Japanreise 1998
Reisebericht

Im Frühjahr 1998 habe ich Japan ein zweites Mal besucht.

Torii von Miyajima

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Reisebericht Japan '98

Shinjuku (Tokyo)

Eines der in Stein gegossenen Monumente des beispiellosen Aufschwungs der Nachkriegszeit in Japan.

1. Tag, Ankunft Tokyo (Freitag, 24.4.)

Mit der Boeing 747-400 fliege ich über die Sibirienroute mit dem Flug JL418 der Japan Airlines von Zürich nach Tokyo. Dieser Flug dauert nur rund 11½ Stunden und ich habe das Glück, einen sehr angenehmen und interessanten Gesprächspartner neben mir zu haben. Mit Sake und Rotwein und anregenden Gesprächen vergeht die Zeit im wahrsten Sinne des Wortes wie im Fluge.

Als wir (pünktlich auf die Minute) in Tokyo-Narita landen müssen wir feststellen, dass das Wetter ganz und gar nicht gut ist und es in Strömen regnet. Die Einreiseformalitäten sind für mich als Schweizer schnell erledigt - einige Passagiere aus der Dritten Welt hatten da weniger Glück, ein Umstand der mir schlagartig in Erinnerung ruft, dass wir auf dieser Welt die Apartheid noch lange nicht überwunden haben - und ein Ticket für den Car, welcher mich direkt ins Hotel bringt, habe ich ebenfalls im Handumdrehen besorgt. Meine ersten zwei Monate Japanisch waren also nicht umsonst!

Der Car bringt mich durch den strömenden Regen in rund 1½ Stunden nach Tokyo ins Keio Plaza Intercontinental. Beim Einchecken übergibt mir die Angestellte auch bereits meine Shinkansentickets, welche ich bereits von der Schweiz aus reserviert hatte. Ich fühle mich aber zu schlaff, um noch irgendetwas zu unternehmen. Den Nachmittag verbringe ich im Halbschlaf vor dem Fernseher, wo Bilder von Überschwemmungen und Schlammlawinen aus dem Süden des Landes gezeigt werden - man kann mit dem Wetter nicht immer Glück haben...

An diesem Abend schaffe ich es nur noch ins nahegelegene NS Gebäude wo ich mein erstes (aber sicher nicht letztes) Sushi verzehre. Da die Angestellten nicht allzuviel zu tun haben, kann ich ein bisschen mein Japanisch üben. Nach einem Drink in der Hotelbar gehe ich früh ins Bett um Kräfte für meinen ersten richtigen Ferientag zu sammeln.

2. Tag, Tokyo (Samstag, 25.4.)

Nachdem ich problemlos schlafen konnte - der Jetlag blieb weitgehend aus - überzeugt mich ein Blick aus dem Fenster, dass das Wetter nicht ganz so schlecht ist, wie es zu befürchten war. Bei einem sehr guten japanischen Frühstück zerbreche ich mir den Kopf, was ich wohl heute anstellen soll. Im Vorjahr war alles viel einfacher: Ich musste nur pünktlich beim Bus sein und der Rest des Tages war organisiert, man musste einfach nur brav dem Reiseleiter hinterhertrotten, welch ein Luxus! Dieses Jahr gilt es mittels Reiseführern, Stadtplänen und Fahrplänen selber die Destinationen und Routen festzulegen und selber Billette zu organisieren.

Mein erstes Ziel ist Ueno, nicht zuletzt deshalb, da Ahikabara, das Elektronikviertel von Tokyo «auf dem Weg» liegt (was in Tokyo allerdings nicht heissen muss, dass es in der Nähe ist). Ahikabara, auch unter dem Namen «Electric City» bekannt, zwei U-Bahn Stationen südlich von Ueno gelegen,  ist wohl einer der berühmtesten Plätze in Tokyo. Elektronikladen reiht sich hier an Elektronikladen und entsprechend ist die Konkurrenz gewaltig und die Preise entsprechend niedrig. Dazu kommt noch, dass man hier über die Preise noch verhandeln kann, etwas was in Japan ansonsten extrem unüblich ist. Man muss sich aber vor Augen halten, dass die Preise nur im Vergleich zum Rest von Japan günstig sind, verglichen mit unseren Preisen sind sie in etwa gleich. Erstaunlich sind einzig die Mobiltelefone: Für 250.-- Franken erhalten Sie bereits ein Gerät, welches unter 100g wiegt, nur ca. 4cm breit ist und erst noch über eine Woche Stand-by Zeit bietet. Leider benutzen japanische Telefone PHS (Personal Handyphone System) und sind damit absolut inkompatibel zu unserem GSM Standard. Wenn Sie ein Elektronikfreak sind und es Ihnen egal ist, dass die Spannung in Japan eine andere ist (110V), können Sie in Akihabara aber bestimmt sonst ein Gerät finden, welches bei uns erst in Monaten (oder gar nie) herauskommen wird.

Ich für meinen Teil habe mich nur nach DAT Playern umgesehen: diese sind zwar auch in Japan auf dem absteigenden Ast, aber es sind noch deutlich mehr Modelle verfügbar als in der Schweiz - trotzdem finde ich leider kein Schnäppchen und so verlasse ich die Glitzerwelt von Akihabara mit leeren Händen und fahre nach Ueno um den dortigen Park zu besuchen.

Der Ueno Park, im Nordosten Tokyos gelegen, beherbergt mehrere bekannte Museen (wie dem Tokyo Nationalmuseum und mehrere Kunstgalerien). Mir ist aber trotz des für Museumsbesuche idealen Wetters nicht danach und auch den Ueno Zoo lasse ich links liegen (es gibt keinen wirklich vernünftigen Grund sich diesen anzusehen) und besuche den Tosho-gu Schrein und dessen Blumengarten.

Von dort gehe ich zu Fuss nach Asakusa, welches drei U-Bahnstationen östlich liegt (ca. 45 Minuten zu Fuss). Auf dem Weg dorthin geht es durch ein Viertel, in welchem sich mehr oder weniger ausschliesslich Läden, welche Hausschreine führen befinden. Von Kleinstschreinen für wenige Tausend Yen bis zu Prachtexemplaren für zweistellige Millionenbeträge (ca. 100'000.-- Franken) gibt es alles in den Auslagen zu bewundern.

In Asakusa angekommen schaue ich mir als erstes den Hauptsitz der Asahi Brauerei an. Dieses Gebäude, vom berühmten französischen Designer Philippe Starck entworfen, ist eher ein Objekt als ein Gebäude. Es stellt ein Bierglas und eine Flamme dar, die Tokyoter haben für letztere aber einen wenig schmeichelhaften aber treffenden Namen gefunden: «The golden shit», genauso sieht er auch aus... Dennoch hat das Gebäude durchaus seinen Reiz und verleiht dem Viertel eine ganz besondere Note. Dafür bin ich aber nicht gekommen und ich gehe weiter zum Asakusa Bahnhof der Tobu Linie, welcher sich im Erdgeschoss des Matsuya Warenhauses befindet. Eine Fahrt mit der Tobu Line ist die bequemste und schnellste Art, nach Nikko, dem Ziel des nächsten Tages, zu reisen. Da Nikko am Sonntag hoffnungslos überfüllt zu sein pflegt, ist es ratsam die Zugtickets im voraus zu kaufen.

Dort angekommen ist mir schnell klar, dass der Durchschnittstourist mit Reisegruppe und Bus nach Nikko reist: Im Bahnhof ist so gut wie gar nichts auf Englisch angeschrieben und die Feuertaufe für meine noch sehr dürftigen Japanischkenntnisse steht mir offenbar bevor. Nach langem Studium der paar in die Informationstafeln und Fahrpläne eingestreuten englischen Worte glaube ich zu wissen, mit welchem Zug zu welcher Zeit ich gerne fahren würde (und weiss weiter, wie ein Analphabet sich bei uns fühlt). Also stehe ich am Schalter an und übe im mitgebrachten Japanischführer die wichtigsten Wörter und Sätze. Genau als ich an der Reihe bin, wird der Schalterbeamte abgelöst: Dies mag Zufall gewesen sein, ich tippe aber eher darauf, dass der Angestellte mit den besten Englischkenntnissen eiligst herbeigerufen wurde um den «gaijin» (Ausländer) abzufertigen. Nach 5 Minuten englisch / japanischem Kauderwelsch, bei dem sich aber die Tatsache, dass ich Daten und Zeiten leidlich beherrsche durchaus bewährt, habe ich meine Fahrkarten und Platzreservationen für den Express nach Nikko in der Tasche.

Einiges entspannter steuere ich noch den Asakusa Kannon Tempel (der eigentlich «Senso-ji Tempel» heisst, unter diesem Namen aber weniger bekannt ist) an. Diesen habe ich schon im Vorjahr besucht, ich möchte aber vom breiten Verpflegungsangebot Gebrauch machen: ich verputze ein paar Yakitori und dazu ein Bierchen. Anschliessend hole ich mir noch einen Orakelspruch, auf dem ich beruhigt feststellen kann, dass es «eine gute Zeit für eine Reise ist». Als ich den Tempel schon wieder verlassen will, spricht mich ein Japaner in sehr gutem Englisch an und fängt an, mich auszufragen: Woher ich komme, was ich in Japan mache etc. Gerne beantworte ich ihm diese Fragen und wundere mich ein bisschen: Fremde auf offener Strasse anzusprechen gehört eigentlich nicht zu den Gepflogenheiten der Söhne und Töchter Nippons. Dies klärt sich aber schnell auf: Er besucht gerade einen Englischkurs und geht jeden Sonntag an touristische Orte um mit Ausländern ein bisschen zu üben. In gutem Englisch erzählt er mir auch, was er von der Schweiz so weiss: Dass wir vier Landessprachen sprechen, wie gross der jeweilige prozentuale Anteil ist (das wusste selbst ich nicht) und dass sich die Schweiz zur «immerwährenden Neutralität» verpflichtet hat. Er sollte beileibe nicht der einzige Japaner bleiben, welcher diese Dinge weiss und die «immerwährende Neutralität» kann er sogar auf Deutsch aussprechen. Bei uns mag diese in letzter Zeit aus der Mode gekommen sein, im stark pazifistisch eingestellten Japan scheint das Konzept der Neutralität aber nach wie vor auf Interesse zu stossen.

Nach einem Bummel durch die Gegend um den Tempel, welche nebst vielen Läden mit traditionellen Handwerkswaren, auch ein bekanntes Vergnügungsviertel ist. Hier stand z.B. das erste Kino Japans, das «Denki-kan» (Elektrizitätspavillion), welches bereits 1903 den ersten Film zeigte. Entsprechend gibt es heute noch viele Kinos in dieser Gegend, diese zeigen allerdings fast durchwegs nur noch Filme der schmuddeligeren Sorte. Früher war Asakusa ein «Rotlichtbezirk» und auch wenn es heute ziemlich harmlos zu und her geht, ist die Gegend nach wie vor etwas anrüchig. Asakusa ist das beliebteste Ziel japanischer Touristen vom Land und es fällt entsprechend sehr schnell auf, dass die meisten Besucher nicht aus Tokyo stammen.

Vor dem Abendessen möchte ich mein erstes japanisches Bad nehmen. Nun hat aber das Keio Plaza keinen Badeclub (ein echtes Minus) und Shinjuku ist leider nicht die Gegend, in der man mal eben schnell für ein paar Yen das öffentliche Bad benutzen kann. Aber fragen kostet nichts und schnell ist ein Eintritt in einen nahegelegenen Club organisiert (allerdings zu einem geradezu obszönen Preis). Das Bad selber ist dem Preis allerdings nicht angemessen und ich kann es kaum empfehlen. Der einzige echte Pluspunkt ist der, dass in diesem Bad wirklich sehr viel Betrieb ist (selbst im Pool, welcher sonst eher leer zu sein pflegt, kam es mitunter zu kleineren Staus) und es daher recht interessant ist. Dass allerdings ein Erfrischungsgetränk noch extra kosten sollte, hat mich fast aus dem Badetuch gehauen und ich kann es daher wirklich nicht empfehlen.  Wenigstens kann man sich sicher fühlen: Am Eingang war ganz klar angeschlagen, dass Kriminellen und Gangstern der Eintritt strikte verboten ist - vermutlich halten sich in Japan sogar diese an solche Vorschriften, wundern würde es mich nicht.

Danach steht ein traditionelles Kaiseki-Essen auf dem Programm. Im gediegenen Lokal wird man formvollendet von älteren Damen im Kimono bedient - in Japan ein sicheres Zeichen für Spitzengastronomie. Kaiseki ist kein Gericht sondern bezeichnet aufwendige, traditionelle Küche. Zehn verschiedene Speisen sind dabei das Minimum und neben der Qualität des Essens ist besonders die Präsentation umwerfend. Dies fängt bereits bei der Bedienung an: Zwar gibt es kein Tam-Tam wie bei französischer Spitzengastronomie, aber es fällt sofort auf, dass die Damen diesen Job wohl schon seit Jahrzehnten machen und rein gar nichts dem Zufall überlassen ist. Wie etwa bei Ikebana (der traditionellen Kunst des Blumen arrangierens) ist nicht nur das Resultat der Handlung sondern eben auch die Art und Weise, wie diese abläuft, wichtig. So wähnt man sich schon fast bei einer Teezeremonie, welche ja eigentlich auch nichts anderes als das Servieren von Tee beinhaltet.

Das Erlebnis geht beim Geschirr weiter: Keine zwei Schalen sind gleich, eine ist schöner als die andere und jede passt perfekt zum darin enthaltenen Essen. Das Essen selber ist ein Hochgenuss für alle Sinne: Neben dem Geschmacks- und Geruchssinn kommt auch das Auge auf seine Kosten. Optischer Höhepunkt ist bei diesem Essen eindeutig das Tempura: Eingerahmt von zwei Stücken Gemüse steht aufrecht ein kleiner Fisch, welcher kaum von Teig überzogen ist und mit seinem geöffneten Maul aussieht, als ob er gerade aus dem Wasser gesprungen sei um sich eine Mücke zu schnappen. Neben Tempura gehört übrigens auch Sashimi und eingelegte Gemüse zu den Fixpunkten in jedem Kaisekiessen. Dies wird immer durch lokale und saisonale Spezialitäten ergänzt und zum Schluss darf selbstverständlich eine Schale Reis und eine Suppe nicht fehlen.

Sollten Sie also rund 200.-- Franken für ein Essen nicht abschrecken (Wert ist es diesen Betrag auf jeden Fall), dürfen Sie sich aufwendiges Kaiseki auf keinen Fall entgehen lassen. Kyoto ist für sein Kaiseki in ganz Japan berühmt und es ist daher wohl der beste Platz, es einmal zu versuchen. Erkundigen Sie sich aber unbedingt im voraus (!) nach dem Preis, ansonsten könnte Ihnen eine böse Überraschung bevorstehen.

Nikko

Der Eingang eines der berühmten und in seiner Architektur eher an China erinnernden Tempel von Nikko.

3. Tag, Nikko (Sonntag, 26.4.)

Gemütlich stehe ich auf und breche ca. eine Stunde vor der Abfahrt des Zuges nach Nikko in Richtung Asakusa auf. Als ich so gemütlich in der U-Bahn sitze und den Plan der Stationen ansehe, ahne ich langsam, dass die Strecke von Shinjuku nach Asakusa nicht so kurz ist wie sie mir anfänglich erschien und Tokyo eben doch eine riesige Stadt ist. Mit jeder Minute die verstreicht werde ich nervöser und nervöser: Sollte all die Mühe, ein Billett zu kaufen am Ende umsonst sein? Rund 8 Minuten vor Abfahrt bin ich endlich in der JR Station von Asakusa, jetzt muss ich nur über die Strasse um den Bahnhof zu wechseln und dort das richtige Gleis finden. Glücklicherweise gibt es im Bahnhof der Tobu Linie nur wenige Geleise und der richtige Zug ist sofort gefunden. Mit hängender Zunge erreiche ich den hochmodernen Zug 4 Minuten vor Abfahrt: Das ganze Gehetze war eigentlich unnötig...

Grundsätzlich ist in Japan der Service auch auf der Schiene hervorragend und bei den Privatbahnen generell noch besser als beim Shinkansen der JR und so ist es auch hier: Bereits vor dem Zug wird man von der ersten netten Zugbegleiterin begrüsst und fühlt sich im Zug sofort willkommen (nebst der Tatsache, dass man sich bei dieser Gelegenheit erkundigen kann, ob man in den richtigen Zug einsteigt). Bei der Billettkontrolle schlägt die Tobu Line aber alle Rekorde: Dafür werden nicht weniger als drei Leute beschäftigt! Die erste begrüsst einen und macht einen auf die Billettkontrolle aufmerksam (denke ich, mein Japanisch ist noch nicht so gut), die zweite nimmt das Billett in Empfang und leitet es an den dritten im Bunde, dem eigentlichen Kontrolleur weiter. Dieser prüft und locht das Billett und es nimmt den gleichen Weg zurück. So macht ein Billettkontrolle als Kunde direkt Spass.


Die Szene ist sehr typisch für die Rolle der Frau in der japanischen Gesellschaft und erst recht in der japanischen Arbeitswelt. Zwar werden ganze Heerscharen hübscher, junger Frauen gerne für Repräsentationszwecke eingesetzt, sobald jedoch eine «wichtige» Aufgabe, wie hier das eigentliche Prüfen des Fahrscheines, zu erledigen gilt, macht dies in Japan ganz selbstverständlich ein Mann.

Bevor man aber Japan (zu recht!) als ziemlich chauvinistisch verurteilt, sollte man sich vielleicht doch auch an der eigenen Nase nehmen. Zwar ist es richtig, dass solche Szenen bei uns kaum mehr denkbar sind: aber woran liegt das? Ich glaube leider, dass dies weniger daran liegt, dass die Situation bei uns so viel anders ist. Liegt es nicht vielleicht daran, dass es bei uns nur nicht mehr so offensichtlich ist?


Entspannt lese ich ein bisschen und lasse die Gegend an mir vorbeiziehen. Da kommt eine der Zugbegleiterinnen und versucht mir zu erklären, dass ich für Nikko umsteigen muss. Ich glaube es zu verstehen («hai, wakarimashita!») und ich kann mich wieder zurücklehnen. Dummerweise habe ich nach einer halben Stunde (die Fahrt dauert eine gute Stunde) den Stationsnamen, an welchem ich umsteigen soll, schon wieder vergessen und ich realisiere, dass die Stationen samt und sonders in Kanji angeschrieben sind. Auch mein Poker, dass die meisten im Zug das gleiche Ziel haben und ich einfach der Masse hinterhertrotten kann, scheint nicht aufzugehen: Der Zug leert sich an jeder Station bedenklich. Also muss ich mir das mit dem Umsteigen wohl genauer erklären lassen. Das Zugpersonal ist glücklicherweise schnell gefunden - in solchen Zügen gibt es in Japan immer einen Informationsstand, der während der Fahrt ständig besetzt ist. Dort angekommen bewährt sich wieder einmal mehr, dass ich wenigstens Zeiten auf japanisch verstehe. Da Züge in Japan überpünktlich sind, genügt diese Information, um automatisch an der richtigen Station auszusteigen. Versorgt mit (mindestens 10 Jahre alten) englischen Informationen über Nikko und einem Bier kehre ich in meinen Wagen zurück.

Den Umsteigebahnhof hätte ich ohne die Zeit wohl kaum erkannt: Es ist ein kleiner Provinzbahnhof, welcher durch nichts von anderen Zwischenhalten zu unterscheiden ist und in dem rein gar nichts auf Englisch angeschrieben ist. Ich steige in einen kleinen Vorortszug um, nicht weil ich etwa wüsste, dass es der richtige ist, sondern nur deshalb, weil es der einzige ist und die zwei, drei Leute, die ebenfalls ausgestiegen sind, dies ebenfalls tun. Eine Station später kommt aber die beruhigende Nachricht über die Lautsprecher: «Nikko-eki» (Bahnhof Nikko), ich bin am richtigen Ort. Da es noch immer regnet kaufe ich mir im Bahnhof noch schnell einen der letzten Regenschirme - diese gehen an diesem Tag weg wie frische Semmel - und breche Richtung Sehenswürdigkeiten auf. Bei meinem Spaziergang durch Nikko - eine kleine Stadt wie jede andere - fallen mir verdächtig aussehende Leute in langsamen Autos auf: Sind dies etwa Einbrecher beim Ausbaldowern von Raubzügen? Danach sehen sie allerdings nicht aus und die Wahrscheinlichkeit dafür ist in Japan sowieso minimal, also vergesse ich sie wieder.

Der Regen und der Nebel drücken zwar ein bisschen auf die Stimmung und sind eher lästig - obwohl ich langsam Übung im Wechseln von Filmen mit einer Hand und zwischen Kopf und Schulter eingeklemmtem Schirm habe - Nikko hat aber bei solchem Wetter durchaus seinen Reiz. Die Japaner sagen, dass der Regen die Landschaft verzaubert und sie haben durchaus recht damit. Die üppigen mit Farbe und Gold verzierten Tempel, welche langsam aus den Nebelschwaden auftauchen, haben etwas mystisches und die Pracht, welche sich beim Herannahen Stück um Stück entfaltet, wirkt sehr beeindruckend. Das berühmte Grab des Ieyasu Tokugawa, dem Begründer der Tokugawa Dynastie, welche als Shogune über 300 Jahre Japan beherrschten, sehe ich so, wie er in den meisten Bildbänden abgebildet ist: Bei Regen und von Nebelschwaden umgeben.

Beim Bewundern der sehr schönen Tempel - Nikko ist zu Recht für jeden Japanreisenden eine Pflicht - fallen mir aber wieder verdächtig aussehende Herren in betont unauffälligen Mänteln auf. Als ich dann noch sehe, dass jeder einen Knopf im Ohr hat, wähne ich mich bereits in einem Agentenfilm. Als ich so durch die Tempel schlendere und mir überlege, ob es mit meinem Japanisch überhaupt Sinn macht, einen zu fragen, was er denn hier so tut, laufe ich an einer Gruppe Touristen vorbei. Ich staune nicht schlecht, als ich den Herrn in der Mitte erkenne: Jaques Chirac lässt sich Nikko zeigen!  Am Abend sehe ich dann in den Nachrichten, dass er auf Staatsbesuch weilt. Japan ist wohl zusammen mit der Schweiz eines der wenigen Länder, in denen ein solch minimaler Personenschutz ausreicht - wäre ich ein Fanatiker mit Hass auf Frankreich gewesen, hätte ich ihn ohne grössere Probleme angreifen können.

Neben den Tempeln ist der Kegon Wasserfall die zweite Attraktion von Nikko. Zwar ahne ich, dass dieses Wetter wohl alles andere als ideal ist, um sich diesen anzusehen. Auch der Taxifahrer, den ich nach dem Preis für die Fahrt frage, warnt mich davor, dass man ev. nicht viel von ihm sehen kann. Da ich nun aber schon einmal da bin, steige ich ins Taxi und lasse mich über die abenteuerliche Serpentinenstrasse zu ihm fahren. Oben angekommen werden die schlimmsten Befürchtungen wahr: Nebel wohin der Blick reicht. Der Taxifahrer bedauert dies sehr, zeigt mir noch wo der Bus fährt und ich fahre mit dem Lift zum eigentlichen Wasserfall. Immerhin habe ich den Kegon Wasserfall gehört und ausserdem gehen die Japaner bei uns auch auf die Kleine Scheidegg, ob man dort etwas sieht oder nicht...

Aufgrund des Wetters ist der kleine Ort, der ausschliesslich von Touristen lebt, wie ausgestorben und so gibt es hier nichts mehr zu tun oder anzuschauen und ich schlendere zur Bushaltestelle. Ich habe riesiges Glück, dass der Bus bereits nach 10 Minuten aus dem Nebel auftaucht: Er fährt nämlich nur jede Stunde einmal. Ich vermute, dass bei schönem Wetter die Touristenhorden, für die Nikko berühmt-berüchtigt ist, mit Spezialbussen abgefertigt werden. Anfänglich fährt mit mir nur ein einziger Japaner mit. Er ist Reiseführer und kommt schnell mit mir ins Gespräch. Ich kann mein Japanisch üben und er kann mir beweisen, dass er in der Schule beim Thema «Schweiz» aufgepasst hat. Nachdem er mir alles erzählt hat, was er so über die Schweiz weiss - etwa wieviel Prozent der Leute welche Sprache sprechen - zeigt er mir, was er sonst noch von europäischer Kultur weiss. Er singt mir verschiedene deutsche Lieder - er war in seiner Jugend zu Studienzwecken in Deutschland - wie etwa Schillers «Ode an die Freude» vor. Zum Mitsingen lasse ich mich aber zu seinem Bedauern nicht bewegen. Danach fängt er längere Zeit an, in einem Sprachführer zu blättern und etwas aufzuschreiben. Kurz bevor er aussteigt zeigt er es mir: Er hat die Worte «Immerwährende Neutralität» in Deutsch aufgeschrieben...

Die Fahrt nach Tokyo zurück ist, da Tokyo nicht zu verfehlen ist, eine einfache Sache. An diesem Abend probiere ich die Sushibar im Hotel aus. Diese sei «in ganz Tokyo berühmt» und so bin ich auf gepfefferte Preise vorbereitet. Und tatsächlich, die Rechnung beträgt letztlich tatsächlich über 150.-- Franken. Aber in Japan ist die Leistung immer dem Preis angemessen:

Diese Sushibar hat Platz für nur 10 Leute (glücklicherweise hatte ich reserviert) und hinter dem Tresen stehen 4 Köche bereit, um im Handumdrehen jeden Wunsch des Gastes in die Realität umzusetzen. Zusammen mit der Küche im Hintergrund und den zwei Serviererinnen, welche für die Getränke zuständig sind, gibt es in der Sushibar gleichviel Personal wie Gäste. Und da es sich um eine Sushibar der obersten Kategorie handelt sind die Köche entsprechend qualifiziert. Es ist ein wahres Vergnügen ihnen zuzusehen. Jeder Schnitt, jeder Griff sitzt zu 100% und vom Augenblick der Bestellung bis der Koch die meist paarweise bestellten Sushis direkt auf dem Tresen deponiert, vergehen nur wenige Augenblicke. Gegessen sind sie dann ebenso schnell: Der Koch wartet bis man es gegessen hat und will sofort wissen, ob es geschmeckt hat. Und wie es das tut! Das Sushi schmeckt absolut köstlich und die Reise nach Japan würde sich wohl schon deshalb lohnen!

Die Sprachprobleme sind dank eines kleinen Faltblattes, auf denen neben einem Bild der Name auf Englisch (damit man weiss, was man eigentlich isst) und auf Japanisch (damit man es auch bestellen kann) angeschrieben ist, nicht gross. So esse ich mich kreuz und quer durch die Karte und bestelle zweimal «toro». Toro bezeichnet den fetteren Teil des Thunfisches (der ebenfalls sehr wohlschmeckende aber magerere Rest heisst «maguro») und gilt in Japan als absolute Spezialität. Tatsächlich vergeht er fast auf der Zunge (obwohl es sich ja um rohen Fisch handelt) und der astronomische Preis (ca. Franken 15.-- pro Sushi) kann mich von einer Nachbestellung nicht abhalten. An diesem Abend ist mein meistgebrauchtes Wort eindeutig «oishii» (lecker). Es ist übrigens nicht so, dass alle Sushis wie bei uns einfach nur mit Wasabi und Soja gewürzt werden: In teureren Lokalen sind die Rezepte ausgefeilter und es kommen neben Salz auch div. Gewürze zum Einsatz und der Koch teilt einem jedesmal mit, ob noch Sojasauce dazu passt oder nicht - nicht nur mir Ausländer sondern auch den Japanern. Wenn Sie ein Sushifan sind, ist der Besuch eines teureren Sushilokals (und das Auswendiglernen der Namen) absolut zu empfehlen, Preis hin oder her.

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Alain G. Barthe, 1998