Alains
Japanreise Wohin geht ein Anime Fan in die Ferien? Natürlich nach Japan! Ich habe dies im Frühjahr '97 mit meiner Schwester zusammen getan. |
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Heute komme ich zu meinem
ersten echten japanischen Frühstück. Es kostet mich zwar ein bisschen
Überzeugungskraft, das Personal, zwei nette ältere Damen, davon zu überzeugen, dass ich
mich nicht verlaufen habe und wirklich ein japanisches Frühstück wünsche. Als das
geschafft ist, erhalte ich sehr schnell ein tolles Frühstück, hier richtig japanisch am
Tisch serviert und nicht an den von mir so sehr gehassten Buffets - ich mache schliesslich
Ferien, selber Frühstück holen kann ich auch zuhause. Als Besonderheit gibt es hier auf
einem Blatt geröstete Soyabohnen, eine bekannte Spezialität die zum Würzen des Reises
verwendet wird, dies hat mir die Dame natürlich erklärt. Kaum habe ich zu essen
angefangen, kommen beide besorgt fragen ob es mir denn schmecke («kono ryori ga ski des
ka?»), mein Strahlen und ein «hai, totemo ski des!» (Ja, es schmeckt ausgezeichnet!)
beruhigt sie, dass sie den Gast, der von so weit gekommen ist, zufriedenstellen konnten.
Westliche Touristen sind in Takayama noch seltener also sowieso schon, entsprechend sind
sie es kaum gewöhnt mit uns umzugehen.
Satt und zufrieden schliesse ich mich der Gruppe wieder an - beim japanischen Frühstück war ich ausnahmslos alleine - und wir besuchen den Bauernmarkt von Takayama. In diesem Markt, in dem die Bauern der Umgebung frisches, für die japanische Küche unentbehrliches Gemüse aller Art anbieten, kann alles probiert werden, sogar der Sake! Dafür ist es mir noch zu früh, ich versuche aber gerne etwas grünen Tee und kaufe mir später ein mit Kastanienpüree gefülltes Konfekt, die grosse Spezialität von Takayama, das herrlich schmeckt. Danach gehen wir noch in ein Museum, in denen Festivalwagen ausgestellt sind.
Takayama ist, typisch für Japan, sehr eng und entsprechend sind die Autos viel kleiner als in Tokyo. Es geht nicht lange und ich sehe meinen ersten Honda Today, das gleiche Modell das auch Miyuki und Natsumi in You're under Arrest fahren. Der Today ist ein zweiplätziges Auto, das es nur in Japan gibt und auch sehr beliebt ist, vergleichbare Modelle werden von allen Autobauern angeboten. Auch wenn Mercedes-Benz und Nikolaus Hayeck glauben, mit dem Smart etwas neues erfunden zu haben, in Japan ist dies ein alter Hut. Zur Mittagszeit entdecke ich einen Automaten der Neon Genesis Evangelion Sammelkarten verkauft, erfolglos versuche ich welche rauszulassen. Da in Japan um 12:00 Uhr alle am essen sind, ist der Laden leider völlig verlassen und ich finde nicht sofort jemanden der mir helfen kann. Anime Merchandizing Artikel werden wohl noch warten müssen...
Ich organisiere mir ein typisches Teenager-Mittagessen, Donuts und Schokoladenkuchen, dazu einen heissen Kaffee aus dem Automaten, welches ich in einem kleinen Park verputze. Die Bäckerei war gefüllt mit Köstlichkeiten, die vermutlich alle genauso schmeckten wie mein Mittagessen, Backwaren sind in Japan also ebenfalls empfehlenswert.
Bald geht es mit dem Hida 11 zurück nach Nagoya, wo wir wieder in den Shinkansen «Hikari» umsteigen, der uns in kürzester Zeit nach Kyoto bringt. Ich kann nicht widerstehen und kaufe im Speisewagen ein kleines Sushi und ein Bier, unser Führer Kubo-san wundert sich langsam ob ich eigentlich immer esse... In der Schweiz hatten alle Angst, ich würde in Japan verhungern, es sieht aber langsam eher so aus als ob ich 10 Kilo zulegen würde. Bald kommen wir in Kyoto, dem grössten Bahnhof Japans, der allerdings noch nicht ganz fertig ist, an. Der Bahnhof beherbergt unter anderem ein Hotel und zwei Warenhäuser und ist architektonisch selbstverständlich auf dem neusten Stand. Das Taxi, das uns zum ANA Hotel bringt, ist mit allen Gadgets ausgerüstet: Zwei Fernseher, einer für die Gäste, einer für den Fahrer, ein Natel, Satelitennavigation und, als Krönung, ein kleiner Video-CD Player inklusive Karaokeanlage - ich halte mich der anderen wegen zurück, es hätte mich aber schon gereizt ein kleines Liedchen zu trällern. ANA heisst übrigens «All Nippon Airways» und ist die Inlandfluggesellschaft Japans, die andere bekannte Fluggesellschaft ist die JAL, die «Japan Airlines», denen z.B. das Keio Plaza in Tokyo gehört. Ganz allgemein gehören grosse Hotels in Japan oft Bahn- oder Fluggesellschaften.
Das ANA Hotel hat einen Badeclub inklusive Schwimmbecken, endlich eine Gelegenheit meine Badebermudas, die ich extra mitgeschleppt habe, zu benutzen. Schon beim Eingang übersehe ich den subtilen Streifen im Teppich, der mich eigentlich zum Schuhe ausziehen aufgefordert hätte, und dies sollte nur mein erstes Missgeschick, aber klar das schlimmste, bleiben. Nachdem ich mich ca. 10 Minuten ziemlich umständlich angestellt habe sehe ich ein, dass eine eigene Badehose total überflüssig und hinderlich ist. Ich begebe mich nach dem Schwimmen noch schnell ins japanische Bad, von dem ich zum Glück weiss wie es funktioniert, und entspanne mich ein bisschen. Dabei komme ich mit einem Herrn ins Gespräch der vor 45 Jahren (also 1952, dies hat mich wiederum ziemlich erstaunt) in der Schweiz, natürlich auf dem Jungfrau-Joch, war. Sagen Sie den Japanern immer, dass Sie Schweizer oder Deutscher sind, besonders an uns Schweizern haben die Japaner eine Riesenfreude, die meisten waren auch einmal in der Schweiz, die in Japan die Traumdestination schlechthin ist. Auch sonst lohnt es sich die Nationalität durchblicken zu lassen, Deutsche und Schweizer gelten in Japan als fleissig, sauber und zuverlässig, halt genauso wie die Japaner selber sind. Amerikaner und erst recht andere Ausländer stehen in ihrem Ansehen deutlich tiefer.
Später machen wir auf privater Basis mit Kubo-san einen kleinen Spaziergang durch Gion, dem traditionellen Geishaviertel von Kyoto. Danach gehen wir Teppan-Yaki essen. Alle ausser mir, Kubo-san und Frau Schwarzen, unserer Reiseleiterin, nehmen ungesundes Fleisch, wir drei sitzen zusammen an einem Teppan und essen Meerfrüchte: Eine ideale Gelegenheit Kubo-san mit 1000 Fragen über seine Heimat zu löchern. Leider ist dies sein letzter Abend und entsprechend heisst es Abschied nehmen.
Nachdem die Reiseteilnehmer sicher in Taxis zum Hotel unterwegs sind, laden ich und meine Schwester Kubo-san noch auf ein Bier ein, eine Einladung die er nicht ausschlagen kann. Wir staunen als er uns in ein Lipton, also ein Café, führt. Dies ist aber nichts ungewöhnliches und es gibt dort selbstverständlich auch Bier. Japaner gehen, wenn sie etwas trinken wollen, entweder in astronomisch teure Hostessenbars, in denen Hostessen ihren grossen und kleinen Sorgen zuhören - aber nicht mehr - und sie die Rechnung mit der Firmenkreditkarte bezahlen oder in die gemütlichen, an roten Lampions erkennbaren Nachbarschaftslokale, in denen man auch etwas essen kann. Im Stadtzentrum ist die fast einzige Alternative das Café. Diesmal ergreift er die Gelegenheit und löchert uns über die Schweiz, Fragen die wir ihm noch so gerne beantworten. Nach über einer Woche Sightseeing ist es eine angenehme Abwechslung nicht immer nur zuzuhören. Am Nachbartisch sitzen zwei Mädchen, wobei eines aus den Tischunterlagen Kraniche faltet, der Kyotokranich ist sehr berühmt. Wir geben ihr unsere, damit sie mehr Material hat, als Gegenleistung erhalten wir einen 1cm, 5cm und 15cm hohen Kranich, mein liebstes Souvenir von Japan. Nun heisst es aber endgültig Abschied von Kubo-san zu nehmen und nach Hause zu gehen.
Das ANA Hotel bietet ein ausgezeichnetes japanisches
Frühstück in einem sehr schönen Speisesaal mit Blick auf den hoteleigenen Garten. In
den drei Tagen, in denen ich im ANA frühstückte, habe ich nie auch nur einen Ausländer
gesehen, erstaunlich, dass es die allermeisten Japanreisenden nicht wenigstens einmal
versuchen. Einmal mehr habe ich die gute Gelegenheit, Japaner unter sich zu beobachten,
einmal mehr fällt mir sehr deutlich auf, wie sich die Geschlechter unterschiedlich
verhalten: Frauen haben eine völlig andere Art zu essen und sich zu verhalten als
Männer, starke Unterschiede bestehen auch zwischen den Generationen.
Nach dem Frühstück treffen wir mit O-hachi-san (Das «O» wird betont, wenn das «a» betont würde wäre sie ein Essstäbchen, mit einem betonten «i» eine Brücke), unserer neuen Führerin zusammen. Sie hat Kunstgeschichte studiert, entsprechend liegt bei ihr der Schwerpunkt der Erläuterungen. Während Kubo-san uns viel über die wirtschaftlichen Aspekte Japans und der Arbeitswelt erzählt hat, erfahren wir bei ihr jetzt alles über die Geschichte Japans, eine sehr glückliche Mischung. Mit ihr und einem typischen Tourbus fahren wir alsbald los.
Unser erstes Ziel ist der
«san-ju-san-gen-do», ein «gen» ist der Abstand zwischen zwei Säulen, ein «do» ein
Gebäude und «san-ju-san» heisst dreiunddreissig (drei-zehn-drei), also ist das Gebäude
genau 33 Säulenabstände lang. Da heute Samstag ist, treffen wir im Tempel auf unsere
ersten Schulgruppen, ein Bild das sich uns in den nächsten zwei Tagen öfter bieten
sollte: Am Wochenende haben die Schulen «ensoku», Schulreisen in denen sie meist, wie
wir Touristen auch, Tempel und Schreine besuchen. Der Anblick von 150 Schülerinnen und
Schüler die, alle in ihrer Schuluniform, von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit
hetzen, gehört zu den Bildern von Japan, die man ein Leben lang nicht vergisst. Apropos
Uniformen: Diese sind nicht nur von Schule zu Schule unterschiedlich - die Unterschiede
sind allerdings ziemlich gering, Jungs tragen Kadettenuniformen und Mädchen Faltenröcke
und Matrosenoberteil, beide in einem sehr dunklen Blau («kon») - es existiert auch eine
Sommer- und Wintervariante. Wer jetzt aber glaubt, dass Japaner nach der Witterung
entscheiden, welche sie anziehen, hat Japan noch nicht begriffen. Dafür gibt es zweimal
im Jahr einen offiziellen Tag - «koromo-gae», der Tag des Kleider-Wechsels - im Juni und
Oktober, dies bedeutet, dass im April, als ich in Japan war, alle noch auf Winter
eingestellt waren. Entsprechend bedauerte ich die Schüler, die in dicken Kleidern und
wollenen Pullovern bei 25° leiden mussten. Aber nicht nur Schüler, denen nichts anderes
übrigbleibt, halten sich an diesen Tag: Alle Japaner wechseln an diesem Tag auch ihre
private Garderobe, entsprechend waren immer alle viel zu warm angezogen und wir die
einzigen, die der Witterung entsprechend, leichte Sommersachen trugen.
Weiter geht die Fahrt zum Kiyomizu Tempel, der wegen seiner 25m hohen Holzkonstruktion, auf der der Tempel ruht, berühmt ist. In Japan sagt man zu jemanden, der etwas verrücktes vorhat, er wolle von der Terrasse des Kiyomizu Tempels springen. Viel interessanter, nicht nur für mich sondern vorallem für die Schulklassen, ist der Jishu Schrein. Dieser Shinto Schrein, der mitten im Gelände des buddhistischen Kiyomizu Tempels liegt, ist ein UNESCO Weltkulturgut und ist der Sitz des japanischen Liebesgottes. Verliebte können dort die Festigkeit ihrer Beziehung überprüfen, Singles für Glück in der Liebe bitten und Verheiratete ihre Ehe verstärken, ein Riesenspass und ein weiterer Beweis für die Lockerheit, mit der Japaner das Thema Religion handhaben.
Wie immer in Japan drückt das Programm und so sind wir schon bald wieder unterwegs zum Heian Schrein, dem grössten Schrein von Kyoto. Bekannt ist dieser nicht zuletzt dank seines riesigen Toriis, dessen Säulen einen Durchmesser von ca. 3 Metern aufweisen. Da es heutzutage schwierig ist, solche Zedern in dieser Länge zu finden, ist er heute allerdings aus Beton, majestätisch sieht er trotzdem aus. Auch sonst ist der Schrein sehr schön und es gelingt mir endlich, eine der hübschen Mikos in ihren weiten leuchtenden roten Rockhosen, «hakama» genannt, und weissen Blusen zu fotografieren. Dem Schrein angegliedert ist auch ein Park mit sehr bekannten Kirschblüten, entsprechend steht man dort, wie überall am Wochenende, im Stau mit tausenden von Japanern, die die Bäume ebenfalls bewundern und fotografieren. Ebenfalls am Wochenende kann man häufiger Frauen in traditionellen Kimonos beobachten, da diese Kleidung zwar wunderschön aussieht, ansonsten aber ziemlich unpraktisch ist, werden Kimonos nur noch an offiziellen Anlässen und, seltener, bei Tempelbesuchen getragen.
Während die Gruppe ins
Kyoto Handycraft Center, ein Einkaufszentrum für traditionelles Kunsthandwerk, geht,
verabschiede ich mich, um mich wiederum auf eigene Faust auf Entdeckungsreise zu begeben.
Vorher verpflege ich mich aber noch mit Yakitori, bei
Tempeln muss man nie weit suchen um sich zu verpflegen. Ich laufe los und treffe bald an
einem der zwei grossen Flüsse, die Kyoto durchtrennen, ein. Flüsse sind in Japan immer
Naherholungsgebiete und so setze ich mich ebenfalls hin und verdöse ein gutes Stündchen,
dabei kann ich einen Fischer beobachten und lausche den Klängen eines «salary-man»
(Angestellter) der einsam auf seinem Saxophon übt. Gerade als ich mein letztes Bild
verschossen habe und nach einem neuen Film suche, fährt eine Gruppe kleiner Buben, im
Alter von ca. 6 Jahren, auf Fahrrädern an mir vorbei. Sie bilden eine Baseballmannschaft
und tragen entsprechend alle die gleiche Uniform und die gleichen weissen Helme, wer noch
nie japanische Kinder gesehen hat, kann sich gar nicht vorstellen wie süss («kawaii»)
diese sind!
Später, als der Magen schon wieder brummt, besorge ich mir in einem japanischen Schnellimbiss fritiertes Fleisch - welches ich zwar für Fisch gehalten habe, solche Verwechslungen kommen schon vor - und begebe mich in den Park des alten Kaiserpalastes von Kyoto, wo ich mein spätes Mittagessen unter einem Kirschbaum einnehme. Die Gärten von Palästen dienen den Ortsansässigen ebenfalls als Naherholungsgebiet, entsprechend kann ich viele Familien mit ihren Kindern beobachten. Weiter kann ich viele Gruppen von Joggern beobachten, die, wie in Japan üblich, in der Gruppe ihre Fitness verbessern. Dass es sich um Gruppen handelt ist in Japan natürlich an der Kleidung zu erkennen, im Fall von ca. 30 jungen Frauen weisse Trainingsanzüge mit dem Emblem des Kyoto Tennis Clubs. In der Abendsonne gehe ich ins Hotel, um bald darauf schon ins Bett zu fallen.
Alain G. Barthe, 1997