Alains Japanreise
Reisebericht

Wohin geht ein Anime Fan in die Ferien? Natürlich nach Japan! Ich habe dies im Frühjahr '97 mit meiner Schwester zusammen getan.

Fuji-san

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Vorwort

Folgender Bericht gibt die Reise wieder, die ich zusammen mit meiner Schwester im Frühjahr 1997 unternommen habe. Die Reise war zu 100% geführt und kostete rund 5'000 Franken. Geführte Reisen sind in Japan üblich und klappen tadellos. Zusätzlich müssen Sie noch mit mindestens 50.-- Franken pro Tag rechnen, dazu kommen noch alle Einkäufe die Sie im Einkaufswunderland Japan sicherlich tätigen werden.

Reisebericht

1. Tag, Ankunft Tokyo

Rainbow Bridge (Tokyo)Nach einem 3½-stündigen Flug treffen wir von Hong Kong her in Tokyo-Narita ein. Narita ist der Auslandsflughafen von Tokyo und, zusammen mit Osaka-Kansai, der normale Ort in dem Touristen in Japan eintreffen. Nach den Einreiseformalitäten steht schon Kubo-san (also Herr Kubo) bereit, um uns in Empfang zu nehmen und uns mit unserem vielen Gepäck (etwas was in Japan unüblich ist) zum Bus zu geleiten. Spätestens jetzt merkt man, dass man jetzt in Japan ist: Beim Bus begrüsst uns bereits der Fahrer, der selbstverständlich weisse Handschuhe trägt, mit einer Verbeugung.

Die stündige Fahrt nach Tokyo vergeht wie im Flug, während wir auf die wichtigsten Punkte unseres Aufenthalts aufmerksam gemacht werden. Nachdem wir an der einzigen In-Door Skihalle der Welt (immerhin 500m Piste) vorbeigefahren sind, treffen wir über die riesige «Rainbow-Bridge» am Hafen in Tokyo ein. Nach dem Eindunkeln treffen wir im Hochhausbezirk Shinjuku-West ein, unser Hotel, das «Keio Plaza Inter-Continental» steht genau gegenüber dem Rathaus von Tokyo («Metropolitain Governement Building»), einem 250m Zwillingsturm in dem 14'000 Beamte bis tief in die Nacht arbeiten.

Den kurzen Spaziergang zu dem sich gleich neben dem Hotel befindlichen NS Gebäude («News Station», die japanische Version von CNN) durch den in der Zwischenzeit eingesetzten Regen, überstehen wir dank eines echten japanischen Billigschirms, den in Japan alle im Dutzend haben und den man im Hotel ausleihen kann, problemlos. Die Stockwerke 29 und 30, die beiden obersten, bestehen aus lauter Gaststätten, ca. 40 an der Zahl, die alle erdenklichen Gerichte bieten. Bis wir uns entschlossen haben - ein Sushilokal - sind allerdings die meisten schon zu, da es nach 20:00 Uhr ist. Da meine Schwester Sushi nicht mag, verputze ich fast eine doppelte Portion köstlichen Sushis, Tee und Bier wird, ohne dass man es bestellen muss, nachgeschenkt, typisch japanisch eben.

2. Tag, Tokyo

Rathaus von TokyoNach einem kontinentalen Frühstück - leider habe ich den falschen Speisesaal angesteuert - steigen wir in einen typischen japanischen Tourbus ein, vor dem unsere Hostess uns begrüsst. Ein Fahrer, eine Hostess und zwei Führer (neben Kubo-san war auch Frau Helen Schwarzen, unsere Schweizer Reiseleiterin, immer dabei) sind normal, dass im Bus nur 10 Personen sitzen ist dagegen ziemlich exotisch. Entsprechend staunen die Japaner auch, wie wenige wir sind - Japaner reisen immer in Gruppen, für die häufig ein einzelner Bus nicht genügt.

Unser erstes Ziel ist der Meji-Schrein. Dieser Shinto-Schrein ist Kaiser Meji geweiht, der Ende des 19. Jahrhunderts die dreihundertjährige Isolation von Japan beendet hat. Industrialisierung, Abschaffung der Samuraikaste und das moderne Schulsystem gehen auf Kaiser Meji zurück, der damit der wohl bedeutenste der japanischen Geschichte ist. Der eigentliche Schrein liegt inmitten eines grossen, friedlichen Parkes, der, obwohl mitten in Tokyo gelegen, eine ruhige und friedliche Atmosphäre ausstrahlt. Im inneren Bezirk sieht man Shinto-Priester bei Ihrer täglichen Arbeit. Mit ihren weiten Hosen und hohen Hüten, die allesamt sehr geometrisch geschnitten sind, passen sie perfekt zum sehr japanischen Baustil. Im Gegensatz zu buddhistischen Tempeln sind grosse Shinto-Schreine sehr übersichtlich und geometrisch angelegt, ein Stil mit dem die Japaner unserer Moderne weit voraus waren. Es ist kein Zufall, dass z.B. das Bauhaus stark von Japan beeinflusst war. Kubo-san führt uns vor, wie man richtig eine Andacht hält (egal ob Shintoismus oder Buddhismus, das Prozedere ist genau das gleiche). Bevor wir wieder gehen - die Termine drücken in Japan immer - kaufe ich noch ein paar Glücksbringer.

Unser nächster Halt gilt dem Kaiserpalast, den man allerdings nicht besuchen kann. Trotzdem ist das Haupttor, mit seiner berühmten Doppelbrücke, ein beliebtes Ziel und meist sind Japaner beim Gruppenfoto zu beobachten. Von hier hat man einen guten Blick auf die Ginza, die bekannteste Einkaufsstrasse von Tokyo, mit ihren berühmten Superwarenhäuser wie etwa dem Mitsukoshi. Bald geht es weiter zum Asakusa Kannon Tempel, einem berühmten Buddhistischen Tempel im Asakusa-Quartier. Obwohl Dienstag ist, ist der Tempel voller Leute: Es ist Buddhas Geburtstag, eine gute Gelegenheit über Mittag rasch zum Tempel zu gehen - Buddhas Geburtstag ist kein offizieller Feiertag und die Leute arbeiten ganz normal. Kaum hatte ich die berühmte und riesige Papierlaterne am Eingang gesehen, wusste ich wo ich war: Eine der wichtigsten Szenen von Tenchi Muyo in Love spielte hier. Am erst besten Stand habe ich mir sofort etwas zu essen gekauft: Es waren 3 Bälle mit einer süssen Soyasosse, Kubo-san klärte mich später darüber auf, dass es sich um gestampften Reis handelt, eine für Tempel typische Zwischenmahlzeit. Es schmeckt sehr gut, ist allerdings ziemlich süss und entsprechend durstig wird man. In einem japanischen Tempel, der mehr an einen Jahrmarkt als eine Kirche erinnert, ist dies zum Glück kein Problem, fliegende Händler mit Getränken gibt es zu Hauf.

Tokyo TowerBald darauf geht es weiter zur Ginza-Station, einer der grösseren U-Bahnhöfe von Tokyo, wo uns Kubo-san die Funktion der Ticketautomaten erklärt. Da ich keine Lust auf Shopping habe und auch nicht ins Hotel zurück will, setze ich mich ab und breche alleine Richtung Tokyo-Tower auf. Dieser 333m hohe Sendeturm ist eines der Wahrzeichen von Tokyo und der wichtigste Schauplatz von Tenchi Muyo in Love. Hohe Wahrzeichen haben die angenehme Eigenschaft, dass sie auch mit totaler Ortsunkenntnis schnell gefunden sind, so geht es nicht lange und ich stehe auf 150m und bewundere das imposante Panorama von Tokyo. Sie verkaufen auch sehr schöne T-Shirts, leider nur in den für das Land typischen Kindergrössen. ¥650 schrecken mich nicht davon ab, mich von den netten Liftdamen auf die in der luftigen Höhe von 250m gelegenen «Special Observation Plattform» fahren zu lassen. Diese ist übrigens nur geöffnet, wenn es nicht zu stark windet und obwohl draussen nur ein laues Lüftchen weht, spürt man das Schwanken des Turms schon ganz eindeutig.

Wenn man wieder runterkommt, erwartet den Besucher eine Shopping-Mall auf zwei Stockwerken, ein riesiger Spielsalon und viele Gaststätten. Da das Wetter schön ist, will ich aber in einem nahegelegenen Park, den ich aus 250m Höhe ausmachen konnte, essen. Leider habe ich nicht damit gerechnet, dass die Japaner extrem pünktlich sind und allesamt um 12:00 Uhr essen: Trotz aufwendiger Suche und schwierigem Rumfragen - im Schnitt vergehen 5 Minuten bis die Leute verstehen was man will - kann ich kein Take-Away Bento finden, es ist leider schon 13:00 Uhr. Schliesslich esse ich in einem billigen japanischen Restaurant, das eher an eine Kantine erinnert, für lächerliche ¥370 ein O-Bento, für weitere ¥500 trinke ich ein «Asahi» Bier. Dem Kellner konnte man es ansehen, dass er nicht allzuhäufig Touristen bedient, er bemühte sich aber sichtlich und freute sich als er merkte, dass es mir schmeckt.

Nachdem ich bei der gemütlichen älteren Frau an der Kasse bezahlt habe, laufe ich zum Hama-Roky Garden. Was vom Tokyo-Tower aus wie 20 Minuten ausgesehen hat, entpuppt sich als 1½ stündiger Fussmarsch. Aber zu Fuss sieht man bekanntlich am meisten, und so ist es auch hier. Erstmals sehe ich wie normale Tokyoter Quartiere aussehen, auch einen Park mit Spielplatz und eine Strasse, in der nur Golfläden ihre Waren anbieten, gehört zu den neuen Erfahrungen. Um 16:00 Uhr im Park angekommen, muss ich mich beeilen: Der Park schliesst bereits um 17:00 Uhr. In einer Laube, inmitten des Parkes, schläft ein Japaner in aller Ruhe auf der extra dafür vorbereiteten Liegefläche. Da er keinen Wecker hat wundere ich mich, wie er die Schliessung des Parks mitbekommen will?

Das ständige Grüntee trinken (kalt, aus dem Automaten) wirkt sich aus und die Natur fordert ihr Recht: Zum ersten Mal mache ich mit einer öffentlichen Toilette in einem japanischen Park Bekanntschaft. Wenn Mann das Pissoir im Vorraum benutzt steht man praktisch im Freien - jeder kann einem beim Geschäft zuschauen. Als eine Frau auf mich zukommt, sich hinter mir durchdrängt und in der Toilette verschwindet, realisiere ich, dass diese auch nicht nach Geschlechtern getrennt ist. Eine seltsame Erfahrung, nach wenigen Tagen hat man sich aber daran gewöhnt und fängt an sich zu wundern, wie unerwachsen wir mit solchen Dingen umgehen.

Zehn Minuten vor Fünf verstehe ich dann auch, warum man ruhig schlafen kann: Aus Lautsprechern, die mir vorher gar nicht aufgefallen sind, tönt plötzlich Musik. Ich höre noch ein bisschen zu, schliesslich ist Mozarts Hafnersymphonie mein Lieblingswerk von ihm (ich hoffe Sie mögen Vivaldi, seine «Vier Jahreszeiten» werden Sie in Japan in jedem zweiten Lift, Warenhaus oder Bahnhof hören), aber bei der zweiten Aufforderung beeile ich mich um noch kurz vor der Schliessung rauszuschlüpfen. Ich war vermutlich der letzte, Japaner sind sehr pünktliche Leute und kommen selten zu spät, etwas woran sich ein Tourist erst gewöhnen muss. Zu Fuss gehe ich zurück zur Ginza und besteige die U-Bahn Richtung Shinjuku. Ich komme dort zur Rushhour an und in einem Meer von Leuten finde ich den Weg aus dem meistfrequentierten Bahnhof der Welt. Leider erwische ich die falsche Seite, also muss ich um den Bahnhof rumlaufen, ein 30-minütiger Marsch! Wenigstens habe ich jetzt ein gutes Gefühl für die Ausmasse dieses Bahnhofs und der Gang ist recht interessant, ist die Gegend um Shinjuku doch ein bekanntes Vergnügungsviertel. Erstmals mache ich mit der aktuellen Mode der jungen Mädchen Bekanntschaft: Die eine Hälfte scheint ein Vermögen für Designerklamotten, die allesamt brandneu und teuer aussehen, auszugeben, die andere Fraktion läuft bis in die Nacht in der Schuluniform, die nur durch extrem grosse und lose Socken, die fast wie Gamaschen aussehen, «aufgepeppt» wird. Meine Schwester klärt mich später auf, dass sie beobachtet hat, wie sie diese durch Leim (!) festmachen, da die Strümpfe sonst niemals halten würden. Da Dienstag ist, haben übrigens alle schwarze Haare, am Wochenende bleichen sie diese oft. Warum nur am Wochenende? Ganz einfach: Da gebleichte Haare in Schulen nicht akzeptiert werden - Japaner haben ausnahmslos schwarzes Haar - müssen sie diese am Montag wieder schwarz färben, ob dies allerdings den Haaren gut tut wage ich zu bezweifeln. Jungs sind übrigens viel langweiliger, ausser ein paar verlorenen Homeboys und viel zu sauberen Punks ist nicht viel Modebewusstsein auszumachen, vielleicht habe ich aber einfach zu sehr auf die Mädchen geachtet...

Das Hotel ist schnell gefunden und im NS Gebäude sind ein paar Yakitori schnell verdrückt. Heute sind wir früher dran und wir können reichlich Japaner beobachten, die meist in kleinen Gruppen am Abendessen sind. Der Lärmpegel im Lokal ist sehr beeindruckend und die Japaner haben mit den bei uns bekannten, steifen Touristen rein gar nichts zu tun: Bei ihnen Zuhause verhalten sie sich ganz anders als wir es uns gewohnt sind. Anschliessend trinken wir in der «Polestar» Bar des Hotels ein Bier und ein Gin Tonic, der Blick auf das nächtliche Shinjuku vor dem Hintergrund von Tokyo ist atemberaubend.

Weiter geht es mit Teil 2

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Alain G. Barthe, 1997