Alains Japanreise
Reisebericht

Wohin geht ein Anime Fan in die Ferien? Natürlich nach Japan! Ich habe dies im Frühjahr '97 mit meiner Schwester zusammen getan.

Fuji-san

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7. Tag, Kyoto

Goldener Pavillion (Kyoto)Heute besuchen wir als erstes das Nijo Schloss, in dem der Tokugawa Shogun bei seinen Besuchen in Kyoto weilte - seinen Sitz hatte er in Edo, dem heutigen Tokyo, entsprechend wird die Zeit des Tokugawashogunats auch die Edozeit genannt. Das Nijo Schloss ist unter anderem für seine sehr schönen Wandmalereien berühmt. Das Hauptgebäude ist ein prächtiges Beispiel für die alte japanische Architektur inklusive den berühmten Nachtigall-Böden, die noch heute bei jedem Besucher zwitschern, in der Edozeit warnte dies die Wachen vor ungebetenen Gästen.

Das zweite Ziel, das wir mit dem Bus ansteuern, ist der Ryonji Tempel. Dieser Tempel des Zen-Buddhismus ist in aller Welt für seinen Steingarten berühmt, der auch ein UNESCO Externer Link-Weltkulturgut ersten Ranges ist. Zwar kann auch ich mich der Ästetik, die die 15 Steine ausstrahlen, nicht ganz verschliessen, man muss aber vermutlich doch ein Zen-Buddhist sein, um es richtig zu verstehen. Die restliche Parkanlage, die das für Zengärten typische Bild von Bäumen, Steinen und Moos zeigt, hat mir auf jeden Fall besser gefallen. Die Gruppe hat sich zum Mittagessen in einem Gartenrestaurant verabredet, in dem ich «zaru-soba» esse, bei 25° Grad das einzig richtige (siehe Nudeln).

Mit dem Taxi, die Entfernung ist nur ein paar Kilometer, geht es weiter zum Kinkaku Tempel. Dieser ist allerdings unter diesem Namen kaum bekannt, weltberühmt ist jedoch sein populärer Name: Der Goldene Pavillon. Dieser ist das Pièce-de-Résistance von Kyoto und er ist wirklich wunderschön. Ein Shogun, der in den Ruhestand trat, kaufte von einem lokalen Fürsten das Gelände und liess sich diesen total vergoldeten Pavillon, der wunderschön in der Sonne glänzt, bauen. In diesem, und dem ihn umgebenden Park, verbrachte er seine letzten Jahre sehr zurückgezogen und der Meditation verschrieben.

Als die Gruppe vor dem Kinkaku Tempel auf den Bus wartet entschliesse ich mich, als ein Bus mit «Heian» angeschrieben auftaucht, diesen zu nehmen um im Handycraft Center, das sich gleich hinter dem Schrein befindet, eine Yukata zu besorgen. Im Bus, die Fahrt dauert fast eine Stunde, kann ich sehr gut die Leute beobachten. An der Endstation angekommen, merke ich, dass der Bus zur Heian Station, nicht zum Heian Schrein fährt, egal, kann ja nicht weit sein. Über eine halbe Stunde später komme ich dort an und finde bald das Handycraft Center und eine schöne blaue Yukata, dies obwohl ich mich als Mann ausnahmsweise diskriminiert vorkomme: Für uns gibt es nur ca. 20 verschiedene Modelle, während Frauen unter hunderten von in tollen Blumenmotiven bedruckten Yukatas auslesen können, dafür haben Männer 3 verschiedene Grössen. Der Verkäufer verkauft mir «L», also Large (es gäbe noch Small und Medium), in der Schweiz musste ich allerdings feststellen, dass dies viel zu gross ist. Als Grundregel kann gelten: «S» ist für Zwerge, «L» für Hünen und «M» für 90% aller Mitteleuropäer, probieren Sie sie aber an. Zum Glück habe ich ein paar Freunde die 2m gross sind, so kann ich sie wenigstens verschenken. Beachten Sie aber, dass z.B. bei T-Shirts oder Poloshirts «L» meist die grösste Grösse ist, dieser aber höchstens unserem «M» entspricht.

Von dort aus gehe ich weiter zum Kyoto Tower, einem Sende- und Aussichtsturm, der das ansonsten sehr flache Kyoto überragt. In Japan scheint man kein Kabelfernsehen zu kennen - das gewaltige Gewirr der Überlandleitungen ist eh schon gross genug - entsprechend haben alle japanischen Städte solche Türme, in Tokyo u.a. den Tokyo Tower. Auf die grössten kann man immer rauf, um sich einen schönen Überblick über die Stadt zu verschaffen. Dass in Japan der Strom über Überlandleitungen und nicht unterirdisch geführt wird, hat übrigens einen einfachen Grund: Bei den so häufigen Erdbeben werden unterirdische Leitungen oft beschädigt, Wasser und Gas kann man zur Not in Flaschen anliefern, ohne Strom sind die Japaner aber völlig aufgeschmissen. Freileitungen halten nicht nur besser, sie sind auch viel schneller repariert. Der Kyoto Tower ist Teil eines Warenhauses in dessen Untergeschoss, nebst den obligaten Lebensmitteln, auch viele Lokale sind. In einer Auslage entdecke ich ein herrliches Sashimi, da meine Schwester aber nicht dabei ist und sie bestimmt auch essen möchte, verzichte ich aber schweren Herzens und breche zum Hotel auf.

Dort angekommen muss ich feststellen, dass meine Schwester schon gegessen hat, sie hat in einem der urjapanischen Nachbarschaftslokalen gegessen! Da ich tief in der Nacht noch etwas vorhabe, bestelle ich ein Donburi und, für später, ein paar Sandwiches aufs Zimmer. Danach muss ich zur Réception: Der Formel 1 Zirkus startet heute Nacht in Argentinien, ein Spektakel das ich mir niemals entgehen lasse, ein Japanurlaub hält mich natürlich auch nicht davon ab. Zwar weiss ich, dass das Rennen im Fuji-TV (überall in Japan Kanal 8) übertragen wird, ich kenne aber die Zeitverschiebung Japan-Argentinien nicht. Das Hotelpersonal an der Reception spricht zwar ein ausgezeichnetes Englisch, leider aber nur über typische Hotelthemen... Nach 10 Minuten greife ich zum letzten Mittel: Ich nenne den Namen Ayrton Senna - er ist in Japan sehr beliebt, da er mit Hondamotoren Weltmeister wurde - mache Steuerbewegungen und imitiere Motorenlärm. Zufällig anwesende andere Ausländer betrachten mich als ob ich übergeschnappt wäre, bei meinen japanischen Gesprächspartnern ist aber der Groschen endlich gefallen. Dass ich weiss, dass Senna Hondamotoren fuhr erstaunt sie ziemlich, dass ich auch noch Ukyo Katayama und Shinji Nagano, die beiden, zu diesem Zeitpunkt in der Formel 1 fahrenden Japaner, kenne, führt aber zu einem grossen Hallo und 10 Minuten später weiss es das halbe Hotel und ich weiss endlich, dass das Rennen um 1:00 Uhr in der Früh übertragen wird.

Das Rennen war übrigens nicht überragend spannend und mit Jaques Villeneuve hat es auch keinen sonderlich überraschenden Sieger. Viel interessanter war es dabei, den beiden Kommentatoren zuzuhören. Leider kann ich die typische Art, wie in Japan mit vielen «Aaaahhhs...» und «Oooohhhsss...» kommentiert wird, nicht wiedergeben, das muss man einmal gehört haben. In Sachen Begeisterungsfähigkeit und Lautstärke können es japanische Kommentatoren übrigens locker mit den Brasilianischen aufnehmen.

8. Tag, Kyoto - Yoshino - Nara

«Fastfood» (Tokyo)Mit einem sehr komfortablen Bus brechen wir zu unserer einzigen langen Überlandfahrt auf, nach Yoshino sind es immerhin 3 Stunden. Zwar ist die Strecke nicht sonderlich lang, das Strassennetz in Japan ist aber ziemlich schlecht ausgebaut (aber natürlich immer in erstklassigem Zustand), in Japan fährt man eben Zug und nicht Auto. Um uns die Zeit zu verkürzen, lehrt uns O-haschi-san ein japanisches Kinderlied, das, der Jahreszeit entsprechend, «sakura-sakura» (Kirsche-Kirsche) heisst und sehr schön ist. Nach dem Singen in der Gruppe will sie uns noch motivieren, es doch Solo zu versuchen, der Bus ist selbstverständlich mit einer Karaokeanlage («kara-oke» heisst übrigens leeres Orchester, «kara» leer und «oke» ist eine Verkürzung von Orchester) versehen. Wir Schweizer gehören allerdings nicht gerade zu den singfreudigen Völkern, entsprechend gelingt es ihr nicht. Das Lied hörte ich übrigens in Osaka wieder: Aus einer Lichtsignalanlage! Normalerweise zwitschern diese in Japan einfach, zu Weihnachten werden sie aber auf Jingle-Bells, im Frühjahr eben auf «sakura-sakura» umgestellt.

Yoshino ist ein Bergort der in erster Linie von Wanderern, ein Hobby das in Japan genauso beliebt ist wie bei uns, besucht wird. Die Kirschblüte in Yoshino ist im ganzen Land bekannt und, obwohl sie hier im Süden des Landes schon fast vorbei ist, kommen trotz des Wochentags zehntausende von Japanern hierher. Der Bus muss etwa einen Kilometer vor dem Ziel anhalten und wir müssen das letzte Stück des Wegs zu Fuss gehen, wären wir später gekommen, hätten wir locker eine Stunde laufen müssen, ich wage mir nicht auszudenken, was in Yoshino am Wochenende los ist! Nach einem Mittagessen - ich habe schon wieder «zaru-soba», die ich so schätze gegessen - tue ich es den Japanern ein bisschen gleich und wandere ein Stündchen. Trotz meiner guten Schuhe (Salomon Light Hiking Shoes, die sich sehr gut bewährt haben) eine ziemlich anstrengende Sache, da die Berge in Japan ziemlich steil sind. Entsprechend wandern die Japaner nur ziemlich kurze Strecken und alle paar hundert Meter gibt es ein Lokal oder zumindest einen Verpflegungsstand, Wanderungen über 10 Kilometer, wie sie bei uns üblich sind, unternehmen nur Sportsleute.

Zurück im Dorf stellen wir erleichtert fest, dass der Car in der Zwischenzeit gewendet hat und in der «Poleposition» auf uns wartet, die Polizisten, die alle Hände voll zu tun haben und ca. 50 Cars herumdirigieren, haben dem Bus mit den Ausländern natürlich den besten Platz organisiert - es ist in Japan eine gute Sache, Tourist zu sein. An weiteren 50 Cars vorbei (wir haben sie gezählt), die alle auf der Strasse warten um wenden zu können, fahren wir wieder weiter nach Nara, das ebenfalls über 2 Stunden entfernt liegt. Es ist zwar fast unglaublich, aber ich habe keine Japaner beobachtet, die auf ihren Bus hätten warten müssen: ein gutes Beispiel wie reibungslos in Japan immer alles klappt.

Als wir am Abend in Nara ankommen erklärt uns der Fahrer, dass er nicht vor das Hotel fahren könne da die Strasse zu eng sei. Er lässt uns einfach bei einer Ampel an der Hauptstrasse raus, der Hotelpage steht aber schon bereit. Dies obwohl der Fahrer nicht genau wusste, wie lange die Fahrt dauern würde! Japaner machen kaum je etwas spontan, alles ist immer durchorganisiert, geplant und durchdacht. Die angenehme Seite für uns Touristen ist es natürlich, nie irgendwo auf irgendwen warten zu müssen, das unangenehme ist es allerdings, dass sie kaum flexibel sind. Wenn Ihnen ein Tempel besonders gut gefällt, können Sie nicht einfach den nächsten überspringen um etwas länger zu bleiben, oh nein, so läuft das in Japan einfach nicht, ich empfehle Ihnen, sich einfach, wie jederman in Japan, zu fügen.

Am Abend gehen wir in ein kleines Lokal, das O-hashi-san für uns ausgesucht hat, echt japanisch essen, entsprechend klein ist die Gruppe auch. Ich wundere mich immer wieder, wie wenig sich die Leute bei uns bemühen, japanische Küche kennenzulernen und wieviel sie dabei verpassen. O-hashi-san kann leider nicht mitkommen, da sie Familie hat und jeden Abend nach Osaka zurückfährt - Familie ist in Japan extrem wichtig und entsprechend werden auch lange Fahrten in Kauf genommen um am Abend zurückzukehren. Für japanische Geschäftsleute («salary-men», also Angestellte) ist es nicht unüblich, um 23:00 Uhr nach Hause zu kommen, 5 Stunden zu schlafen und um 6 Uhr das Haus wieder zu verlassen! O-hashi-san hat aber Glück, nach Osaka sind es nur 45 Minuten. Das Essen ist vorzüglich und wird in wunderschönen Lackschalen und Schachteln, wie es bei aufwendigerem Essen üblich ist, serviert. Das Trinkgefäss für den Sake kann man sich aus einem Korb selber auslesen und keines sieht aus wie das andere. Das exotischste, das ich übrigens in Japan gegessen habe, ass ich an diesem Abend: eine Schnecke, bei uns aber dank der Franzosen auch nichts aussergewöhnliches, in Japan werden sie allerdings ohne Sauce gegessen.

Um den erfolgreichen Abend zu beenden, es hat selbstverständlich allen geschmeckt (auf der ganzen Reise hätte ich nie gehört, dass irgendjemand irgendetwas gegessen hätte, das er nicht mochte) gehen wir zu einem Umtrunk in die Hotelbar. Ich trinke dabei ein Yebisu-Bier, eine Nobelmarke der Kirin-Brauerei und das Lieblingsbier von Misato Kusaragi (Neon Genesis Evangelion). In dieser Nacht erwachen wir beide, nicht das Bier, das seine Wirkung zeigt, sondern ein Erdbeben weckt uns. Zwar sind Erdbeben ganz normal und es handelt sich auch nur um zwei kurze Erdstösse, man hat aber doch ein mulmiges Gefühl.

Weiter geht es mit Teil 5

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Alain G. Barthe, 1997