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Nahverkehr

Bus in TokyoJapan besitzt eine ausgezeichnete öffentliche Verkehrsinfrastruktur, die in der ganzen Welt einmalig ist und Vorbildcharakter hat. Entsprechend sind die wenigsten Japaner in den Städten mit dem Auto unterwegs, in Tokyo sind etwa 2/3 aller Autos Taxis, die restlichen zumeist Lieferwagen etc. Alleine im Bahnhof Shinjuku in Tokyo steigen täglich 3 Millionen Passagiere um, wenn Sie aber die Stosszeiten (morgens vor 9:00 Uhr und abends zwischen 16:30 und 19:00) meiden, werden Sie die Verkehrmittel meist halbleer antreffen. Mindestens einmal sollten Sie es aber einrichten, um 18:00 Uhr mit der U-Bahn in Shinjuku anzukommen. Wenn Sie strategisch günstig um 17:30 Uhr in einer nicht allzubelebten, einigermassen weit entfernten Station einsteigen, können Sie sich gemütlich setzen und zusehen wie die Bahn sich füllt. In Shinjuku angekommen, nehmen Sie sich Zeit und beobachten Sie, wie abertausende von Japanern ohne Unterlass ein-, aus- und umsteigen, dieses Schauspiel ist in der ganzen Welt einmalig! Hier versteht man übrigens auch die Disziplin der Japaner, ohne diese wäre der Verkehr der Metropole, in deren näherem Umfeld (Tokyo, Kawasaki und Yokohama) immerhin 25 Millionen Menschen auf engstem Raum zusammenleben, längst zusammengebrochen.

Als Tourist werden Sie hoffentlich viel zu Fuss unterwegs sein um das «echte» Japan, also das Japan der normalen Menschen und deren Alltag zu entdecken. Am Anfang müssen Sie aber beim Überqueren der Strassen ein bisschen aufpassen, da in Japan links gefahren wird, Sie müssen also immer zuerst nach Rechts schauen. An belebten Kreuzungen sollten Sie die Strasse zügig überqueren, da, nachdem die geschlossene Fussgängergruppe sie überquert hat, ziemlich schnell wieder Autos die Strasse beanspruchen. Sie werden bald bemerken, dass Japaner an belebten Orten wie Bahnhöfen, Kreuzungen etc. fast nie bummeln und ziemlich zügig unterwegs sind, wenn Sie sich ihrem Tempo anpassen, werden Sie am wenigsten «anecken». Das Trottoir (so nennen wir in der Schweiz den Gehsteig) werden Sie übrigens mit Radfahrern teilen. Diese werden zügig und ohne grossen Abstand um Sie herumfahren, Sie aber nie anrempeln solange Sie keine unvorhersehbaren Hacken schlagen. Wenn Sie sich also umschauen, eine Auslage in einem Schaufenster betrachten oder ganz einfach stehenbleiben wollen, denken Sie auch an die anderen Verkehrsteilnehmer.

Längere Strecken legen Sie in Tokyo und anderen grossen Städten mit der U-Bahn zurück. Gerade Tokyo hat ein extrem dichtes Netz von Stationen, die Sie im Handumdrehen an jeden beliebigen Punkt bringen. Wenn Sie die Station betreten haben, müssen Sie als erstes bei einem Automaten ein Ticket lösen, in grossen U-Bahnhöfen folgen Sie einfach den anderen Leuten um diese zu finden. Suchen Sie nun ihre Zielstation aus und Sie können auf einer angeschlagenen Liste den Preis erfahren. Nun können Sie an zwei verschiedenen Automaten Ihr Ticket lösen: für die häufigsten Beträge stehen spezielle Automaten, die auch nur diese Art von Tickets verkaufen, bereit. Die meisten können aber alle Arten von Tickets, sogar Monatsabos, verkaufen. Sobald Sie den Automaten mit Münzen oder einem Schein gefüttert haben, werden auf den anfänglich schwarzen Knöpfe die Beträge aufleuchten, die Sie lösen können. Ein Tastendruck und Sie können Ihr Ticket und Wechselgeld in Empfang nehmen. Sollten Sie nicht wissen, wieviel die Fahrt kostet (in kleinen Stationen fehlt die Liste häufig und Sie haben die Tabelle wieviele Stationen wieviel kostet vermutlich nicht im Kopf) lösen Sie einfach ein Minimalticket (¥160), am Ziel können Sie die Differenz bezahlen. Ein einmal gelöstes Ticket wird übrigens nur bei der jeweiligen Station akzeptiert und verfällt nach ein paar Stunden, kaufen Sie sie also nicht auf Vorrat.

Jetzt müssen Sie den Eingang zu der richtigen Linie finden, folgen Sie einfach den farbkodierten Hinweistafeln (in Tokyo farbige Ringe). Bei den Barrieren müssen Sie das Ticket einschieben und auf keinen Fall vergessen, es am anderen Ende der Barriere wieder in Empfang zu nehmen. In der U-Bahn selber hat es über den Türen einen Linienplan, auf dem die aktuelle Station aufleuchtet, es ist also kinderleicht die richtige Station zu erwischen. In vollen U-Bahnen ist es allerdings häufig unmöglich, diese zu sehen. In diesem Fall zählen Sie entweder die Stationen oder achten auf die - japanischen - Durchsagen. Nach einigen Tagen in Japan haben Sie sich an den sehr schönen Klang der Sprache gewöhnt und werden Ortsnahmen etc. ohne grosse Schwierigkeiten heraushören.

Nach dem Aussteigen gehen Sie wieder durch eine Barriere, diesmal erhalten Sie das Ticket natürlich nicht mehr zurück, beim Umsteigen dürfen Sie also auf keinen Fall durch eine solche gehen. Akzeptiert der Automat ihr Ticket nicht (es leuchtet ein rotes Kreuz auf und die Barriere öffnet sich nicht) bedeutet dies, dass Sie zuwenig bezahlt haben. Gehen Sie zum Bahnbeamten, der immer dort ist, und bezahlen Sie die Differenz, dank der modernen Technik weiss er, wieviel Sie ihm schulden. Zu ihm gehen Sie auch, wenn Sie zuwenig gelöst haben oder einfach unsicher sind. Probleme werden Sie übrigens nie haben, im Zweifelsfall wird er Sie einfach durchwinken.

In Tokyo kommen Sie mit der U-Bahn fast überall hin, in andern Städten und auf dem Land sind Sie auf Busse angewiesen, die manchmal etwas komplizierter sein können. In den Grossstädten kostet der Bus eine Pauschale (¥240 in Tokyo), diese wird beim Verlassen des Busses beim Fahrer bezahlt, eingestiegen wird übrigens immer hinten. Es ist üblich, dass man mit dem genauen Betrag, den man in einen kleinen Trichter schmeisst, bezahlt, haben Sie dieses nicht, können Sie einen ¥1000 Schein automatisch wechseln, machen Sie dies aber noch während der Fahrt, da der Bus nur kurz hält. Als Tourist werden Fahrer und Fahrgäste es Ihnen aber auch nachsehen, wenn Sie den genauen Betrag nicht haben, der Fahrer gibt Ihnen dann Wechselgeld. Üblich ist es aber ganz und gar nicht und Japaner, denen dies passiert, entschuldigen sich umständlich dafür beim Fahrer. Dies ist auch verständlich, mit unseren gemütlichen Methoden würde die Infrastruktur zur Stosszeit schlicht zusammenbrechen.

Busse, bei denen pro Station bezahlt werden muss, treffen Sie in erster Linie auf dem Land an. Nehmen Sie beim Einsteigen einfach ein Ticket (auf diesem sieht der Fahrer später wo Sie eingestiegen sind) und bezahlen Sie beim Aussteigen. Wollen Sie es perfekt machen, können Sie nach dem Einsteigen auf die Preistabelle an der Front des Busses achten, es werden die Zahlen von 1-30 darauf stehen, unter den ersten leuchten Preise. Merken Sie sich nun einfach die Zahl, unter der der letzte (und tiefste) Preis steht. Während der Fahrt werden Sie sehen wie die Beträge langsam steigen und immer neue Zahlen dazukommen, Ihr Preis wird einfach der sein, der beim Aussteigen unter der Zahl steht, die Sie sich beim Einsteigen gemerkt haben. Alles verstanden? In der Praxis ist die Sache eigentlich ganz klar und viel einfacher als mein Versuch, es zu erklären. Wenn Sie es richtig machen, wird der Fahrer Ihnen bestimmt grosse Anerkennung zollen!

1 2 3 4 5 6 7 8 9 10
180 160 120              
11 12 13 14 15 16 17 18 19 20
                   
21 22 23 24 25 26 27 28 29 30
                   

Die Tafel beim Einsteigen: Ihre Nummer ist die 3

1 2 3 4 5 6 7 8 9 10
280 260 220 180 140 120        
11 12 13 14 15 16 17 18 19 20
                   
21 22 23 24 25 26 27 28 29 30
                   

fooNach 3 Stationen können Sie ihren Preis unter der 3 ablesen: ¥220

Sollte die hintere Türe eines Busses übrigens verschlossen bleiben, warten Sie auf den nächsten. Dies bedeutet nichts anderes als dass er bereits voll war, Sie können sich aber fast immer darauf verlassen, dass in wenigen Augenblicken ein Entlastungsbus auftaucht. Knifflig sind Busse, die nicht in Englisch angeschrieben sind, da müssen Sie sich einfach auf Ihr Gespür verlassen oder warten bis einer der neueren, für uns verständlich angeschriebenen Modelle kommt.

Die U-Bahn ist fast immer billiger (denken Sie beim Bus daran, dass Sie beim Umsteigen wieder den vollen Betrag zahlen), Busse sind aber natürlich viel interessanter und weisen ein dichteres Netz auf. Ausserdem sind Sie in Bussen meistens der einzige Ausländer und in Vororten, abseits der grossen Tempel und Schreine, werden die Leute Sie aufmerksam beobachten und eventuell sogar ein Gespräch mit Ihnen anfangen, etwas was in den U-Bahnen weniger oft passiert.

Taxi in TokyoDas letzte Transportmittel innerhalb von Städten sind Taxis. Wenn Sie einen Zettel haben, auf dem das Ziel in Japanisch (wichtig!) notiert ist, ist Taxifahren sehr einfach, ansonsten so gut wie unmöglich. Versuchen Sie nie einem Taxifahrer eine Strassenkarte zu zeigen, selbst wenn Japaner dies tun, werden Sie furchbar nervös, bei einem «gaijin» (Aussen-Mensch, Ausländer) geraten sie in Panik. Der Grund dafür ist einfach: Orientierung ist gerade in Tokyo, das kaum Strassennamen kennt und die Häuser nach Baujahr nummeriert, die Hölle. Dass die Taxifahrer meist vom Land stammen und selber noch nicht lange in Tokyo wohnen, macht die Sache nicht leichter. Vergessen Sie also nicht vor dem Verlassen des Hotels einen Zettel mit Ihrem Ziel anfertigen zu lassen, im Business-Center oder an der Reception wird man Ihnen gerne weiterhelfen. Wenn Sie Staus vermeiden (Zeit beachten!), sind Taxifahrten recht billig (¥600 für die ersten beiden Kilometer) und manchmal ganz interessant: Gewisse, meist grössere Taxis haben mitunter sogar eine Karaoke-Anlange im Fond, wenn Sie also gerne singen oder gar leicht beschwipst sind ist es ein grosser Spass.

Sollte ein leeres Taxi übrigens mal nicht halten oder gar bei ihrem Anblick weiterfahren, brauchen Sie sich nicht beleidigt zu fühlen: Der Fahrer hatte nur Angst, dass er Sie nicht an den richtigen Ort bringen würde oder dass er mit seinem schlechten Englisch das Gesicht verlieren würde, beides Dinge vor denen sich Japaner fürchten wie der Teufel vor dem Weihwasser.

Obwohl weder ich noch sonstjemand in der Reisegruppe sich je verirrt hat, besteht diese Gefahr in Japan schon. Vergessen Sie nicht, dass es kaum Strassennamen gibt (die wenigen sind allerdings meist Englisch angeschrieben) und dass es ziemlich verzwickt sein kann, nach dem Weg zu fragen. Passieren kann Ihnen aber nichts. Einerseits können Sie nie in «miese» Gegenden geraten (die gibt es in Japan ganz einfach nicht) und zweitens können Sie sich immer an einen der omnipräsenten Polizisten wenden. In Japan gibt es nämlich an jeder grossen Kreuzung und in jedem Häuserblock ein «koban», ein winziges Polizeihäuschen. Diese Polizisten, die übrigens eher sowas wie der gute Quartiergeist sind, um Kriminelle müssen sie sich selten kümmern, sprechen zwar kein Wort Englisch und werden beim Anblick einer «Langnase» (so nennen uns Japaner mitunter auch, natürlich niemals Ihnen gegenüber) leicht nervös, werden Sie aber auf keinen Fall im Stich lassen. Der einfachste Trick ist aber immer eine Visitenkarte (in Japanisch!) des Hotels dabeizuhaben, mit der wird Sie jeder Taxifahrer problemlos nach Hause fahren.

Fernverkehr

Shinkansen Kodama (Serie 0)Eines der wenigen Dinge, die wohl jeder kennt, sind die japanischen Superschnellzüge «shin-kan-sen» (Neue Haupt-Linie). Auf diesen bereits in den sechziger Jahren erbauten Linien fahren die weltberühmten «Bullettrains» der JR, der Japan Railroad. Die JR ist übrigens, wie die meisten öffentlichen Transportmittel, eine private Firma. Auf der ältesten und wichtigsten Linie, der Tokaido Linie von Tokyo nach Osaka, fährt zur Stosszeit alle 6 Minuten ein Zug in beide Richtungen: Wenn Sie bei 240km/h im Zug sitzen, wird ihnen alle 3 Minuten ein Zug mit bis zu 540km/h entgegenkommen! Wenn Sie erst einmal mit dem Shinkansen gereist sind, werden Sie ob der Effizienz, Präzision und Zuverlässigkeit dieses Systems staunen. Für mich - ich habe die halbe Kindheit mit meiner Eisenbahnanlage verbracht - war der Shinkansen auf jeden Fall das beeindruckenste Erlebnis in Japan. Ich denke, dass nichts Japan besser repräsentiert als ein «Nozomi», der mit 270km/h den Fuji-san, den heiligen Berg Japans, umrundet, es ist ein grandioses Beispiel für die Fähigkeit der Japaner, die Moderne nahtlos mit der Tradition zu verschmelzen. Unnötig zu sagen, dass eine Fahrt damit ein Muss jeder Japanreise ist.

Shinkansen Hikari (Serie 100)Es gibt drei Typen von Shinkansen Zügen auf der Tokaido Linie: Der älteste ist der «Kodama» (Echo). Diese Züge halten an allen Stationen (daher der Name) und es werden Züge der Serie 0 eingesetzt, die «nur» 210km/h erreichen. Der üblichste Zug ist der «Hikari» (Licht), der nur in den grösseren Stationen hält (von Tokyo bis Osaka ca. 8 Mal), für diese Kurse werden überwiegend Züge der Serie 100 eingesetzt die eine Reisegeschwindigkeit von 240km/h aufweisen. Auf eine Durchschnittsgeschwindigkeit auf der Strecke Tokyo - Hakata (eine Strecke von exakt 1175.9 km) von 270km/h bringen es die Züge der Serie 300 die auf den «Nozomi» Kursen zum Einsatz kommen. «Nozomi» heisst Hoffnung und meint die Hoffnung der Tokyoter Geschäftsleute, nach einem Trip ins 650km entfernte Osaka noch am selben Abend zur Familie zurückzukehren. Der «Nozomi» hält übrigens auf dieser Strecke nur gerade in Nagoya. Die neusten Züge der Serie 500 habe ich leider nicht vor die Kamera bekommen. Dieses ebenfalls auf «Nozomi» Kursen eingesetzte Fahrzeug hat im Frühjahr '97 den Rekord des TGV von 300km/h eingestellt (dieser erreicht allerdings bei weitem nicht so traumhafte Durchschnittsgeschwindigkeiten), die Serie 500 ist sogar für 320km/h ausgelegt.

Shinkansen Nozomi (Serie 300)Haben Sie sich für einen Zug entschieden, kaufen Sie ein Ticket und eine - separat zu erwerbende - Reservation. Zwar sind im «Kodoma» und «Hikari» (nicht aber im «Nozomi») auch nicht reservierte Plätze vorhanden, diese könnten aber durchaus belegt sein. Die Tickets werden am Automaten gelöst, mit etwas Glück sind diese genügend in Englisch angeschrieben, so dass Sie sie bedienen können. Da aber eine Fahrt Tokyo-Osaka ca. ¥12'000 kostet, sollten Sie vorsichtig sein, am einfachsten schreiben Sie ungefähre Reisezeit und Ziel auf einen Zettel und bemühen einen der immer hilfreichen JR Angestellten, sie können es sich auch im Hotel aufschreiben lassen. Die Tickets selber sind in japanischer Sprache geschrieben, beim Shinkansen sind immerhin die Stationen in Englisch aufgeschrieben. Ein Ticket ist aber eine einfache, und bei der JR standardisierte Angelegenheit: In der dritten bedruckten Reihe stehen folgende Angaben in der immergleichen Reihenfolge:

Reisedatum Zugsnummer Abfahrtszeit Wagen Reihe Sitz
4. 11. 219 11:29 16 5 A

Mein Zug (übrigens kein Shinkansen, von dem habe ich leider kein Ticket, das normalerweise eingezogen wird, behalten können. Wenn Sie aber fragen, wird der Beamte Ihnen dieses einmalige Souvenir gerne überlassen, für mich kam diese Einsicht leider zu spät). Ich fuhr also am 11. April um 11:29 ab, der Zug hatte die Nummer 219. Mein Platz befand sich im Wagen 16, in der 5. Sitzreihe und war ein Fensterplatz (A), im Shinkansen sind übrigens A und E Fensterplätze. Am Automaten haben Sie keinen Einfluss darauf, aber wenn Sie die Reservation bei einem Beamten kaufen und nach einem Fensterplatz verlangen (Fenster heisst «mado»), wird er bestimmt Verständnis zeigen und Ihnen einen solchen organisieren. Die Tickets verfallen übrigens, sie sind also nur genau für diesen Zug gültig. Tickets anderer Linien, z.B. der Nankai Linie, die den Flughafen Kansai bei Osaka bedient, sehen übrigens fast gleich aus.

Suchen Sie jetzt das Gleis, beim Shinkansen wiederum ziemlich einfach, da die Destinationen in Englisch angeschrieben sind. Ansonsten können Sie auf die Zugsnummer, die in arabischen Ziffern angeschrieben ist, und die Abfahrtszeit achten (Zeiten werden ausnahmslos in arabischen Ziffern geschrieben). Aber auch die in Kanji angeschriebene Destination lässt sich problemlos mit derjenigen auf dem Ticket vergleichen.

Auf dem Gleis angekommen, werden Sie Schilder mit Nummern bemerken, dies sind die Wagennummern, und Markierungen am Boden, dies ist die Einstiegsstelle. Bei normalen Bahnhöfen, die also nicht Teil des Shinkansen sind, kann es allerdings mitunter knifflig sein, das für Ihren Zug richtige Schild zu finden. Aber dies ist kein Problem, im Zweifelsfall steigen Sie irgendwo ein, während der Fahrt haben Sie genügend Zeit, den Platz zu suchen. Begeben Sie sich also rechtzeitig zur Türe und stehen Sie wie alle anderen in Zweierreihe hinter der Markierung an. Ist der Shinkansen erst einmal angekommen, geht alles blitzschnell: Die Türen bleiben nur gerade 60 Sekunden geöffnet, nach 90 Sekunden fährt der Zug unerbittlich weiter, der Fahrplan hat absoluten Vorrang. Treten Sie übrigens nicht zu nahe an die Bahnsteigkante, die Züge fahren mit für uns unvorstellbaren Tempi ein. Aber der Zug wird pünktlich und an der exakt richtigen Stelle halten, machen Sie sich also keine Sorgen, Sie können den Zug nicht verpassen. Es ist eine absolute Selbstverständlichkeit, dass Ihr Platz frei ist, wenn bereits jemand auf ihm sitzt, haben Sie sich garantiert getäuscht. Sie haben sich vermutlich noch nicht einmal richtig hingesetzt, wenn der Zug bereits wieder auf über 100 km/h beschleunigt und nach wenigen Minuten Vollgas gibt.

Sind Sie in Tokyo eingestiegen, wird als erster ein Schaffner in den Wagen kommen, sich vor den Reisegästen verbeugen und sie herzlich begrüssen, erst dann wird er ihr Ticket kontrollieren und erleichtert feststellen, dass Sie im richtigen Zug und auf dem richtigen Platz sitzen - Japaner sind immer sehr besorgt um das Wohlergehen ihrer Gäste. Bald darauf werden zwei Hostessen den Wagen betreten, sich ebenfalls verbeugen und Sie nocheinmal begrüssen und anschliessend «o-bento», «jusu» (Juice, gemeint sind aber nicht nur Säfte sondern alle Sprudel), «biru» (Bier) «o-cha» (Tee), «kohi» (Kaffee) und «ice-cream» verkaufen. Das O-bento ist mit ¥1000 zwar vergleichsweise teuer, es ist aber auch in ganz Japan sehr berühmt (dazu tragen die hübschen jungen Damen in ihren schmucken Uniformen am meisten bei), reisen Sie also unbedingt zur Mittagszeit. Fehlt ihnen während der Fahrt etwas, können Sie zum doppelstöckigen Speisewagen gehen, im unteren können Sie am Buffet Getränke und Speisen aller Art kaufen und an ihren Platz mitnehmen. Im oberen Stock befindet sich übrigens der «Green Car», die erste Klasse, dort ist auch das Display, das die augenblickliche Geschwindigkeit anzeigt, gehen Sie ruhig kurz rauf.

Bei all diesen Ablenkungen haben Sie vermutlich kaum bemerkt, dass der Zug sich längst aus Tokyo verabschiedet hat und mit voller Geschwindigkeit durch das unendliche Häusermeer der Kanto-Ebene rast. Wenn Sie etwas Glück haben und es nicht zu dunstig bzw. bewölkt ist, steht das nächste Highlight kurz bevor: Die Strecke des Shinkansen umrundet in grossem Bogen den Fuji-san, ein einmaliger Anblick. Verpassen können Sie ihn nicht, auch die Japaner eilen bei seinem Anblick ans Fenster und, sollten Sie es immer noch nicht gemerkt haben, werden diese Sie schon darauf aufmerksam machen. Sollte das Wetter Ihnen nicht gut gesonnen sein, seien Sie nicht allzu entäuscht, einer der Reize des Fuji-san liegt für die Japaner eben gerade in der Tatsache, dass man ihn so selten sieht. Erwarten Sie aber auf keinen Fall eine Postkartenansicht: Über Japan liegt eigentlich immer ein leichter Dunst, gute Fernsicht kann man nur im Winter erwarten.

Haben Sie den Fuji-san (Der bei uns häufig gehörte Name «Fuji-yama» ist übrigens schlicht falsch. Zwar ist es richtig, dass «yama» Berg bedeutet, das Kanji für «yama» wird aber in der chinesischen Lesart «san» ausgesprochen. Da die Kanjis für «Fuji» ebenfalls in der chinesischen Lesart gesprochen werden, passt sich das «yama» an und wird zu «san». Auch die Aussprache bei uns ist oft falsch, der Berg wird Fuschi und nicht Futschi ausgesprochen.) hinter sich gelassen, tauchen Sie sofort wieder ins Häusermeer ab, das man gesehen haben muss, um sich ein Bild seiner Grösse zu machen. In den grossen Ebenen um Tokyo, Yokohama, Kawasaki und Chiba (Kanto-Ebene) und Osaka und Kobe (Kansai-Ebene) leben 2/3 der Bevölkerung Japans, über 80 Millionen Menschen, zumeist in kleinen Einfamilienhäusern mit nur zwei Stockwerken. Das Einerlei der Häuser wird nur durch Industrieanlagen unterbrochen, Sie fahren durch das wirtschaftliche Zentrum der zweitgrössten Wirtschaftsmacht der Welt. Egal ob Toyota, Suzuki, Honda, Nissan, Sony, National/Panasonic, Fujitsu, Toshiba, Sharp und wie sie alle heissen, diese Firmen von Weltruf haben ihre Hauptsitze in Tokyo oder Osaka und die meisten Produktionsanlagen in den grossen Ebenen. Diese Firmen und die schlicht gigantischen Infrastrukturbauten (besonders auffällig sind die alles überragenden Brücken und Sendetürme) dokumentieren das schwindelerregende Wirtschaftwachstum der letzten Jahrzehnte.

Zum Staunen haben Sie allerdings kaum Zeit, nach knapp 3 erlebnisreichen Stunden kommen Sie bereits in Osaka, dem Schwerpunkt der Schwerindustrie, an. Wenn Sie zuhause wieder mit einem unserer normalen Züge durch die aufgeräumten Landschaften bummeln, werden Sie noch oft mit Wehmut an Ihre Fahrt im Shinkansen zurückdenken.

Noch zwei Details zum Schluss: Im Shinkansen, wie in allen japanischen Zügen, gibt es kein Gepäckabteil und auch sonst keinerlei Platz um mehr als eine Phototasche unterzubringen. Individualtouristen haben hier ein echtes Problem, sie haben auch keine Chance das Gepäck irgendwo hin zu stellen: Die Züge pflegen restlos ausgebucht zu sein und es wird keinerlei Platz verschwendet! Ihr Gepäck müssen Sie sich in Ihr nächstes Hotel schicken lassen. Das zweite Detail hat etwas mit gutem Benehmen zu tun: Nach der Fahrt wird von Ihnen erwartet, dass Sie Ihren Müll einpacken und mitnehmen (beim Ausgang gibt es meist einen Müllschlucker), dies selbst dann, wenn Sie in einer Endstation ankommen und bereits die Putzmanschaft auf dem Bahnsteig bereitsteht!

Weiter geht es mit Teil 6

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Alain G. Barthe, 1997