Alains Japanreise
Reisebericht

Wohin geht ein Anime Fan in die Ferien? Natürlich nach Japan! Ich habe dies im Frühjahr '97 mit meiner Schwester zusammen getan.

Fuji-san

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3. Tag, Tokyo

Ginza by NightDer Fischmarkt von Tokyo, der heute eigentlich auf dem Programm stand, fällt ins Wasser da er an einem Mittwoch im Monat geschlossen ist, selbstverständlich an diesem. Macht nichts, wir hätten um 4:00 Uhr aufstehen müssen und sind eigentlich ganz froh, dass wir noch ein paar Stunden weiterschlafen können. Nach dem Frühstück geht es auf die sogenannte Kubo-Tour, eine von Kubo-san fakultative Tour mit öffentlichen Verkehrsmitteln (für Touristen in Japan sehr ungewöhnlich, diese reisen ausschliesslich im Car).

Zuerst geht es in den Shinjuku-Garden, einem der grössten Parks von Tokyo. Die Kirschen stehen dort in voller Blüte und schon bald ziehe ich mich in ein Teehaus zurück, in dem ich mit ein paar Japanern bei einem Tee die Kirschblüten bewundere, die um das Teehaus wie in einem Schneegestöber herumfliegen. Da ich mich zum ersten Mal mit einem Kaffeautomaten rumschlage, erwische ich einen Tee mit Milch und Zucker - die Knöpfe waren leider nur in Kanji angeschrieben. Der Becher ist furchtbar heiss und ich frage mich, wie in aller Welt ich ihn halten soll. Schnell merke ich aber, wie die Japaner es machen: Die Becher haben unten einen erhöhten Boden, so dass man ihn zwischen Daumen und Mittelfinger an den Kanten halten kann, ohne sich zu verbrennen. Die Idylle währt nicht lange, schon bald muss ich weiter, um die Gruppe nicht warten zu lassen.

Mit der 100% automatischen Magnetschwebebahn geht es ins Neubaugebiet vor dem Hafen. Beim Umsteigen im Bahnhof «Shimboshi» sehe ich übrigens zum ersten Mal einen Shinkansen, einen «Hikari» der vom Süden kommend Richtung Tokyo Station unterwegs ist, einen Augenblick später ist er schon wieder verschwunden. Vom Hafengebiet, das durch Aufschüttung dem Meer abgerungen wurde, hat man einen herrlichen Blick auf die «Rainbow-Bridge», den Hafen und Zentraltokyo. Vor Ort hat es viele neue Gebäude, die vornehmlich von Fernsehstationen und Hotels belegt sind, und kaum Strassen. Das spektakulärste Gebäude wurde erst vor wenigen Wochen eingeweiht, das neue Sendezentrum von Fuji-Television, neben NHK die grösste Fernsehstation. Nach der Besichtung essen wir im Cafe eine Pizza, die von einem richtigen italienischen Pizzaiolo zubereitet wurde und auch entsprechend schmeckt. Dies ist kein Wunder, gehört das Cafe doch zu einer Kette mit Lokalen in Rom, Florenz und Tokyo: dies sollte aber die einzige Gelegenheit bleiben, an der ich nicht japanisch gegessen habe.

Nach dem Imbiss trennen sich unsere Wege, die Gruppe geht mit Kubo-san ins Museum während ich, meine Schwester und Frau Schwarzen ins Kabukiza in der Ginza gehen, um das Kabuki-Theater zu sehen. Dort angekommen bleibt kaum Zeit, mein geliebtes O-bento zu kaufen, das unbedingt zum Kabuki gehört: Ausser meiner Schwester und Frau Schwarzen, unserer Reiseführerin, und all den anderen Touristen, essen die Leute ausnahmslos das wirklich köstliche O-bento, das vor dem Kabukiza verkauft wird, da wollte ich doch nicht auffallen. Das Stück handelt von einem mittelmässigen Maler, der, da er von seinem Fürsten nicht geachtet wird, Seppuku, rituellen Selbstmord, begehen will. Das Stück hat aber ein gutes Ende und ist ziemlich unterhaltsam und lustig. Während der Vorstellung feuern die Zuschauer übrigens ihre Lieblingsschauspieler lauthals an. Eine einzelne Vorstellung dauert eine gute Stunde, zwischen den 3 Vorstellungen werden Pausen von 30 Minuten gemacht. Ich kann Ihnen Kabuki empfehlen, es ist vielleicht nicht etwas, das man jeden Abend sehen möchte, da man kein Wort versteht, man kann der Handlung aber trotzdem folgen und mindestens einmal sollte man es gesehen haben. Die in den meisten Reiseführern erwähnte Simultanübersetzung für ausländische Gäste gibt es übrigens nicht mehr.

Als wir das Kabuki-za verlassen ist es Nacht geworden und die berühmten Lichtreklamen und Riesenmonitore der Ginza machen diese zum Tag. Wir bleiben aber nicht mehr lange und gehen zurück ins Hotel.

4. Tag, Tokyo - Takayama

Stromversorgung (Takayama)Schon kurz nach dem Aufstehen bin ich schon kribblig, meine erste Fahrt im Shinkansen, ein Bubentraum von mir, steht kurz bevor. Nach dem Frühstück fahren wir mit dem Taxi zur Tokyo Station in der Ginza, dem Bahnhof in dem der Shinkansen hält. Um einen Bericht dieser Fahrt zu lesen, konsultieren Sie das Kapitel Fernverkehr in Japan für Anfänger. Auf dem Weg nach Nagoya, wo wir leider schon wieder aussteigen, sehen wir den Fuji-san so schön es in dieser Jahreszeit eben geht.

In Nagoya, der hinter Tokyo und Osaka drittgrössten Stadt Japans, steigen wir in einen Bus, der uns nach Toyota bringt. Dass diese Stadt den Namen des grössten Autobauers Japans trägt, liegt am Motomachi Werk, dem mit Abstand wichtigsten Arbeitgeber der Stadt. Alles in Toyota ist, auch ohne den Namen, Toyota, egal ob Schulen, Universitäten oder Krankenhäuser, alle wurden von Toyota gebaut, fast jeder hier arbeitet für Toyota und fährt selbstverständlich einen solchen.

Eine nette junge Dame führt uns durch die Stanzerei und die Endmontage des Motomachi Werkes, in dem ausschliesslich der Toyota Crown, ein Wagen der oberen Mittelklasse, für den inländischen Markt gebaut wird. Nebst den imposanten Stanzmaschinen, in denen aus riesigen Blechbahnen (die um die 20t wiegen) die Teile der künftigen Autos gefertigt werden, erfahren wir auch einiges über die Arbeitszeiten etc. der Arbeiter. Wer auch immer das Gerücht von ameisenhaft arbeitenden menschlichen Robotern im Westen verbreitet hat, war vermutlich nie in Japan. Gearbeitet wird, nach schweizerischen Massstäben, ganz normal etwas mehr als 8 Stunden im Tag, an 5 Tagen die Woche. Zwar erledigten alle gewissenhaft und speditiv ihre Arbeit, es sah aber keiner aus als ob er jeden Moment den Tod durch Erschöpfung («karoshi») sterben würde, ein in den hiesigen Medien hochgespieltes Phänomen das tatsächlich nur wenige Einzelfälle betrifft.

In der Endmontage, in der die jungen Arbeiter im Akkord arbeiten, geht es schon viel hektischer zu und her, es ist aber keiner über 30 Jahre alt. Nach ein paar Jahren werden die Arbeiter an wniger aufreibende Stellen versetzt. Dieses Rotationsprinzip gibt es in Japan überall, Fachidioten gibt es kaum und der Chef von Toyota hat vermutlich auch einmal an einem Fliessband gearbeitet und kann, wenn Not am Mann ist, selbst Hand anlegen. Er wird dies auch ohne Zögern tun, Arbeit ist in Japan nie eine Schande. Es geht soweit, dass ein junger Mann mit Universitätsabschluss in Wirtschaft zuerst in der Versandabteilung der Bank arbeitet und bei seinen Eltern wohnen muss, weil er sich vom Mickergehalt keine Wohnung leisten kann. Allerdings kann er sich felsenfest darauf verlassen, dass er mit 50 an die ¥2'000'000, also über 200'000.-- Franken, im Jahr verdienen wird, selbst wenn er «nur» Abteilungsleiter geworden ist.

In der Montage können wir auch gut das «kamban» System beobachten, ein fast lächerlich einfaches System: Bei jedem Teil (bei Kleinteilen in jeder Schachtel) liegt ein Schild, eben ein «kamban» auf denen die Namen des Teils und des Herstellers stehen. Stündlich werden diese eingesammelt und den jeweiligen Herstellern zurückgesandt. Diese liefern entsprechend den Angaben wiederum die Teile, zusammen mit dem «kamban», welches wiederverwendet wird, zurück zum Werk. Dieses System ist bei uns seit ein paar Jahren als «just in time» Produktion bekannt, eine japanische Erfindung. Dieses Prinzip, das einen ungeheuren Durchbruch bedeutete, wurde übrigens von einem schlichten Arbeiter vorgeschlagen. In Japan werden Vorschläge von Arbeitern nicht nur gefördert sondern auch geschätzt und häufig in die Tat umgesetzt, im Motomachi Werk wurden z.B. im Jahr 1996 von jedem Arbeiter im Schnitt 17 konkrete Vorschläge eingebracht von denen ein rundes Viertel (!) umgesetzt wurde. Überstunden werden in der Industrie, anders als bei Angestellten bei denen sie die Regel sind, übrigens nur bei konkretem Bedarf geleistet.

In Werken wie dem Motomachi, das übrigens seit 1959 produziert, wurde das japanische Wirtschaftwunder geschaffen, dessen bauliche Früchte wir in den drei Tagen in Tokyo bewundern durften. Auch wenn die Wirtschaft seit dem Zusammenbruch der «Bubble Economy» auch in Japan stockt denke ich doch, dass Japan auch in dieser Funktion noch immer Vorbildcharakter hat: Zwar wird von den Arbeitern und Angestellten ein hoher Einsatz erwartet, diese erhalten dafür aber auch eine entsprechend gute Entlöhnung und einen sicheren Arbeitsplatz (Japan hat ca. 3% Arbeitslosigkeit). Entgegen unseren Vorurteilen wird von niemandem unmenschliches verlangt. Zwar ist es richtig, dass viele Angestellte durchaus 12 Stunden pro Tag arbeiten, sie «kompensieren» dies allerdings am Arbeitsplatz durch Bummelei am Tage, um am Abend noch Überstunden leisten zu können, die in Japan einfach dazugehören und Ritualcharakter haben. Das einzige was allerdings wirklich leidet ist die Familie: Der typische Familienvater ist mehr oder weniger Zahlvater und sieht seine Familie eigentlich nur am Wochenende, entsprechend leben sich Ehepaare oft auseinander und die meisten Scheidungen in Japan erfolgen nach der Pensionierung des Mannes.

Familienidyll (Kyoto)Dass der Mann arbeitet während die Frau die Kinder grosszieht ist in Japan übrigens die Regel, Ausnahmen sind recht selten. Wir müssen hier allerdings auch nicht so tun als ob dies bei uns ganz anders wäre, in der Praxis ist es auch bei uns mit der Emanzipation nicht sehr weit her. Der grösste Unterschied liegt wohl darin, dass Frauen bei uns häufig Teilzeit weiterarbeiten und, im Vergleich zu ihren japanischen Geschlechtsgenossinen, viel mehr Möglichkeiten haben. In Japan arbeitet eine Frau normalerweise nach Schule oder Studium, Frauen wählen bei letzterem mehrheitlich die 2-jährige Kurzvariante, bis zu Ihrem ersten Kind - das heute meist das einzige bleibt, die Geburtenrate liegt bei 1.7 - um dann aufzuhören. Erst wenn die Kinder aus dem Haus sind wird sie wieder eine Stelle suchen. Da dies aber die Regel ist, ermöglichen Unternehmen den Frauen keine Karriere, nach unseren Massstäben werden Frauen in japanischen Unternehmen krass diskriminiert. Japans Frauen suchen, ganz dem japanischen Wesen entsprechend, nicht die Konfrontation und weichen in andere Branchen aus. Sehr beliebt, besonders bei Wiedereinsteigerinnen, sind z.B. kleine Läden oder Boutiquen, zu diesem Zeitpunkt ist das Familieneinkommen sowieso sehr hoch und das Geldverdienen steht kaum im Zentrum. Das angesprochene Familieneinkommen wird in Japan übrigens von der Frau verwaltet. Der Mann erhält ein Taschengeld und hat ansonsten zuhause kaum etwas zu melden, wichtige Entscheidungen wie Wahl der Schule, Umzug in eine neue Wohnung oder der Kauf eines Autos werden von der Frau entschieden. Der Mann, der in der Öffentlichkeit ein Pascha ist, hat zuhause eher die Rolle eines weiteren Kindes, um das die Frau sich kümmern muss!

Zurück in Nagoya steigen wir in den Hida 13, einen Regionalexpress Richtung Takayama, ein. Während der gemütlichen Fahrt - nach dem Shinkansen ist selbst ein Express gemütlich - können wir gut beobachten wie die Landschaft sich langsam ändert, das unendliche Häusermeer der Kantoebene löst sich langsam auf und wir fahren in die Japanischen Alpen.

Bei dieser Fahrt fällt uns eine weitere Eigenheit der Japaner auf: Sie sind ungeheuer neugierig. Wenn sie sich von uns unbeobachtet fühlen, verfolgen sie aufmerksam jede unserer Handlungen. Während sie dies auf der Strasse oder im Restaurant noch ziemlich unauffällig tun verlieren Sie, sobald eine Scheibe dazwischen ist, jegliche Scheu. Entsprechend ausgiebig wurden wir in den Bahnhöfen gemustert, wenn wir sie bemerkten folgte meist ein zurückhaltendes Winken. In dieser Situation müssen Sie unbedingt zurückwinken, besonders Kinder und Jugendliche haben daran ungeheure Freude, strahlen über das ganze Gesicht und führen einen halben Freudentanz auf! Schauen Sie sich aber unbedingt mal beim Essen unauffällig um, wenn Sie dies kurz nachdem Sie zu essen angefangen haben tun, werden Sie bemerken, dass die halbe Gaststätte Ihnen ganz genau zusieht, die Japaner platzen fast vor Neugier ob uns denn ihr Essen schmeckt, wir den Tee mögen oder mit den Stäbchen umzugehen verstehen. Ihre Scheu hält sie aber leider davon ab, uns ganz einfach zu fragen.

Kurz nach Sonnenuntergang kommen wir in Takayama an. Sofort bemerken wir, dass es in Japan im April im Gebirge noch recht kühl ist. Mit 900m Höhe ist der Badeort für uns Schweizer zwar nicht gerade im Hochgebirge, Tokyo lag aber auf Meereshöhe, es ist also doch ein ziemlicher Höhenunterschied. Die japanische Zuverlässigkeit lässt uns auch hier nicht im Stich, ein Angestellter des Hida Hotel Plaza nimmt uns bereits auf dem Perron in Empfang und führt uns zum wartenenden Bus, keine 5 Minuten später sind wir im kleinen, aber sehr gut eingerichteten Hotel. Einer der Vorteile dieser Hotels im Vergleich zu den internationalen Hotels in den grossen Städten ist die Tatsache, dass man hier im ganzen Hotel und auch im Ort in der Yukata, hier in den Bergen entsprechend im Sume herumlaufen kann. Also nichts wie aus den unbequemen Klamotten, Sume angezogen (welches aus Baumwollhose und Jacke und einer zweiten, gesteppten Jacke besteht und viel wärmer als eine Yukata ist) und schon sitzen wir sehr japanisch und sehr gemütlich beim Shabu-Shabu essen. Sofort fällt mir eine Eigenheit traditioneller, japanischer Kleidung auf: Die weiten Ärmel, die schon beim ersten Griff zur Tischmitte in der Soyasouce landen...

Nach einer köstlichen Mahlzeit (und viel Bier und Sake) beschliesse ich, ins Bad zu gehen, etwas was Japaner eigentlich vor dem Essen machen. Mir blieb aufgrund der knappen Zeit aber keine andere Möglichkeit und glücklicherweise war ich im Bad nicht der einzige, so dass ich mein erstes Bad ohne grössere soziale faux pas überstehe. Eine ausführliche Beschreibung bzw. Anleitung dieses Vergnügens finden Sie unter dem Stichwort Öffentliche Bäder. Nach dem Bad im 45° Celsius heissen Thermalwasser - Takayama hat viele bekannte Thermalquellen, welche es im vulkanischen Japan zu Zehntausenden gibt - und einem kleinen Spaziergang im Sume durch die Umgebung des Hotels, schlafe ich wie ein Stein ein.

Weiter geht es mit Teil 3

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Alain G. Barthe, 1997