Alains Japanreise
Reisebericht

Wohin geht ein Anime Fan in die Ferien? Natürlich nach Japan! Ich habe dies im Frühjahr '97 mit meiner Schwester zusammen getan.

Fuji-san

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9. Tag, Nara - Osaka

Hirsch und Laternen (Nara)Als meine Schwester am Morgen zum Fenster hinausschaut, entdeckt sie als erstes einen Hirsch, der mitten durch die Stadt läuft. Die heiligen Hirsche sind das Wahrzeichen von Nara und in ganz Japan berühmt. Nach dem Frühstück brechen wir zum Kasuga-Schrein auf. Dieser Schrein, der zu Fuss in nur 20 Minuten erreicht werden könnte (wir benötigen im Taxi nur ein paar wenige Minuten), ist berühmt für seine über 3000 Steinlaternen. Diese für Japan so typischen Laternen sieht man überall, kein Park oder Garten verzichtet auf sie, erst recht kein Tempel, da sie sehr dekorativ aussehen. In der Zwischenzeit bieten Gartenbaucenters diese auch bei uns an, wenn Sie also einen Hauch Japan in Ihren Garten bringen wollen eignen sich die dekorativen Laternen sehr gut. Die Laternen, die allesamt von Spendern gestiftet sind, werden zweimal im Jahr angezündet, ich kann mir leicht vorstellen, dass dies ein äusserst schönes Erlebnis sein muss. Der Schrein selber ist sehr schön, da aber eine Hochzeit stattfindet, ist er leider für uns nicht zugänglich.

Ich muss mich jetzt von der Gruppe trennen, habe ich doch am Vorabend in einem Kino in Nara den Neon Genesis Evangelion Film «Evangelion:Death and Evangelion:Rebirth» angeschlagen gesehen und die erste Vorstellung ist um 11:00, da wir um 14:00 nach Osaka weiterreisen, die einzige Gelegenheit. Im Kino angekommen scheint es erstaunlich leer, die Vorstellung sollte doch in 10 Minuten beginnen. Leider kann ich kein Kanji lesen, sonst hätte ich vermutlich realisiert, dass diese Vorstellung die Matinee ist, die nur am Sonntag stattfindet. Ich hätte allerdings auch auf die Tatsache achten können, dass die Zeit als einzige in Rot angeschrieben war, selbst in der Schweiz das sichere Zeichen für eine Sonntagsvorstellung.

Ich beschliesse, dem Reiseprogramm auf eigene Faust nachzugehen, also wandere ich alleine zum Todaiji-Tempel. Auf dem Weg dorthin treffe ich auf eine Gruppe Kinder, die gerade aus dem Kindergarten kommen, mit ihren makellosen kleinen Uniformen und den übertrieben um sie besorgten Kindergärtnerinnen ein einmaliges Bild. Im Tempel angekommen, treffe ich wieder auf die Gruppe, glücklicherweise sind ein paar in der Gruppe nicht allzugut zu Fuss, eine immer wieder angenehme Tatsache. Der Todaiji-Tempel ist das grösste Holzgebäude der Welt, der darin enthaltene Buddha der zweitgrösste - der grösste steht in Hongkong, er wurde allerdings erst vor ein paar Jahren gebaut, während der Buddha von Nara 1200 Jahre alt ist! Die Grösse ist imposant, auf der linken Hand der Statue fände ein kleines Auto (wie etwa der Honda Today) Platz. Der Tempel war aber früher noch grösser: Fast ausnahmslos alle Bauten in Japan werden immer und immer wieder von Feuern zerstört (bei Holzbauten mit Papierwänden auch nicht verwunderlich) und neu aufgebaut, die Tempel, die man besucht, sind also selten älter als 150 Jahre. Als der Todaiji-Tempel zum zweiten Mal abgebrannt war, wurde er in «nur» 2/3 der Originalgrösse wieder aufgebaut.

Beim Tempel entdecke ich einen Süsskartoffel Händler, der in einem mit Holz befeuerten, mobilen Ofen seine Kartoffeln gart. Ich kaufe mir selbstverständlich sofort eine und bald geniesse ich die Kartoffel, die herrlich süss ist und geschmacklich an Edelkastanien (in der Schweiz «Marroni» genannt und zur Winterzeit sehr beliebt) erinnert. Die Schale der länglichen Knollen ist fast gänzlich verkohlt und daher einfach zu entfernen, am Anfang muss man höchstens aufpassen, dass man sich die Finger nicht verbrennt. Süsskartoffeln sind es übrigens auch, die Tenchi, Ryoko und Ayeka am Anfang der 3. TV-Folge zubereiten und essen. Diese Zwischenverpflegung, die allerdings recht nahrhaft ist, ist übrigens die einzige Form von Kartoffeln, die in Japan ausserhalb Okinawas verbreitet ist.

Schon bald sitzen wir im Kintetsu Limited Express, einem Zug der Nankai Linie und lassen die erste Hauptstadt von Japan, Nara, hinter uns. Die Nankai Linie unterhält ausgesprochen schöne Züge mit ausgesprochen hübschen Zugsbegleiterinnen, so dass die kurze Fahrt nach Osaka sehr angenehm verläuft. Nara war ein idyllisches Bergdorf und nachdem man durch einen langen Tunnel gefahren ist, ist man bereits in den Vororten von Osaka, ein Wechsel wie Tag und Nacht. Seit Tokyo waren wir zwar in Kyoto, welches eine Millionenstadt ist, aber nie mehr in einer der grossen Ebenen. Die Ebene in der Osaka und Kobe - welches durch das Erdbeben traurige Berühmtheit erlangt hat - heisst Kansai und ist, neben der Kanto-Ebene, der zweite Bevölkerungs- und Industrieschwerpunkt Japans.

Im Bahnhof von Osaka angekommen brauchen wir nur den Lift zu nehmen um in unser Hotel zu gelangen: Das Hotel Nankai South Tower ist Teil des Bahnhofs Namba, der neben vielen Zugs- und U-Bahnlinien und unserem Hotel noch unzählige Geschäfte, Gaststätten und sogar ein ganzes Warenhaus beherbergt. Nach der Ankunft will ich mich verpflegen gehen, da mir der Sinn nach Sushi steht, muss ich meine Schwester ihrem Schicksal überlassen (sie mag es nicht, sie hat es aber, anders als die meisten Touristen, wenigstens probiert).

Draussen merke ich sofort, dass es spürbar kälter geworden ist, 16° statt der gewohnten 21°. Mit meinem T-Shirt und der dünnen Jacke bin ich ein bisschen «underdressed», dies bemerkt auch ein Osakaner, der mich darauf aufmerksam macht. Nicht nur habe ich von ihm das Wort «samu» (kalt) gelernt, ich merke auch, dass die Bewohner von Osaka viel aufgeschlossener sind als im restlichen Japan, wenn Sie also Kontakt zur Bevölkerung suchen, sind Sie in Osaka gut aufgehoben. Auch von der Kleidung her ist Osaka viel westlicher als Tokyo oder gar dem als versnobt geltenden Kyoto. Die Osakaner behaupten von den Tokyotern sie seien Schlafmützen, bei diesen wiederum gelten erstere als verfressen. Beide Vorurteile scheinen zu stimmen: Osaka ist einiges belebter und chaotischer als Tokyo (und Tokyo kann es mit Chaos locker mit jeder Weltmetropole aufnehmen) und scheint nur aus Gaststätten zu bestehen. Die Gaststättendichte nimmt ständig zu als ich mich der Dotonbori Strasse, benannt nach dem gleichnamigen Fluss, nähere, die Leute in Osaka scheinen nur zu shoppen und zu essen! Bald finde ich ein automatisches Sushilokal, in dem ich mir die Sushis von den Fliessbändern nehmen kann. Für nur ¥600 (also weniger als 8.-- Franken) verlasse ich das Lokal pappsatt und verbringe meinen Abend noch in ein paar Spielsalons.

10. Tag, Osaka - Koya-san - Osaka

Nach einem mittelprächtigen Morgenessen, seltsamerweise ist das Nankai South Tower das beste Hotel, in dem wir in der ganzen Zeit untergebracht waren und Osaka ist für seine leiblichen Genüsse berühmt, das Morgenessen war aber eher durchschnittlich. Vermutlich bin ich nach 10 Tagen Japan aber auch einfach zu verwöhnt. Nach Japanferien muss man seine Ansprüche wieder gewaltig herunterdrehen, um den lausigen Service, den man auf der restlichen Welt geboten kriegt, zu ertragen. Eine Rolltreppenfahrt später sitzen wir bereits im Koya Limited in Richtung des Tempelberges Koya-san, ebenfalls ein sehr schöner Zug der Nankai Linie. Dort angekommen müssen wir noch in einer fast hundert Jahre alten Standseilbahn auf den auf über 900m liegenden Berg fahren.

Steingarten (Koya-san)Auf dem Koya-san steht eine alte Tempelstadt, dem Hauptheiligtum des Shingon, der zweitgrössten buddhistischen Sekte Japans, die über 5 Millionen Anhänger zählt. Zu seiner Blütezeit lebten 3000 Mönche in dieser Stadt, heute sind es immer noch etwa 1000. Da der Buddhismus in Japan kein Zöllibat kennt - im Shintoismus mit seinem Ahnenkult wäre dies sowieso undenkbar - und Mönche oft verheiratet sind und Kinder haben, ist Koya-san auf den ersten Blick eine normale Stadt mit Läden, Lokalen, Schulen (die meisten Schüler stammen allerdings von ausserhalb), einem Krankenhaus etc., erst auf den zweiten Blick sieht man, dass es eine Tempelstadt mit über 120 Tempeln ist.

Diese wurde im Jahr 860 von Kobo Daishi, dem Begründer des Shingon, gegründet. Kobo Daishi ging in jungen Jahren nach China um den Buddhismus zu studieren, die in Sanskrit, der alten indischen Sprache, geschriebenen Schriften konnte in Japan niemand lesen. Er war dort so erfolgreich, dass er zum höchsten Buddhistischen Würdenträger des Reichs der Mitte wurde, er ein Ausländer! Als er nach Japan zurückkehrte, hatte er die übersetzten Schriften im Gepäck, die in Japan nun endlich gelesen werden konnten. Zu dieser Zeit gründete er die Shingon Sekte, der Begriff Sekte hat übrigens in Japan den schalen Beigeschmack, den er bei uns hat, überhaupt nicht. Bei der Tempelbesichtigung wurden wir von den Mitarbeitern der Shingon Sekte übrigens zu einem grünen Tee und einem Gebäck eingeladen, dabei wurden auch einige Schriften über Shingon und den esoterischen Buddhismus verteilt. Missionieren ist im Buddhismus eigentlich unbekannt, in Japan sind die Sekten aber darauf angewiesen da die Religion keinerlei staatliche Unterstützung, also auch keine Steuern erhalten und von den Spenden von Mitgliedern abhängig sind. In Japan ist es aber auch selbstverständlich, dass dies sehr unauffällig und ganz und gar nicht aufdringlich geschieht, wir sind also nicht in ihre «Klauen» geraten.

Danach sind wir durch den berühmten Friedhof von Koya-san geschlendert. Die bis 800 Jahre alten Gräber sind sehr schön und mitten in einem uralten Zedernwald, in dem die Zedern Durchmesser von 3-4 Metern erreichen. Der Friedhof wird übrigens immer noch benutzt, davon zeugen viele brandneue Steine, die Frage wer hier begraben wird ist übrigens eine reine Geldfrage, Religion hat damit überhaupt nichts zu tun. In Koya-san sind unter anderem Shogune (die haben allerdings eigene Pagoden), berühmte Künstler und andere Leute des öffentlichen Lebens beerdigt. Unter anderem sehen wir ein Mahnmal für die Opfer der Kämpfe um Borneo im zweiten Weltkrieg. Das Denkmal erinnert an die australischen, einheimischen und japanischen Gefallenen, vom den Japanern manchmal anhaftenden Nationalismus ist hier nichts auszumachen. Nebst einem Mahnmal für die bei der Arbeit verunglückten Mitsubishi-Arbeiter, welches die Firma eine ziemliche Stange Geld gekostet hat, weil es sehr gross ist, entdecken wir ein Kuriosum: Ein Grab ist Ameisen gewidmet! Gebaut wurde es von einer Firma, die Insektizide herstellt und so den milliardenfachen Mord an den Tieren, die schliesslich auch Lebewesen sind, sühnen will. Ob dies bei uns einer Firma in den Sinn käme?

Inmitten des Geländes besuchen wir noch das Grab von Kobo Daishi, dem Ziel der vielen Pilger, die wir immer wieder antreffen. Wir beobachten eine Gruppe bei einer Zeremonie und erstarren zu Salzsäulen, um sie nicht zu stören. Völlig unnötig, sofort fängt eine Frau aus der Gruppe unserer Führerin zu erklären, wer sie sind und was sie dort tun, die Touristen sollen doch erfahren was hier vor sich geht. Die Japaner sind in religiösen Dingen erstaunlich tolerant, wäre fotografieren im Tempel nicht verboten gewesen, hätten sie uns vermutlich aufgefordert, ein Gruppenfoto mit ihnen zu machen. Würden sich Fanatiker, egal ob Christen in Nordirland, Hindu in Indien, Juden in Israel oder Muslime in Afghanistan ein Beispiel daran nehmen, unsere Welt wäre gleich ein ganzes Stück friedlicher.

Gerne wären wir länger in Koya-san geblieben, da das Spazieren bei diesem Wetter im wunderschönen Friedhof und seinem Spiel von Licht und Schatten eine Freude war, leider drückt der Zeitplan und die sanften Aufforderungen von Frau Schwarzen, unserer Schweizer Reiseleitung, an O-hashi-san doch einfach den nächsten Zug zu nehmen fruchten nicht, wenn in Japan im Plan steht, dass man den Zug XY nimmt, wird dieser eben genommen, basta! Es bleibt aber genug Zeit um zu essen, in einer sehr gemütlichen «Beiz» bestelle ich ein traditionelles Mittagsmal (eine Art Nobel-O-bento mit «unagi» (Aal) der sehr gut schmeckt. Als ich bei der Auslage den Preis (¥1800, es war eines der grössten Menus) richtig lesen kann, fällt O-hashi-san fast tot um, Japaner sind extrem erstaunt, wenn ein «gaijin» (Ausländer) ein paar Worte Japanisch spricht, erst recht wenn er noch einen Preis lesen kann. Sie sehen also, dass es sich wirklich lohnt, diese zehn Zeichen zu lernen. Im Restaurant hat es auch Teppan (siehe Teppan-Yaki) an denen Familien, von der Oma bis zum Knirps, am essen sind. Sind die Japaner normalerweise sehr formell, beim Essen sind sie es ganz und gar nicht und das gemeinsame Essen macht offentlichlich allen einen Riesenspass. Die Tatsache, dass man sehr eng aufeinander auf den Tatamis sitzt, trägt wohl auch viel dazu bei. Wenn ich da an meine Familienausflüge, den Schrecken meiner Kindheit, in denen wir Kinder stundenlang artig am Tisch sitzen mussten, während die Erwachsenen sich unterhielten, zurückdenke...

Satt, zufrieden und ausgeruht (etwas was man in Japan eher selten ist) machen wir uns auf um nach Osaka zurückzufahren. Bereits auf der Fahrt zurück bemerkt man in der Gruppe eine leichte Melancholie, es dämmert uns allen, dass dies der letzte Ausflug gewesen ist und es am nächsten Tag Abschied von Japan zu nehmen gilt. Im Hotel angekommen, müssen wir aber zuerst schweren Herzens von O-hashi-san Abschied nehmen, ich tue dies mit einem «o-hashi-sama domo arigato gozaimas» und einer Verbeugung. Ich weiss zwar nicht ob dies angebracht war, sie war aber so baff und beeindruckt, dass ihr «Auf Wiedersehen» nur noch ein Gestammel war und ich sie ganz offensichtlich aus dem Konzept gebracht habe. Wie schon beim Abschied von Kubo-san fällt mir das Dichterwort ein, wonach Abschied nehmen immer ein bisschen sterben sei.

Es hilft nichts und ich muss die trüben Gedanken vertreiben und ich stürze mich wieder in das Gewühl von Osaka, esse schon wieder Sushi in der gleichen Bar und sehe mir unter anderem den Hauptsitz der Kirinbrauerei, an der Yebisubrücke gelegen, an. Die meiste Zeit verbringe ich aber mit schlendern und dem Beobachten der Jugend von Osaka, die sehr lebhaft ist und bis in die tiefe Nacht «um die Häuser zieht». Ich gerate dabei auch in den Rotlicht Bezirk von Osaka, dieser Name ist in Japan allerdings nicht angebracht, da rote Laternen immer Esslokale anzeigen. Zwar gibt es auch hier Herren, die vor den Etablisments die Kundschaft anlocken, sie tun dies aber völlig unaufdringlich und sind kein Vergleich zu ihren Berufskollegen die Mann in Paris antrifft. Auch sonst ist es hier übrigens sehr unaufdringlich, wären da nicht die eindeutigen Bilder, mit welchen die «Dienstleistungen» angepriesen werden, würde man sich in einer ganz normalen Wohngegend mit einigen Esslokalen wähnen. Auch wenn Japanerinnen äusserst nett sind, verzichte ich allerdings auf das zweifelhafte Vergnügen, dies ist schon aufgrund der astronomischen Preise empfehlenswert.

Auf dem Heimweg stolpere ich noch über einen Spielwarenladen, in dem ich einige Neon Genesis Evangelion Artikel kaufe. Mein bestes Stück ist dabei eindeutig das lebensgrosse Stoffposter von Rei Ayanami, der in Japan eindeutig beliebtesten Darstellerin der Serie.

Weiter geht es mit Teil 6

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Alain G. Barthe, 1997