammer freigibt sondern auch eine Truhe, in deren Inneren Schriftrollen mit den Namen der 108 956 Opfer der Atombombe aufbewahrt werden. Auf ihr sind die Worte «Alle Seelen mögen hier in Frieden ruhen, denn das Übel darf sich nicht wiederholen» aufkaligraphiert, eine sehr japanische Formulierung. Dahinter brennt eine Flamme, die erst dann erlöschen soll, wenn alle Atombomben dieser Welt entsorgt sind. Leider sieht es nach den Atombombentests, welche Indien und Pakistan durchgeführt haben, so aus, als ob diese Flamme noch eine ganze Weile brennen wird.

Weiter gibt es die bekannte Friedensglocke, bei der jeder Besucher aufgefordert wird, sie einmal zu läuten um damit seinem Wunsch Ausdruck zu geben, dass alle Atomwaffen vernichtet werden sollen - eine Aufforderung der ich aus ganzem Herzen folgen kann. Auch der «Ground Zero», über dem die Bombe gezündet wurde und auf dessen Gelände in den Tagen, welche unmittelbar dem Angriff folgten über 40 000 Menschen kremiert wurden, ist auf dem Gelände, das während des Krieges ein Militärlager war, gelegen. Am bewegensten empfand ich aber die Statue eines kleinen Mädchens, welches Jahre nach dem Angriff an Leukämie erkrankt war. Im Spital war sie überzeugt, dass, wenn es ihr gelänge, 1 000 Papierkraniche zu falten, sie die Krankheit besiegen würde. 1 000 Kraniche zu falten wird «senbazuru» genannt und wird gemacht, wenn ein Wunsch in Erfüllung gehen soll. Nachdem sie bereits 1 400 solche gefaltet hatte, starb sie. Bis heute bringen alle Schulkinder - und jeder Japaner geht während seiner Schulzeit einmal nach Hiroshima - Tausende und Abertausende von Papierkranichen zu ihrem Denkmal. Dieses Einzelschicksal und die rührende Anteilnahme der Kinder macht meiner Meinung nach das Unfassbare am ehesten begreifbar, alle anderen Zahlen bleiben reine Statistik.

Das eigentliche Museum, am anderen Ende des Parks gelegen, ist sehr gut gelungen und versucht sein bestes, die Geschehnisse von vor über 50 Jahren mit moderner Technik begreifbar zu machen. Allerdings ist die Ausstellung nicht sehr objektiv und es wird unterschwellig der Eindruck erweckt, Hiroshima sei während des Krieges eine ausschliesslich von Kindern und Frauen bevölkerte friedliche Stadt gewesen, über die das Unglück wie aus heiterem Himmel hereinbrach. Zwar wird die Tatsache, dass Japan einen unmenschlichen Vernichtungskrieg in Asien führte, welcher letztlich zu den Ereignissen führte, nicht verschwiegen, sie wird aber in einer Art und Weise präsentiert, dass sie fast vergessen geht.

Dennoch ist der Besuch des Museums ein Muss. Es ist sehr beeindruckend gestaltet und es ist zu hoffen, dass noch möglichst viele Besucher sich die Ausstellung anschauen. Egal wie man die Ereignisse vor 50 Jahren politisch wertet, ist wohl jeder, der sie gesehen hat, davon überzeugt, dass sich der Einsatz der Atombombe nie wiederholen darf. Der Friedenspark von Hiroshima ist damit sicherlich ein Beitrag zu einer friedlicheren Welt.

Aber wie jeder Tourist muss ich solche Gedanken schnell über Bord werfen und breche in der brütenden Hitze wieder Richtung Bahnhof auf. Diesmal gehe ich zu Fuss durch Hiroshima und stelle dabei hautnah fest, dass Hiroshima eine ganz normale japanische Stadt ist und abgesehen vom Friedenspark überhaupt nichts mehr daran erinnert, dass die Stadt vor 50 Jahren durch eine einzige Bombe vollständig zerstört wurde. Die Japaner, von je her an Katastrophen gewohnt, hatten schon wenige Tage nach dem Abwurf der Bombe mit dem Wiederaufbau begonnen.

Bald bin ich wieder am Bahnhof und ein Ticket nach Miyajima-Guchi, dem Hafen für die Überfahrt nach Miyajima, ist schnell gekauft. Noch ist früher Nachmittag und es sind noch nicht viele Leute im typischen Vorortszug der JR - gegen Abend nach Miyajima zu fahren kann ich dagegen kaum empfehlen. Miyajima-Guchi selber ist ein kleiner Ort, welcher sichtlich von den Touristen lebt, die Miyajima, die berühmte heilige Insel vor Hiroshima  besuchen gehen. Die Überfahrt mit der Fähre der JR ist recht kurz und ich sehe zum erstenmal den berühmten Torii von Miyajima, neben dem Fuji-san das berühmteste Bild ganz Japans. Der Torii von Miyajima steht um diese Tageszeit allerdings aufgrund der Ebbe im Schlamm und ich habe auch ganz andere Sorgen: Ich habe nicht die geringste Ahnung, wo mein Hotel ist oder wie gross der Ort Miyajima eigentlichen ist. Also steuere ich schnell die Touristeninformation an und gerade als die anwesende Dame anfängt mir zu erklären, wo das Hotel Iwaso liegt, bemerkt sie einen Bus des Hotels vor dem Bahnhof: Der Fahrer wartet bereits auf mich, obwohl er eigentlich keine Ahnung haben konnte, wann ich überhaupt ankomme. Typisch japanischer Service und ich bin wieder einmal eine Sorge los.

Als der Wagen beim Hotel ankommt, haben sich die Angestellten bereits vor dem Hotel versammelt und begrüssen mich mit einer Verbeugung. Kurz keimt in mir der Verdacht auf, dass sie eher Jaques Chirac als mich erwartet haben, doch dies scheint in einem guten Ryokan der normale Service zu sein. Eine genaue Beschreibung der Besonderheiten eines Ryokans finden sie im Abschnitt Japan für Anfänger.

Das «Iwaso» ist wunderschön am Rand des Ahornparks gelegen und bietet einen atemberaubenden Blick auf den Torii von Miyajima. Der Service ist, wohl auch weil zu diesem Zeitpunkt nur ganz wenige Gäste im Ryokan wohnten, hervorragend. Zum Tee gibt es eine Spezialität von Miyajima, eine Süssigkeit in Form eines Ahornblattes, welche sehr gut zum Tee passt. Das anschliessende Bad ist zwar sehr schön, aber da ich der einzige männliche Gast im «Iwaso» bin, etwas langweilig. Danach erwartet mich jedoch das üppigste Mahl, welches ich je in Japan gegessen habe.

Auf dem Tisch stehen unzählige Schalen (mindestens 30 an der Zahl), jede gefüllt mit einer kleinen Köstlichkeit und ich frage mich, wer in aller Welt dies alles essen soll. Da ich alleine bin und das Personal genug Zeit hat, kümmert sich eine der älteren Damen fast während des ganzen Essens um mich. Zwar spricht sie kein Englisch, da wir aber alle Zeit dieser Welt haben, geht es mit Zeichensprache und meinem dürftigen Japanisch ganz gut. Sie zeigt mir, wie man gewisse Dinge isst (z.B. kleine, verschlossene Meeresschnecken, welche wohl noch vor ein paar Stunden glücklich im Meer lagen und ganz hervorragend schmecken), schenkt mir ständig Sake nach und übt geduldig Japanisch mit mir. In der Zwischenzeit ging die Sonne über den Hügeln hinter Hiroshima unter und der Torii, welcher in der Nacht beleuchtet wird, strahlt sein geheimnisvolles Rot in die Nacht heraus. Als ich langsam aber sicher aufesse wundere ich mich nur, dass es keinen Reis und keine Suppe gibt - da ich aber schon pappsatt bin, bin ich eigentlich ganz froh darum.

Aber eben, in Japan gibt es niemals ein Essen ohne Reis und schon bald trägt sie eine Schale gebratenen Reises mit Nüssen und eine Muschelsuppe herein. Da es in Japan als unhöflich gilt, nicht aufzuessen, stopfe ich tapfer auch noch diesen Gang runter und frage mich, ob ich nach all dem Essen überhaupt noch werde aufstehen können. Aber das sollte nicht alles bleiben: Da der Reis gebraten war und es in Japan sonst eigentlich immer gekochten Reis zum Essen gibt, war der Reis eigentlich nur ein weiteres Gericht. Der Abschluss, gekochter, weisser Reis mit Misosuppe kommt noch! Allen die glauben, dass man in Japan kaum etwas zu essen kriegt, empfehle ich ein Abendessen im «Iwaso», dieses wird sie gründlich vom Gegenteil überzeugen.

Nach dem Essen soll man ruhen oder tausend Schritte tun. Die Bedienung legt mir eine Überziehjacke, welche man über die Yukatta anzieht, bereit und macht mir klar, dass ich mir den Torii bei Nacht auf gar keinen Fall entgehen lassen darf. Dieser Meinung kann ich mich anschliessen und so schlurfe ich durch das nächtliche Miyajima, welches in einem sehr traditionellen Stil gebaut ist und wohl für uns Touristen am ehesten der Vorstellung eines traditionellen Japans entspricht. Ich und die anderen, ausnahmslos japanische Touristen, bewundern den Torii, der in der Zwischenzeit in völliger Nacht im Meer steht und hellrot leuchtet (wie auch der restliche Tempel). Die Flut, welche in der Zwischenzeit eingesetzt hatte, sorgt dafür, dass die Reflexionen auf dem Wasser den Eindruck noch verstärken.

Miyajima gilt als einer der drei schönsten Orte Japans. Diese Ranglisten, welche einem auf einer Japanreise ständig begegenen, sind eine Eigenheit Japans. Manchmal erscheint es mir, als ob alles irgendwie klassiert wäre. Die schönste öffentliche Toilette Japans habe ich allerdings verpasst, aber Sie können mir ruhig glauben, dass es diese selbstverständlich ebenfalls gibt! Miyajima trägt diesen Ruf zu Recht: Der Torii bei Nacht ist der absolute Höhepunkt und eine Übernachtung auf der Insel ist absolut zu empfehlen.

Nachdem ich im Ryokan zurück bin stelle ich fest, dass der Tisch zur Seite geräumt ist und das Futon bereit ist. Da das Zimmer für 6 Personen gedacht ist (so viele Futons hat es auf jeden Fall im Schrank) ist das Platzangebot sehr komfortabel. Ich gehe jedoch nochmals schnell ins Bad und bin zu dieser späten Stunde nicht mehr alleine: Einer der Köche des «Iwaso» benutzt das Bad ebenfalls und wir kommen schnell ins Gespräch. Er ist noch jung und entsprechend erst in der Lehre (er kocht den Reis und schneidet das Gemüse). Leider muss er schon bald schlafen gehen, da er um halb fünf aufstehen muss - ich hatte schon gehofft, endlich jemanden gefunden zu haben, mit dem ich noch ein Bierchen kippen gehen könnte. Als ich später ebenfalls ins Bett gehe, schaudert es mich beim Gedanken, so früh aufstehen zu müssen, noch immer. Da die Tatamis im Zimmer noch neu sind, duftet das ganze Zimmer wunderbar nach Reisstroh und glücklich und zufrieden schlafe ich beim Plätschern des nahen Baches ein.

Miyajima

Der berühmte Torii von Miyajima, welcher eigentlich ein Teil des Itsukushima-Schreins ist.

6. Tag, Miyajima - Osaka (Mittwoch, 29.4.)

Erholt stehe ich auf und nach Bad und Frühstück checke ich ein bisschen traurig aus: In Miyajima wäre ich auf jeden Fall gerne länger geblieben! Aber es hilft nichts: es gibt Berge zu erklimmen, Züge zu erwischen und Hotels zu finden! Das mit dem «erklimmen» nehme ich allerdings nicht wörtlich und bevorzuge die deutlich bequemere «rope-way» (wie eine Luftseilbahn in Japan genannt wird), welche mich in kurzer Fahrt fast bis auf den Gipfel des Berges Misen bringt.

Zwar wusste ich aus dem Reiseführer, dass der Berg nur 530m hoch ist. Da ich aber dennoch nicht sicher war, wie lange ein Auf- und Abstieg dauert und ich in Hiroshima den Shinkansen erwischen muss, habe ich auf einen Aufstieg verzichtet. Dennoch komme ich beim Überwinden der letzten 100m zum eigentlichen Gipfel gehörig ins Schwitzen. Nicht nur habe ich ein etwas gar forsches Tempo angeschlagen, ich unterschätzte auch die Wirkung der Sonne bei rund 30°. Ausserdem habe ich erstmals einen Platz in Japan gefunden, auf dem es mal keine Getränkeautomaten gibt! Glücklicherweise sind die Flüsse sauber und auch in den diversen Tempeln, welche es auf und um den Berg hat, gibt es immer wieder Brunnen.

Warnung vor dem Affen

Warnung vor dem Affen!

Vielleicht machen mich aber auch nur die Affen nervös, vor denen verschiedene Tafeln warnen. Besonders die Warnung, den Affen nicht direkt in die Augen zu blicken, geben mir zu denken: Wann hat ein Affe denn das Gefühl, dass man ihn anstarrt? Der Hinweis, doch keinen Rucksack (oder ähnliches) mitzunehmen, kommt ein bisschen spät: Ich habe selbstverständlich meinen Rucksack, welchen ich als Daypack benutze, dabei. Ich sehe mich schon, mein Hab und Gut gegen eine wütende Meute riesiger Affen verteidigen... Aber wenig später erblicke ich den ersten. Die Warnungen tragen etwas dick auf: Die Affen sind in Wahrheit nur ca. 40cm gross und wirken alles andere als bedrohlich.

Obwohl am 29. April die «Golden Week» angefangen hat, in der halb Japan Ferien hat und im Land umherreist, bin ich an diesem Morgen auf dem Berg Misen so gut wie alleine. Entsprechend schön und ruhig ist die kleine Wanderung und ich kann neben den Affen auch Hirsche und andere Tiere, welche den Wald bevölkern, beobachten. Auch die Tempel, von denen es auf dem Berg Misen verschiedene gibt, strahlen an diesem wunderschönen Tag eine Ruhe aus, die in den ansonsten überlaufenen Anlagen fehlt. Plötzlich scheint mir die Vorstellung, dass an diesen Plätzen Götter wohnen, nicht mehr so abwegig.

Je näher ich dem Ziel, dem Ort Miyajima komme, desto öfters begegnen mir wieder Leute. Dennoch bin ich überrascht, dass auch der berühmte Itsukushima-Schrein nicht übermässig besucht ist. Den Beschreibungen in diversen Reiseführern nach, hatte ich erwartet, dass in der «Golden Week» überall der Teufel los sei. Ich kann dies aber nicht bestätigen und wenn ich auch nicht empfehlen kann, eine Reise absichtlich in diese Zeit zu legen, meiden muss man Japan deswegen zwischen dem 29. April und dem 5. Mai definitiv nicht. Allerdings sollten Sie alle Züge und Hotels vorher reservieren.

Erstaunt stelle ich einmal mehr fest, wie tolerant und unverkrampft in Japan mit Religion umgegangen wird: Mitten im Itsukushima-Schrein wird gerade die Bühne für ein Rockkonzert aufgebaut, das am nächsten Abend stattfinden soll. Ich bin gespannt, ob ich es je erleben werde, dass das selbe auf dem Petersplatz oder in Mekka möglich sein wird - in der religiösen Bedeutung ist Miyajima, einer der heiligsten Orte in ganz Japan, durchaus vergleichbar.

Wie ich gekommen bin, verlasse ich die Insel wieder: mit einer Fähre der JR. Ich bin bald wieder in Hiroshima - ich kenne mich in der Zwischenzeit ja aus. Den richtigen Zug zu finden ist gar kein Problem und ausgerüstet mit einem Bento und meinem Lieblingsbier (einem Kirin Ebisu) besteige ich schon bald den Nozomi der Serie 300 in Richtung Osaka. Unterwegs bei immerhin noch 270km/h versuche ich Karten zu schreiben, leider erweist sich dies als unglückliche Idee: Im Gegensatz zum neueren K-500 schüttelt es im Serie 300 Nozomi bei voller Geschwindigkeit ziemlich und meine sowieso nicht sonderlich schöne Schrift mutiert endgültig zu einem unleserlichen Gekritzel: Sollten Sie also eine völlig unleserliche Karte aus Japan erhalten haben, wissen Sie jetzt warum!

Als ich in Osaka aus dem Zug steige, haut mich die Hitze fast um. Es ist an diesem Tag weit über 30° und im Gegensatz zu den kühlen Wäldern von Miyajima ist dies in der Stadt doch ziemlich unangenehm. Entsprechend steige ich auch sofort in die U-Bahn in Richtung der Station Namba, auf der mein Hotel, das «Nankai South Tower», steht (Sie haben richtig gelesen, das Hotel ist Teil des Bahnhofs und steht direkt darauf). Nach kurzer Fahrt komme ich dort an und sofort fällt mir wieder ein, wo der Haken an dieser Station ist: Namba, die grösste Station von Osaka, ist nicht sonderlich übersichtlich und kennt über 50 verschiedene Ausgänge! Wenn man den richtigen nimmt, ist man in rund 30 Sekunden in der Hotellobby. Ich nehme aber natürlich den falschen, und obwohl dieser nur rund 100m daneben liegt, ist das Resultat ein rund 15 minütiger Fussmarsch durch einen der chaotischsten und hektischsten Teile von Osaka (es ist rund 17 Uhr). Zwar könnte man meinen, ein Hotel mit rund 50 Stockwerken, welches den ganzen Stadtteil überragt, sei einfach zu finden. Man muss sich aber erstaunlich weit davon entfernen, um es sehen zu können.

Bald bin ich aber in der herrlich gekühlten Lobby des Hotels und bringe die Formalität des Eincheckens schnell hinter mich. Im Zimmer wartet bereits mein Koffer auf mich und erschöpft lasse ich mich in den Sessel fallen und nehme ein Asahi aus der Minibar. Beim Durchblättern des Servicekatalogs des Hotels fällt mir sofort der Badeclub inkl. richtigem Schwimmbecken (allerdings ist es kein Olympiabecken, ich schätze, es ist ca. 40m lang) auf: Das ist in diesem Moment genau das Richtige. Ein kurzes Telefon und ein paar Minuten später bin ich bereits dort und ich kann mich einmal mehr den Annehmlichkeiten eines japanischen Bades hingeben. Auch das Becken ist ein Erlebnis: Da der Club im 11ten Stock ist, hat man beim Schwimmen einen imposanten Blick auf das langsam dunkler werdende Osaka und dessen Geschäftigkeit.

Beim Verlassen des Clubs erhalte ich noch einen Gutschein für einen freien Eintritt am nächsten Morgen, ein Angebot das ich bestimmt gerne nutzen werde. Zuerst organisiere ich mir noch schnell eine Fahrkarte für den Zug zum Kaisai Flughafen. Da das Hotel ja der Privatbahn gehört, welche diese Linie betreibt, kann ich dies bequem in der Hotelhalle erledigen. Auch die Diskussionen mit dem Bell Captain, dem ich am nächsten Tag mein Gepäck zur Beförderung nach Tokyo abgeben werde, sind schnell erledigt.

Nun stürze ich mich aber in das Gewühl der Stadt: Osaka ist sehr viel lebendiger als Tokyo oder gar Kyoto. Ruhe und Beschaulichkeit sucht man in dieser pulsierenden Metropole also vergebens. An hunderten von Lokalen vorbei finde ich bald die Sushi-Bar, in der ich schon im Vorjahr hervorragend gegessen hatte. Auch an diesem Tag ist sie wieder bis auf den letzten Platz belegt: ein sicheres Zeichen für Qualität. Nach kurzer Wartefrist esse ich Sushi, wie ich es fast am liebsten mag: Ab dem Förderband. Dies ist nicht nur billig und schnell, man wird auch immer wieder in Versuchung geführt, noch einen Teller zu nehmen. Auch die ausgelassene und unkomplizierte Stimmung und nicht zuletzt das wirklich hervorragende Sushi machen dieses Lokal für mich in Osaka zum Stammlokal. Leider kann ich Ihnen nicht sagen, wo es zu finden ist, da eine Wegbeschreibung im Gewirr der Einkaufsstrassen von Dotombori völlig aussichtslos wäre. Lassen Sie sich bei der Auswahl eines Lokals aber einfach von der einfachen Regel «Je voller, desto besser» leiten, dann können Sie sicher sein, eine gute Wahl getroffen zu haben.

Nach ein bisschen Bummeln und dem Besuch eines oder zwei Spielsalons (Prügelspiele und UFO Catcher sind noch immer der Renner) gehe ich zurück zum Hotel. In der Bar (als ob ich je an einer Hotelbar vorbeilaufen könnte) bestelle ich einen Whiskey mit nur einem Eis. Das hätte ich mir sparen können: Das Designereis im Whiskey ist so riesig, dass es das halbe Glas füllt. In Japan trinkt man Whiskey normalerweise «mizuwari», d.h. mit Wasser und sehr viel Eis. Entsprechend hatte ich immer wieder Mühe, das für mich richtige Mass zu erhalten.

Am Abend blicke ich auf die Tausenden und Abertausenden von Lichtern in dieser vibrierenden, pulsierenden Metropole voller Leben: welch ein Unterschied zum Anblick einiger Hirsche am Morgen in Miyajima! Japan, das hat sich heute einmal mehr in beeindruckender Weise gezeigt, ist ein Land, welches voller Gegensätze ist.

Weiter geht es mit Teil 3

StartZurück123VorEndeHauptseiteFeedback


Alain G. Barthe, 1998